Unterwegs in Fettland

fatland

„Die Franzosen sind Schweine!“ David Lange, ehemaliger Premier-Minister Neuseelands

Zwar ist der Reisebericht „Die glücklichen Inseln Ozeaniens“ von Paul Theroux (*1941) ziemlich fett, doch könnte er noch dicker sein. Wohl eins der besten Reisebücher über diese umfangreiche Region, schon deshalb, weil Paul sie teilweise aus der naturnahen Perspektive seines 5m langen Kajaks beschreibt. Damit kommt er den einstmals seefahrenden Insel-Bewohnern sehr viel näher als Touristen, obwohl die Wilden heutzutage eher seekrank werden und lieber vor dem TV ihre Snacks verzehren. Berührend auch, wie zum Zeitpunkt der Reise (1990) nicht nur Kuwait sondern auch seine Ehe gerade zu Bruch geht.
Er startet in Australien, „einem Land, in dem die meisten Männer die meiste Zeit über betrunken sind … Vielleicht reden die Australier lauter als andere Menschen, weil sie vom Rest der Welt so weit weg sind … In Australien herrscht eine weitverbreitete Furcht vor natürlichen Dingen. Aber niemand erwähnt die wesentlich gefährlicheren Betrunkenen“. Für manche ist das Land „eine einzige große Bierdose“. Nur Finnen im Winter vergiften sich auch mit so viel Hingabe. Ein Nichttrinker gilt „als wesentlich größere Störung oder gar Bedrohung als ein schreiender, kotzender Besoffener“. Die Fliegen sind eine Pest. Potentielle Touristen können sie auf Fotos nicht sehen, wohl aber im Film „Walkabout“ (1971) von Nicolas Roeg.
Nachdem der protestantische Pastor Johann Flierl in der bayerischen Oberpfalz die „Reisen des Kapitäns Cook“ gelesen hatte, empfing er vom Herrn den Auftrag, die Aboriginals heimzusuchen, was jenen schlecht bekam. Zum Glück verstreute 1907 ein Zyklon die angefangene Übersetzung der Bibel, und bei Kriegsbeginn wurden die deutschen Missionare als mögliche Nazi-Spione inhaftiert. Danach konnten die Aboriginals wieder in Ruhe weitersaufen.

Melanesien: Die Hauptstadt Port Moresby ist eine „der kriminellsten und verkommensten Städte dieses Erdballs“. Schon Bronislaw Malinowski, dessen subjektive Beschreibung der Trobriand-Inseln leider einem Termiten-Angriff in meinem Haus zum Opfer fiel, erkannte: „Ich befinde mich hier in einer Welt voller Lügen.“ Und Theroux beobachtete: „Die Kinder auf den Trobrianden sind frech und werden selten zurechtgewiesen.“ Jedoch hat ihnen die gesundheitsorientierte Mission der 7-Tage-Adventisten zu guten Zähnen verholfen: „Weespa a frayer in da morning!“ Auch Fettleibigkeit ist dort selten anzutreffen, doch liegt die Lebenserwartung bei unter 40. Für die Trobriander ist ein dicker Mensch so unerotisch wie Alte, Krüppel, Leprakranke oder Albinos. Katholische italienische Priester werden als Menschen angesehn, die nur Ärger im Dorf machen.

Salomonen: Dort hat die amerikanische Hilfe infolge des Krieges viele Menschen ausgehöhlt und gefährlich gemacht: „Rambo ist einer der Volkshelden der Salomonen – sein Ruhm überzieht ganz Ozeanien.“ Auf Honiara paddelt Theroux in einer Dreck-Brühe: „Wo ich hinsah, schwammen Müll, Exkremente oder tote Tiere.“

Vanuatu: Hier trifft der Autor u.a. junge Missionare, die er schlicht als „plemplem“ und „Gottes Nervensägen“ erfährt. Deshalb zitiert er Canetti („Der Ohrenzeuge“): „Der Gottprotz muß sich nie fragen, was richtig ist, er schlägt es nach im Buch der Bücher. Da findet er alles, was er braucht … Was immer er unternehmen will, Gott unterschreibt es.“ So sind gemäß „Buch Mormon“ („Junk food“) die Polynesier Abkömmlinge der Verlorenen Völker Israels. Man mußte sie nur daran erinnern. Thor Heyerdahl hatte diesbezüglich noch schrägere Visionen. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe weltberühmter Autoren und Künstler, die den Pazifik als Paradies neu erfanden, und Touristen glauben fast alles, wenn es ihnen nur gut geht.

Auf den Fiji-Inseln werden bei der Predigt Eingeschlafene von einem Wachhabenden mit dem Stock angestoßen. Hier bekommt Theroux Lungenentzündung: „Ozeanien war wunderbar, solange man sich gesund fühlte, und der schlimmste Ort der Welt, um krank zu sein.“

Polynesien: Auf Tonga passiert er zwischen Flughafen und Hauptstadt 27 Mormonen-Kirchen, in manchen Dörfern standen gleich 2. Ein moderater Wert im Vergleich zur hiesigen Situation, wo man 4-6 im Dorf finden kann, die „ganz allgemein die intensive und recht fröhliche Heuchelei förderten, die sich bei gottesfürchtigen Menschen findet“. Die Kirchen der „Heiligen der Letzten Tage“ erinnern ihn allerdings an Niederlassungen der Großmolkerei Dairy Queen. Bei Betrachtung der als Langfinger bekannten, voluminösen, flossenfüßigen Tonganer meint Theroux, nie vorher „ein Volk gesehen zu haben, das so wenig Tatkraft, eine so langsame Sprechweise und eine derartige Gleichgültigkeit gegenüber Terminplänen besessen hätte. Sie waren unachtsam, tolpatschig und ungeschickt mit ihren Händen“. Und man wird immer beklaut, egal, wohin man geht. Jubelsekten gewinnen an Boden, Konfessionen bekämpfen sich gegenseitig. „Ich traue den Franzosen überhaupt nicht! Die Franzosen haben normalerweise nur ihre eigenen Interessen im Auge, und deshalb sind sie, jedenfalls auf außenpolitischem Gebiet, unaufrichtig, prinzipienlos und unzuverlässig“, erklärt der fette König von Tonga im Interview. Theroux nennt die Tonganer „chronisch verlogen und unzuverlässig, aber nie für ihr Tun verantwortlich … Die meisten Dörfler von Utungake kamen mir unglaublich dumm und langsam vor, und ihr Interesse an ihren Mitmenschen schien sich allein auf Grausamkeiten zu beschränken“. Von ihrer eigenen Geschichte keinen blassen Schimmer.

Samoa: Die Westsamoaner haben Bibelzitate auf den Lippen und die Finger in den Taschen ihrer Mitmenschen. Einem Australier wurden immer wieder die reifen Mangos geklaut. Als er deshalb im Gegenzug die Bananen der Wilden pflückte, wollten sie ihn umbringen. „Wer viel klaut muß auch viel beten … Die Religion steigerte nur ihre Besserwisserei und Heuchelei, wobei die Mehrzahl der Geistlichen auf Samoa sich zu überlegen schien, wie man den Leuten noch mehr Geld aus der Tasche ziehen könnte.“ Ein Geistlicher ist sehr angesehen, ein Arzt gilt überhaupt nichts. Wer als Weißer in eine samoanische Famile einheiratet, wird vom gesamten Klan vereinnahmt und ausgenommen.
In ganz Ozeanien gibt es keine schöne Stadt. „Die Insulaner sind kein urbaner Menschenschlag, und in allem, was größer wird als ein Dorf, verlieren sie ihre Wurzeln und kommen aus dem Takt.“ Schönheit und Zufriedenheit empfindet Theroux nur in einsamen Lagunen: „Ich hatte mir lediglich gewünscht, daß jemand diesen Fingerhut voll Paradies mit mir geteilt hätte. Eine Frau … Für ein solches Dasein brauchte man einen Gefährten, der praktisch war, gesund und optimistisch, der nicht seekrank wurde und bereit war, sein oder ihr Land zu verlassen. Dann konnte man gehen, wohin der Wind einen trieb.“ (Seufz!). Stattdessen begegnet ihm auf jeder samoanischen Insel grundlose Feindseligkeit. Herzkrankheiten sind weit verbreitet, und die Menschen sterben früh. Ihre Fähigkeit, mit Booten umzugehen, ist verlorengegangen. Man liest Comic-Hefte, nichts wird erwirtschaftet, nichts erreicht. Das am amerikanischen Tropf hängende US-Samoa bezeichnet Theroux als Kleptokratie und fröhliche Ferkel-Gesellschaft. Gehen die Wilden, könne man das Geräusch ihrer aneinander scheuernden, fetten Schenkel noch in 3m Entfernung hören. Die Kinder eine Pest, aufgeputzt und widerborstig.

Tahiti: „Schon ein kurzer Besuch in irgendeinem französischen Territorium im Pazifik genügt, um auch den flüchtigsten Betrachter davon zu überzeugen, daß die Franzosen eine der selbstgerechtesten, oberflächlichsten, widerlichsten, zynischten und korruptesten Nationen auf diesem Planeten sind.“ Deshalb hat Gauguin, der sich wilder als die Wilden gebärdete, diesen Teil in seinen Bildern lieber weggelassen. Erstaunlich, daß er in der Hitze überhaupt so viel gemalt habe. Die Polynesier heißen einen willkommen und dann beklauen sie einen. Tahiti so teuer wie kaum ein anderer Ort.

Marquesas: Alkohol ist ein Problem, er macht die Insulaner äußerst gewaltätig. Man ist katholisch, die polynesischen Mormonen und Zeugen Jehovas sieht man als vom Glauben abgefallen an. „Die Franzosen haben auf den Inseln nichts Dauerhaftes geschaffen, außer einer Tradition der Heuchelei, diverser historischer Phantastereien und einem hohen Maß an radioaktiver Verseuchung.“

Cook-Inseln: Insulaner sind nie allein, schon weil alle irgendwie verwandt. Kaum jemand liest, weil man sowas allein tun muß. Neue Lastwagen können nicht benutzt werden, solange sie nicht geweiht worden sind. Die Mormonen trinken nicht, die Zeugen Jehovas rauchen und wählen nicht, die 7-Tage-Adventisten tanzen nicht, und die „Cook Island Christian Church“ verbietet den Fischfang am Sabbat. Alle sind sehr züchtig angezogen, verstehen es jedoch, heimlich ihrer jeweiligen Lust zu frönen.

Osterinseln: „Wenn die Bevölkerung eine bestimmte Dichte erreicht, fangen die Leute an, ihre Mitmenschen anzuknabbern.“ Auch hier versuchen die Japaner, die Inseln mit Hotels und Golfplätzen zu verzieren.

Hawaii: Honolulu ist eine Stadt mit überwiegend japanischer Bevölkerung und vielleicht die gelungenste multikulturelle Gesellschaft der Welt. Glücksspiele sind verboten und daher im verborgenen sehr verbreitet. Oahu ist zugebaut und überteuert. Auf Hawaii sind mehr Vogel- und Pflanzenarten verschwunden als an jedem anderen Ort auf dem Globus. Ein japanischer Archäologe hält die Videos für die Ursache der Kultur-Zerstörung.

„Der Mensch, der sich auf eine Insel zurückzieht, unterscheidet sich deutlich von einem eingeborenen Insulaner. Es ist etwas ziemlich Suspektes an einem Individuum, das versucht, zur insularen Unschuld zurückzufinden. Dieser Versuch ist aber in jedem Fall vergeblich, weil niemand wirklich von einer Insel Besitz ergreifen kann … Selbst wenn es einmal funktioniert hat, ist das Verderben doch mit dem ersten Videogerät, wenn nicht schon mit dem ersten Transistorradio auf die Inseln gekommen … Es ist die einfachste Sache der Welt, sich vom Wohlleben korrumpieren zu lassen … Ich suhlte mich in einem abstumpfenden Schlaraffenland, das mich am Ende fett und verrückt machen würde.“

Foto: Singen auf Oahu, 2010

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