Sich ausbreitende Schwärze

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Max Beckmann (1884-1950)
1914: „Aber je öfter man stirbt, umso intensiver lebt man.“ (Dann folgte ein körperlicher und seelischer Zusammenbruch.)
1918: „Das ist ja meine verrückte Hoffnung, die ich nicht aufgeben kann und die trotz allem stärker ist in mir als je. Einmal Gebäude zu machen zusammen mit meinen Bildern. Einen Turm bauen, in dem die Menschen all ihre Wut und Verzweiflung, all ihre arme Hoffnung, Freude und wilde Sehnsucht ausschreien können.“
1938: „Ich bin oft – sehr oft allein … Das Leben ist immerhin schwierig; ich glaube, diese Neuigkeit dürfte nun doch schon allgemein bekannt sein. Diesen Schwierigkeiten mich einigermaßen zu entziehen, übe ich den reizenden Beruf eines Malers aus. Ich gebe zu, es gibt einträglichere Methoden, um den sogenannten Schwierigkeiten des Lebens zu entgehen. Ich leiste mir nun einmal diesen Luxus. Eh bien – denn ein Luxus ist es selbstverständlich, Kunst zu machen und in dieser Kunst auch noch seine eigene Meinung haben zu wollen.“
1940: „Es ist traurig, so langsam vom Schicksal zertreten zu werden, aber enfin, habe ich nicht seit Jahren mich um die Sichtbarmachung des Scheins und der Unwirklichkeit bemüht, als daß ich Angst vor dem Erwachen haben sollte?“

Nachdem ich entdeckt hatte, daß meine Frau mich immer noch mit einem Online-Betrüger betrügt (Ist der Satz eigentlich komisch?) und uns finanziell ruiniert, hab ich nur noch Rot gesehen. Die weißen Stellen auf dem Bildschirm waren nach meinem Amok-Lauf rosa. Ich muß nun lernen, im fremden Land ohne meine treulose Frau zu überleben. So fahre ich zum ersten Mal allein zur Bank in Manado, um zu retten, was noch zu retten ist. Dazu benutze ich diese blauen, mobilen Blechdosen, die man micros nennt. Die Tarife sind lächerlich gering (~25-40Cent je nach Strecke), man kann durch Winken überall zusteigen und fährt relativ sicher, weil sehr langsam. Außerdem bekommt man kostenlos intensivsten Kontakt zu den Wilden. Für die kleinen Wilden ist genug Platz in den Büchsen. In D für höchstens 6 Personen zugelassen (eher gar nicht), sind sie hier mit bis zu 12 gefüllt. Der „VIP“-Sitz ist ein an den Enden aufgelegtes Regalbrett im Mittelgang. Für mich ist es allerdings schwierig, rein und raus zu kommen. Die besten Plätze sind vorn auf der Sitzbank neben dem Fahrer – jedenfalls solange sich kein Dritter dazuklemmt – und der Einzelsitz neben der immer offenen Falttür. Dort ist auch die natürliche Belüftung während der Fahrt am besten – sofern es nicht regnet. Diesmal sitze ich mit einem Bein auf der Batterie. Zwar schließt meine Schuhsohle die Kontakte kurz, aber es handelt sich um eine nicht leitende Gummisohle. Wäre das mikro-System reguliert, ergäbe es ein fast perfektes Nahverkehrs-System, doch halten sie überall, wo die Fahrgäste es wollen. Das hat jedesmal mehr oder weniger schwere Verkehrsstaus zur Folge. Als ich gerade in eins eingestiegen bin – der Fahrer, jung und fett verquollen mit kugelrundem Schädel und vorspringender Stirn eines Mongoloiden, Ideal-Besetzung für Horrofilme, kurbelt an einem winzigen Lenkrad rum – da taucht aus dem Nichts ein Motorrad-Polzist auf und verlangt die Auto-Papiere. Der beunruhigende aber harmlos freundliche Klops steigt aus, hebelt seinen Sitz hoch, Schrauben und -zieher purzeln herum, und schließlich findet er seine Ausweise. Der Polizist konfisziert sie, nicht ohne den Fahrer ruhig ermahnt zu haben, an dieser Stelle NICHT zu halten. Gegen Strafe muß jener seine Papiere beim Amtsgericht einlösen. In einem anderen micro sitze ich vorne. Fenster offen. Da fängt es an zu regnen. Ich finde keine Kurbel, um das Fenster zu schließen. Der Fahrer reicht sie mir rüber. Ich schiebe sie auf die Achse, drehe das Seitenfenster hoch und gebe die Kurbel zurück. Bezahlt wird immer von außen durch dieses Fenster. Das geht nun beim nächsten Halt nicht. Deshalb reicht mir der Fahrer wieder die Kurbel, ich kurbele, und dann können die Ausgestiegenen an meiner Nase vorbei dem Fahrer die Scheine hinreichen. Danach lasse ich das Fenster gleich offen, weil es nicht mehr regnet, gebe aber die Kurbel zurück. Wir lächeln uns verständnisvoll an.

Bisher kehrte ich immer gern zurück in mein hinterwäldlerisches Teilparadies, doch diesmal graust es mir zum ersten Mal, je näher ich meinem Haus komme.

At-home

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