Im Herzen der Finsternis

Tourismus-Plakat

… ist es sonnig und warm. Was die Hitze betrifft, so glaubt man das ja schon länger zu wissen. Doch wird auch übermäßig und falsch gesungen. Und dunkel bleibt es, weil das türkische Kraftwerk-Schiff, das die staatliche Kein-Strom-Gesellschaft besorgt hat, nicht funktioniert. Stattdessen werden 32Std. ohne Strom geliefert. Die Maschine sei neu – erklären die Polizisten – gestrichen. Als der Strom wieder fließt, nehmen sie die Betrugs-Anzeige gegen das Paar Ernny und Jimmy zu Protokoll. Bei Stromausfall kommt die gesamte Bürokratie, die ohnehin wenig effektiv ist, zum Erliegen. Den Beamten und Angestellten ist das nicht wirklich unangenehm.

„Er landet in einem Sumpf, marschiert durch die Wälder und hat in irgendeiner Niederlassung im Innern das Gefühl, er sei von der Barbarei, der reinsten Barbarei umgeben – dem ganzen geheimnisvollen Leben der Wildnis, das sich da regt im Wald, im Dickicht, im Herzen der Wilden. Auch gibt es ja in solche Geheimnisse keine Einweihung. Er muß inmitten des Unverständlichen leben, das obendrein widerwärtig ist. Das hat zwar auch sein Faszinierendes, dessen Wirkung auf ihn nicht ausbleibt. Das Faszinierende des Greulichen, wißt ihr, – denkt nur an die wachsende Reue, an die Sehnsucht, von hier fortzukommen, den ohnmächtigen Abscheu, das Ausgeliefertsein, den Haß.“

Jimmy, Beamter, Bauunternehmer und Betrüger, saß schon wegen illegalen Steinabbaus in Untersuchungshaft, für die zwergwüchsige Ernny, Beamtin und Betrügerin, die immer wirkt, als ob sie gleich platze, wird es Zeit. Jimmy ist einer der Söhne von Om Jakob, ebenso wie der Stellvertreter von Vonnie, die die Wahl zur Regierungspräsidentin gewonnen hat. Mit 51% der Stimmen in einfacher Mehrheit. Dabei erscheint es völlig überflüssig, reine Verwaltungsposten pseudodemokratisch wählen zu lassen. Ein Gericht soll jetzt prüfen, ob Porno-Darstellerin Vonnie die nötige moralische Qualifikation besitzt. Das Urteil ist zwar vorherseh- doch finanziell gestaltbar. Im Westen Indonesiens werden unverheiratete Frauen vor den Malls öffentlich verprügelt, die sich nur mit einem Mann ohne Aufsicht in einem Zimmer aufgehalten haben.

„Deshalb war er ans Ufer gegangen und hatte den Häuptling des Dorfes mit einem Stock verprügelt. Oh, das überraschte mich nicht im geringsten, auch nicht das, was ich gleichzeitig vernahm, daß Fresleven das sanfteste, stillste Geschöpf gewesen, das je über Gottes Erdboden gewandelt sei. Zweifellos war er das gewesen; doch er hatte schon zwei Jahre dort draußen der edlen Sache gedient, wißt ihr, und er verspürte wahrscheinlich das Bedürfnis, endlich auf irgendeine Weise seine Selbstachtung geltend zu machen.“

Selbstverständlich begrüßen wir es, wenn eine Führerin sexuell vital häufig Partner und Stellungen wechselt. Viel besser als auf den Knien säuerlich durch Kathedralen zu schrubben und grell zu jubilieren, „denn die Verhinderung einer freien, selbstbestimmten Sexualität ist seit jeher eine zentrale Stütze religiöser Herrschaft“ (Schmidt-Salomon). Doch wer sich dabei knipst und dann kandidiert, zeigt doch, wie doof er ist. Baut sich eine ständig um, wechselt Frisur, Hautfarbe und Kleidung, läßt sich tätowieren oder ist fett wie ein Klops, dokumentiert sie ihre Unzufriedenheit mit sich selbst und besitzt weder Disziplin noch vorausschauendes Denken. Was sollte also Wählern an solch einer Kandidatin gefallen? Doch ebenso wie Serienmörder jede Menge weibliche Fans haben können, finden auch Schauspieler ihr politisches Gefolge.

„Ich habe den Teufel der Gewalttätigkeit und den Teufel der Habsucht und den Teufel heißer Begierde kennengelernt; doch, weiß der Himmel! das waren stämmige, rüstige Teufel mit blutunterlaufenen Augen gewesen, die den Stock schwangen und Menschen schindeten – Menschen, sage ich. Doch als ich da in dieser Hügellandschaft stand, begriff ich, daß ich unter dem blendenden Sonnenschein dieses Landes Bekanntschaft mit einem schlappen, eingebildeten, kurzsichtigen Teufel raubgierigen und erbarmungslosen Wahnsinns machen würde.“

Wenn man also wirklich Prinzipien einer öffentlichen Moral als verbindlich definieren würde, wie z.B. Verantwortungs-Bewußtsein oder Ehrlichkeit, die sowieso zum politischen Selbstmord führt – soweit haben wir ja Machiavelli verstanden – so ständen gar nicht genügend Kandidaten für alle öffentlichen Posten in der Minahasa-Gesellschaft zur Verfügung. Schon das Wahlrecht für alle ist ja eigentlich eine absurde Idee. Da Mittelwege meist nicht funktionieren, muß man die zu Regierenden entweder durch Wohltaten gewinnen oder unschädlich machen (Soll man Wahlergebnisse manipulieren, um zu verhindern, daß eine kriminelle Heuchlerin an die Macht kommt?). Der erfolgreiche Politiker kommt leicht in die Situation, zur Bändigung einer disziplinlosen Gesellschaft Brutalität und Heimtücke einzusetzen, denn die Menschen taugen in der Regel nix – was sie mit aufwendigen religiösen Konstruktionen zu verschleiern suchen. Wer mit Gott in persönlichem Kontakt steht, weist sich damit jedoch als Psychopath aus.

„Nein, es ist unmöglich; es ist unmöglich, das Lebensgefühl einer bestimmten Epoche unseres eigenen Daseins anderen zu vermitteln – das, was deren Wahrheit, deren Sinn ausmacht -, deren zartes und durchdringendes Wesen. Es ist unmöglich. Wir leben, wie wir träumen – allein.“

Zitate aus Joseph Conrad, „Herz der Finsternis“, 1911

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