Das echte Lebensgefühl

plattkopf

„Es gibt alte Gesellschaften, auf der Sklavenwirtschaft beruhend, die einen Despoten verehren, Sohn des Himmels oder Abkömmling der Sonne, wie diese riesigen buddhistischen Idole, deren Goldüberzug nur die Risse und Flickstellen des Gipses versteckt.“
Henri Yule, 1855

Gerade noch in Frankfurt und schon in Burma: „Ein sozialistisches Land, in dem rund jeder dreißigste Bürger Mönch ist. Ein allerletzter Rest unverfälschten Südostasiens, ohne Coca-Cola, Video und Hi-Fi, ohne Autobahnen, Hochhäuser, Beton.“ Daß ein übertrieben hoher Anteil an Mönchen ein Problem darstellen könnte, besonders seit der Buddhismus 1961 zur Staats-Religion erhoben wurde, so tief geht die Reise-Beschreibung „Dschunke, Jeep und Bambusfloß“ von Michael Möbius (*1955) und Annette Ster (*1964) nicht. Will man ein Buch länger verkaufen, unterschlägt man besser das Datum der Reise. Jedenfalls vor 1988, als Burma „die niedrigste Kriminalitätsrate der Welt“, hatte. „Ein sichereres Land – ob nun für Mann oder Frau – ist kaum vorstellbar … Aber welche Fehler Ne Win auch immer begangen hat – nie darf man die Tatsache aus den Augen verlieren, daß er sein Land mit sicherer Hand zwischen den Klippen von Ost und West hindurchmanövriert hat.“ Notfalls mit seinem Golfschläger, mit dem der leidenschaftliche Spieler ihm nicht genehme Untertanen zusammenschlug. Inge Sargent (*1932) berichtete darüber, der 1962 ihr burmesischer Ehemann im blutigen Putsch des Generals abhanden kam. Ne Win (1911-2002), offiziell fünfmal verheiratet, geistig abhängig von Astrologie und Numerologie, in der Schweiz in psychoanalytischer Behandlung, setzte Sargent ebenso unter Hausarrest wie später Nobelpreis-Trägerin Aung San Suu Kyi. 1974 erhält Birma eine sozialistische Verfassung, das Militär übernimmt das gesamte Wirtschaftsleben, das Ne Win als Staatspräsident ruiniert und die Regierung in den Bankrott führt. Auch die Massaker an Demonstranten werden von unseren Touristen nicht erlebt. Man darf ja nur 7 Tage bleiben, ohne Rückflugticket, völlig frei, vor allem aber will man einfach SEIN! Um sich besser „ins Nichts werfen“ zu können, plant man, „im Großraum Südostasien überall dahin zu gehen, wohin wenige gehen“. Z.B. in die Jugendherberge, wo man Elisabeth und Matthias aus der Schweiz und Gloria aus Chile trifft, die auch überall hinwollen, wohin wenige wollen. Mit ihnen zusammen singt man dann den lebensfrohen Burmesen ein Lied vor, das von der Unterdrückung bolivianischer Landarbeiter handelt. Matthias spielt Altflöte, „Kao strahlt, Wang lächelt“. Letztere haben die Sondertouristen gleich in der Jugend-Herberge angegeiert und ihnen vorgerechnet, wie günstig eine Pauschal-Tour mit dem Jeep zu all den Sehenswürdigkeiten wäre, wo man die trifft, die auch überall hingehen, wohin wenige gehen. Im harmonisch-malerischen Pagan lebt das ganze Dorf „hauptsächlich vom Tourismus“. Dort lernen die Abenteurer, wie „es doch ohne Glaube auch keine Hoffnung gibt“. Ach, überhaupt der Buddhismus, der einen gleich auf der ersten Seite anlächelt: „Das Lächeln Südostasiens ist das Lächeln Buddhas.“ Von den Massakern an den moslemischen Rohingya erfährt man nichts in dem Buch, das 1988 erschien – gerade als Ne Win abgesägt wurde, nachdem er Birma zu einem der ärmsten Länder der Welt gemacht hatte. Stattdessen geht es – husch-husch – weiter nach Thailand. Dort, im edlen Hotel, erkennt Annette: „Kommt mir wie Ersatzbefriedigung vor, was wir hier machen. Komfort als Ersatz für das echte Lebensgefühl.“ Und Michael runzelt die Stirn.
Meine Mutter war ihr Leben lang davon begeistert, wie man als Frau unter Adolf zu Fuß sicher zum Bahnhof gelangen konnte. Ich dagegen bin mal in die USA so ganz frei ohne Rückflugticket eingereist – und gleich verhaftet worden.

http://www.dw.com/de/myanmar-hilflos-vor-drogenproblem/a-19352845

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