Eingemacht

Tailor

Jedesmal wenn ich in den blauen Dosen nach Manado fahre, erinnert es mich an das Gefühl in den Fahrgeschäften auf dem jährlichen Hildesheimer Schützenfest: Eingeklemmt, durchgeschüttelt, überlaut musikberieselt, stark belüftet, existenziell gefährdet, euphorisch kommunikationsfördernd. Wenn die Konservendose auch aus Schrott besteht, so kann an ihrem inneren Himmel doch ein abklappbarer TV-Schirm wie im Flieger angeschraubt sein, auf dem eine sparsam bekleidete Frau ohrenzerbröselnden Lärm erzeugt. Dabei patscht sie mit der Hand auf einem Plattenteller herum, was in den 60er Jahren jeder unbedingt vermieden hätte. Die Musik hört sich an wie von einer Maschine produziert. Mit meinem Rucksack dämpfe ich die sappwuhfenden Lautsprecher in der Höhe meiner Waden.
Das hauteng, ganz in Schwarz gekleidete Gerippe mit ältlichem Affen-Gesicht, das in die Blechbüchse steigt, trägt Kettchen um Arm- und Fußgelenke. Auf ihren sich abzeichnenden Knochen wirklich nur das notwendigste Fleisch, um sie am Auseinanderfallen zu hindern. Ideal-Besetzung für einen KZ-Film. Seufzend nimmt sie Platz und kramt irgendwelche Ausweise aus ihrer Handtasche, die sie den vor ihr sitzenden Frauen zeigt. „Gaji!“ verstehe ich nur. Will sie ihr Gehalt abholen? Vor den Staatsbanken hat man extra Stühle und Zelte aufgestellt, um den Andrang zu bewältigen. Sogar PC-Terminals für Freiluft-Banking. Die Angesprochenen reagieren verständnislos. Offensichtlich ist die Frau halb verrückt. Ihr Gesicht zeigt braune Schlieren von unter unzureichenden Licht- und Spiegel-Verhältnissen aufgetragener Schmicke. Später schläft sie mit auf der Lehne vor ihr gestütztem Kopf ein.
Als ich die Kaserne passiere, wo man mich immer besonders nett behandelt, obwohl ich nich gedient hab, bemerke ich eine junge weiße Touristin mit Trekking-Rucksack vor mir auf dem, was ein Gehsteig hätte sein können, jedoch eher zur Hindernis-Bahn verkommen ist. Beim Gehen schlingert sie leicht, und als ich sie überhole, beabsichtige ich sie zu fragen, ob sie Hilfe bräuchte. Aber sie telephoniert gerade, und Menschen, die telephonieren, sind glücklich.
Im Soto-Restaurant nehmen am Tisch vor mir 2 Frauen und 2 Kinder Platz. Der Junge – sicher schon im schulpflichtigen Alter – beherrscht gleich mit lauter Stimme den Raum. Er solle nicht so laut sein, zischt ihn seine deutlich genervte Mutter immer wieder an – während sie ihn aus einer Plastikdose füttert. Ihr Sohn hat inzwischen ein elektronisches DIN A4-Tablett aufgebaut, mit dem er spielt. Seine Mutter versucht es wegzuräumen, aber er klappt es wieder auf. Danach geht er um den Tisch und schlägt seine jüngere Schwester, die zu heulen anfängt. Jene klopft mit einer Art Brillen-Etui wie mit einem Hammer auf einen drehbaren Aufsteller mit Speiseangeboten. 2x fällt der um, beim 3. Mal auf den Fußboden. Der Junge prustet inzwischen seinen Reis der ihm gegenüber sitzenden Frau ins Gesicht, dann spielt er einen Ego-Shooter, was ich von meiner Position gut beobachten kann: Ein Jugendlicher mit Maschinen-Gewehr bewegt sich durch eine monotone Stadt. Ab und zu höre ich ein „Tschack-tschack-tschak“. Dann wird der Spielfigur der Weg durch einen Lieferwagen verstellt. Der spielende Junge weiß offensichtlich nicht weiter. „Tschack-tschack-tschack“. Nichts passiert. Nun läßt das kleine Monster seinen Avatar um den Wagen herumgehen und weiter durch Wasser, wo nur noch der Kopf zu sehen ist. Zwischendurch dreht sich der Spielende neugierig nach rechts und links, als ob ihn der Ablauf gar nicht wirklich interessiert. Seine Mutter schiebt ihm wieder einen Löffel Reis in den Mund. Die Tochter klopft auf der Speisekarte rum. Früher soll es hier Papageien gegeben haben. Was für ein Verlust!
Auf dem Rückweg zur Bushaltstelle muß ich über die große Brücke mit dem Loch im Geländer. Ich weiß, daß ich da nich 5m runter und in den Fluß stürzen würde, obwohl der Fußweg in einer Kurve direkt darauf zuläuft. Doch diesmal hängt ein Stromkabel in Kopf-Höhe, das meine volle Konzentration verlangt. Ich ducke mich drunter hinweg – und stehe direkt vor dem Loch in der Brüstung.
Ein Stück weiter an der Küste kommt mir die Touristin entgegen, diesmal ohne Rucksack. Um den Karten-Terminal für die Straßen-Benutzung zu umgehen – Fußgänger sind hier nich vorgesehen – springe ich auf den betonierten Küsten-Rand, so daß es aussieht, als ob ich die Touristin links umgehen würde. Doch hinter dem Terminal springe ich wieder auf den Bürgersteig und passiere sie rechts. Das muß sie irritiert haben, denn sie stutzt kurz, versucht zu grüßen, sieht dann jedoch weg Richtung Pazifik. Vielleicht wollte sie Manado lieber allein entdeckt haben.
Zurück in meinem implodierten Dschungel-Paradies erzähle ich meiner Frau, was ich erlebt hab. Ihr steckt dabei ein weißer Knopf im Ohr, und sie wippt mit dem Fuß. Sie hört mich schon längst nich mehr.

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