Audioboß

audioboss

20000Watt gekoppelt mit 1200, das sollte für einen Suzuki-Kleinbus, genannt „mikro“, reichen. Die gesamte niedrige Decke über mir ist mit solch merkwürdigen Geräten überkrustet. Offensichtlich alle verrottet. Zum Glück! Nur in Wadenhöhe brutzelt es aus Wand-Sehrlautsprechern, als ob sich die Zündkerzen akustisch bemerkbar machen wollten. Früher war eine derartig vollgedröhnte Fahrt unerträglich, neuerdings hat das deutlich nachgelassen, sogar in den Restaurants. Neulich bemerkte ich den Grund dafür: Als eine Frau zum Telephonieren anhub, drehte der Fahrer den Terror-Sound runter. Das Benutzen der Handphones hat das gesamte soziale Miteinander deutlich verändert. Außerdem wollen die Fahrer auch selbst während der Fahrt telephonieren. Mit der Linken rauchen sie.
Mein Ohr wird jetzt von einem dünnen, alten Seemann bedient, der hinter mir Platz genommen hat und aus seinem zahnlückigem Mund stinkt. „Right, man!“ Das etwas rüde Englisch des ehemaligen Quartermasters einer holländischen Gesellschaft ist gut zu verstehen. Er kennt sogar Südamerika von seinen Fahrten und weiß, wie seine Landsleute – trotz der Spielereien mit modernster Technik – in ihrer Entwicklung 50 Jahre zurück sind. Dabei stammt er aus einer berühmten PERMESTA-Familie in Tomohon: Joop Warouw (1917-60) war 1958 während der kurzen Revolte gegen Sukarnos diktatorisches Regime Minister der Minahasa-Regierung. Sein Nachfahre erzählt mir, wie die Zentral-Regierung damals die Region ausgebeutet habe. „Sie wollten ALLES“, sach ich. „YES, man!“ antwortet er. „Besiegt, aber nich untergegangen!“ seien sie. So geht mir das auch. Romantisierung der eigenen Bedeutungslosigkeit. Wenn man nur lange genuch nich mehr hinhört, fällt die Terror-Elektronik von der Decke und die Handphones explodieren.

laerm

„Jeden Tag von Mitternacht bis zum Morgen Karaoke-Krach,
daß sogar die Gottesdienste gestört werden“
(aus „Manado Post“)
…, die die regelmäßigsten Ruhestörungen verursachen
und eine akustische wie auch mentale Pest in Nordsulawesi sind.

Ein Gedanke zu „Audioboß

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