Mikronesien

jangan

„Yet there is a central paradox around loneliness. While it can lead towards very undesirable places (isolation, depression, suicide), it can also make us better observers of the social world. We can become more perceptive, more in charge of our own reality, as loneliness makes life compelling. Vitally, loneliness assures us that our life is our own. Historically – and mythically – it has been the singular and narrow path towards virtue, morality and self-understanding … Ironically, it might be as a result of being lonely that one can better understand others and their social world.“ Cody Delistraty

„Kein Strafgeld! Ich bin das Kind eines Generals.“ Aufkleber im Mikro-Bus (gue = ich; Jakarta-Dialekt)

Die Mikros in Mikronesien sind Unterschichten-Transportmittel. Ein Zeuge Jehovas stellte mal erstaunt fest, daß er vor mir noch nie einen Weißen in einem Mikro-Bus gesehen hatte. Jetz isser tot. Aber es stimmt schon: Gut passe ich da rein körperlich nich rein, aba man iss völkerkundlich ganz nah an der Spucke von dem dicklichen, mindestens 10jährigen Jungen, der sich schräg vor mir gelangweilt auf seinem Sitz rumfläzt und jede 2. Minute aus der offenen Tür spuckt, neben der ich Platz genommen habe. In der rechten Hand ein Cellphone, mit dem er seiner kaulquappenähnlichen Mutter in der Frisur rumwühlt. Später sehe ich einen Mann aussteigen, dessen eine Wange wirklich wie die eines Frosches aufgeblasen ist. Ich bin bereit, dem Jungen eine Kopfnuß zu verpassen, falls der Fahrtwind seine Spucke gegen mich treibt, doch schläft das kleine Ekel sofort ein, als das Mikro losfährt.
In Manado probiere ich mal wieder eine andere Strecke zu Fuß. Ich gehe viel in der Hitze. Kaum jemand geht so viel wie ich, nur geistesgestört Umherirrende gehen noch weiter – sogar barfuß. Die Sohle meiner brandneuen Schuhe löst sich schon ab. Marke „Weinbrenner“! Deutsch – hauptsächlich chinesisch. Meine vorigen haben auch nicht viel länger als 2 Monate gehalten: Ein Stein brach durch die rein chinesische Gummi-Sohle. Neuerdings werden in der Luxus-Mall auch „Camel“-Schuhe angeboten („Aus Deutschland!“), für deren Preis ich mir 5 chinesische im Jahr kaufen könnte. Etwa 10 der 189 ersten chinesischen Touristen aus Guangzhu sah ich im Laden chinesische „Weinbrenner“-Schuhe mit Begeisterung betrachten. Die Aufgabe zukünftiger Ethnologen wird es sein, herauszufinden, inwieweit sich der Gebrauch von „Apple“- und „Boss“-Produkten bei den Wilden von dem in den Herkunfts-Ländern unterscheidet.
Der neue Bürgersteig in der Straße der Grabplatten-Graveure ist keine 2 Jahre alt, jedoch wie von einer Tsunami zerstört. In regelmäßigen Abständen grabgroße Reinigungs-Öffnungen für den dadrunter rumstinkenden Güllekanal, abgedeckt oder auch nich. Hier muß man beim Gehen immer auf den Weg achten! Fiele ich dort hinein, würde es sicher jemand bemerken, da ich überall beobachtet werde. So grüßt mich überschwenglich ein Behinderter mit raushängender Zunge, der im Rollstuhl geschoben wird: „ARRG-HEUÖ-MISCHTA!“ Oder so ähnlich. Ich winke ihm zu. Auch die Grabplatten-Graveure sind begeistert, als ich sie passiere. Vielleicht sollte ich schon …? Die meisten Daten sind ja bekannt. Man bräuchte später nur noch das Sterbe-Datum hinzufügen. Iss zwar noch etwas früh, aba wenn mich meine Frau demnächst verläßt, wird nicht nur die Ernährungs-Lage kritisch. Es gibt jetzt schicke neue Grabplatten. Eigentlich handelt es sich nur um schwarze, 50×50 Kacheln. Aba man kann sie auch mit einem Foto-Aufdruck des Verstorbenen bekommen, hinter ihm der blonde Jesus. Besser man hat das Foto rechtzeitich zur Verfügung, denn als Leiche wird man in der Hitze schnell grünstichich. Auch könnte man sich schon einen abschließenden Sinnspruch übalegen wie: „Nun reicht’s!“ oda „Das war’s!“
Strahlend lächelnd kommen mir in der Nähe der Papua-Bank 3 Papuas entgegen (guter Kontrast: leuchtend weiße Zähne, dunkle Haut). Dafür daß die Minahasa mich meist, die Papuas jedoch IMMER beachten, habe ich 3 Hypothesen:
a) Papuas begegnen Weißen seltener als die Minahasa. Außerdem könnte ich ein Missionar sein, somit heilich.
b) Sie sind in Nordsulawesi Exoten wie ich. Mit dem Unterschied, daß ich als Star, sie aber wie „Schwarze“ behandelt werden.
c) Wenn sie mich erblicken, denken sie gleich an Essen („Long Pig“).

Als ich glaube, die richtige Gasse zur Küste gefunden zu haben, stoße ich auf die moderne Architektur einer protestantischen Kirche. Woran erinnert mich bloß dieser futuristische Turm? RICHTICH! Eintakter Motorkolben. Aba ogginal! Mit Zylinder und Pleuelstange. Wenn der Blitz in das oben aufgesetzte Chrom-Kreuz schlägt, fängt der Kolben Gottes wahrscheinlich an, die Gläubigen unter ihm so zu bestampfen, daß sie mehr Geld spenden. Dahinter geht’s nich weiter, weil mich der Fluß kreuzt. Doch ein sehr schmaler Gang führt zur Brücke. Rechts die offenen Wohnzimmer der Anwohner mit Inventar, links ein balustriertes Beton-Geländer, an dem ein mißmutiger Wilder lehnt und in den grün-stinkigen Fluß starrt, in dem verschieden Unerfreuliches träge schwimmt. Was in Hamburg oder Vernedig eine reizvolle Passage wäre, ist hier nur ekelhaft und unästhetisch.
Bei der Ausfahrt aus Manado gibt es diesmal keinen Stau, weil die Frau, die auf den Sendeturm geklettert, entweder schon platt oder wieder runtergestiegen ist.
Während sich in Airmadidi eine Passagierin aus dem Mikro quetscht, sehe ich 3 tote Hühnerbeine aus ihrer Plastik-Tüte ragen.

2 Gedanken zu „Mikronesien

  1. Dein enger Mikrobus hat gewaltige Sicherheitsvorteile!
    Da kann wenigstens kein axtschwingender Turboradikalisierter den Gang entlang rennen und euch die Köpfe einschlagen.

  2. Stimmt! So hab ich das noch ganich gesehn. Wir würden eher als ganze Bus-Besatzung sterben, weil der Fahrer telephoniert.

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