Blind

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Lese ich doch mal wieder etwas aus meiner schmalen, in die Tropen exportierten Bibliothek, das paßt. „Die Blendung„, Erstlingsroman von Elias Canetti (1905-94), der 1981 den Nobelpreis erhielt, paßt genau: Der Sinologe Peter Kien, Canetti nicht unähnlich, lebt ganz in seiner Bücherwelt. Das Gegenteil eines Schauspielers, immer er selbst. „Man näherte sich der Wahrheit, indem man sich von den Menschen abschloß … Sich in Reden zu verlieren, ist die größte Gefahr, die einen Gelehrten bedroht. Kien drückte sich lieber schriftlich als mündlich aus.“ Das Bewußtsein bewahre man für wirkliche Gedanken. „Skype“ hätte er nich gemocht. Vor die Tore seines Geistes hat er 4 japanische Himmelswächter gestellt: „Gewaltige Ungetüme, fratzenhaft, fürchterlich“, die wissen, was nicht hinein darf. Vorbilder sind für Kien Menschen wie Eratosthenes, Bibliothekar von Alexandria, der sich als 80jähriger in wenigen Tagen zu Tode hungerte, weil seine Augen ihren Dienst zu versagen begannen. Wie alle anderen surreal überzeichneten Figuren des Romans ist er nicht in der Lage, die ihn umgebende Wirklichkeit richtig einzuschätzen. Doch anders als die ihn ausbeutenden Verrückten, versucht er anfangs immer, seine Mitmenschen als in ihren Beweggründen gut anzunehmen, obwohl jene ausschließlich im Materiellen verhaftet sind. „Betrachte der Menschen Art zu sein, beobachte die Beweggründe ihres Handelns, prüfe das, woran sie Befriedigung finden. Wie kann ein Mensch sich verbergen!“ (Konfuzius). Das gelingt Kien nicht, und so beginnt er eine Ehe mit einer unpassenden Frau aus einfachsten Verhältnissen, die umgehend die Macht im Haushalt an sich reißt und seine Bücher ins staatliche Pfandleihhaus bringt, wo eine Privatperson, die ebensoviel Zins zu fordern wagte, wegen Wuchers vor Gericht käme. Als Kien erkennt, daß sie eine von jenen Verrückten ist, „die das Widersprechendste tun, doch für alles dieselben Worte haben“, ist es zu spät. Sie, die Betrügerin, wird wiederum von einem sich honigsüß bei ihr einschmeichelnden Möbelverkäufer angeschmiert: „Kaum hat eine Geld, dann glaubt sie gleich, der schönste Mann ist für sie da“, fertigt der wesentlich jüngere Herr Grob sie ab, den sie „Puda“ nennt, in völligem Mißverstehen der Lehren des „Buddha“. Kien selbst hält die Lehre von der Seelenwanderung „für eine Unverschämtheit“. „Therese war der leibhaftige Irrsinn.“ Er ist nicht einmal in der Lage, ihr eine Ohrfeige herunterzuhauen, um sie zur Besinnung zu bringen, sondern kann auch darüber nur reflektieren: „Er malte sich die Spuren seiner Finger auf ihrer feisten, gemästeten, glänzenden Wange aus. Ungerecht wäre es, die eine Backe zu bevorzugen. Man müßte mit beiden Händen zugleich schlagen. Trifft man schlecht, so liegen die roten Linien der einen Seite höher als die der anderen. Das wäre häßlich.“ Ein mir sehr vertrauter Narr, dieser Kien: „Seit diesem Tage führten die beiden einen Kampf auf Leben und Tod gegeneinander, von dem der eine nichts ahnte.“ So verbarrikadiert er sich endlich in seiner Bibliothek und zündet sie an.
Also eine Geschichte, die das Leben schrieb. „Warum quälen sich die Menschen so? Das Leben ist elegant. Täglich kommen neue Krawattenmuster heraus.“ Liebesbriefe von Betrügern bewahrt man auf: „Wer merke das schon aus dem Brief, daß der Schreiber ein bloßer Krüppel sei?“
„Verrückt werden eben die Menschen, die immer nur an sich denken. Irrsinn ist eine Strafe für Egoismus.“
„Frauen sind ein Unglück, Bleigewichte am Geiste der Menschheit.“ Dieser Roman ist keiner für Damen, die gestreichelt werden wollen, ohne verwirrende Wendungen, fremde Worte und oft befahrene Geleise: „Die gesamte Romanliteratur ein einziges Lehrbuch der Höflichkeit. Belesene Menschen wurden zwangsweise artig. Ihre Teilnahme am Leben der anderen erschöpfte sich in Gratulation und Kondolation … Du bestehst aus Sensationen. Laß dich nur laufen, von einer Neuigkeit in die andere! Ich stehe fest. Wenn mich ein Gedanke beunruhigt, läßt er mich Wochen nicht los. Du beeilst dich, gleich einen anderen zu haben. Das hälst du für Intuition.“

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