Die Zypern-Krise

adameva

Nicht zu stoppen, meine Frau in ihrem Sturz. Wie diese Chinesin, die beim Telephonieren ertrunken ist. Natürlich weiß sie, daß es Online-Betrüger gibt. IHR Traumprinz ist jedoch KEINER. Nie getroffen, doch wie zauberhaft sind seine Online-Worte. Wie sympathisch sein Äußeres. Zwar präsentiert er die seltsame Legende eines klassischen Betrügers – geradezu lachhaft all diese Schicksalschläge, die ihn immer wieder in Geldnot geraten lassen – doch muß man einfach helfen. „I’d like to ask you a favor, if you come to the tomb of the twins, ask them for me for forgiveness. And that I always remember them, and that I’m always praying for their soul, always, as long as I live.“ Anscheinend hat meine Frau seine Zwillinge umgebracht – durch Verweigerung von Geldsendungen. Sowas verpflichtet natürlich lebenslang. In 6 Monaten 52000USD ohne Arbeit zu verdienen, ist allerdings beachtlich. Soviel bekomme ich nach dem Absturz der Zinsen vielleicht noch in einem Jahr. Und dann melken diese Betrüger ja auch immer mehrere dumme Kühe gleichzeitig. Er ist also äußerst geschickt und meiner Frau geistig weit überlegen. Ich auch, doch letzteres ist ihr unangenehm. Zuviel Lehrerhaftes, immer diese lästige preußische Vernunft, das kühle Rechnen. Dabei will ihr Wundermann doch die 52000USD zurückzahlen. Sie hat ihm auch schon mal 10000USD überwiesen, die er zurückgab. Ja, so würde ich das auch machen: mit dem kleinen Fisch den großen angeln. Sie wußte gar nicht mehr, daß so viel zusammengekommen ist, auf ihren heimlichen Ausflügen zur Bank in Bitung. Dort immer 2 Überweisungen an einem Tag an verschiedene Tarn-Adressen auf Zypern mittels Western Union. Jeweils mit doppelten Kosten. Selbstverständlich. Warum soll man nicht jemandem der sich „Oluwatofunmi Olukayode Onakoya“, „Diamond Onyedikochi Emma Ajali“ und „Demilola Shadia Adenuga“ nennt, Geld nach Zypern überweisen? Für die einmalige, wahre und frische Liebe tut man das. Als ich die Quittungen, versteckt unter einem Stapel Tischtücher entdeckte, lag auch ein Blanko-Formular dabei, für die nächste Überweisung. Nein, sie wollte das gar nicht mehr benutzen, sie hatte ja auch kaum noch Geld. Sie gibt nur zu, was ich an subversiven Aktionen aufdecke. Falsche Berechnungen meinerseits zu ihren Gunsten korrigiert sie nicht. Lügen gehört zum Leben. Eine Frau unter Einfluß. Leider nicht unter meinem. Warum will er sie eigentlich nicht treffen? Warum kommt immer was dazwischen? Ich meine, darum geht es doch, daß man sich endlich anfassen kann. Oder geht es um Poesie? „I wrote your name in my heart and forever it will stay.“ Ja, sie hat die Frauen, die sich in ihrer Geistesschwäche selbst ruinieren, auch im Internet gesehen, aber IHRER ist nicht so! „I will be here and you can cry at my shoulder – when the mirror tell us, we are older, I will hold you.“ Und erpreßt hat er sie nicht. Das war ein anderer, der irgendwie an ihr Intim-Video gekommen ist. Bestimmt. So wird es gewesen sein. Ein Spiel mit verschiedenen internationalen Adressen kann das ja nicht sein. Marie hat es ganz klar erzählt: Diese Frauen können nicht zugeben, daß sie träumen. Das wäre gleichbedeutend damit, sich als Idiot zu erkennen und abzustürzen. Das Erlebnis der totalen Liebe lassen sie sich schon was kosten. Schließlich fühlt man es ja – elektronisch – und hört und sieht es auch. All die schönen Stunden im Chat und diese schmeichelnden Mails.
Eins ist wenigstens sicher: Die Wahrheit wird in Zahlen erscheinen – wenn es zu spät ist. In roten Zahlen. Kein Trost für mich.
„Ich breite mich nicht weiter aus, nicht weil mein Zorn nach Genügen gestillet ist, sondern weil ich in meinen Gedancken dasjenige Geschrey, mit welchem alle meine Ruhe die Erinnerung deiner Verrätereyen beredet, nicht länger will handhaben!“
(Ferrante Pallavicino, „Der geplünderte Postreuter“).
Es reicht, wenn ich nicht mehr richtig schlafen kann und langsam in den Wahnsinn abgleite.

Max Beckmann, „Adam und Eva“, 1917

2 Gedanken zu „Die Zypern-Krise

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