Brennender Schwiegervater

Edmonds2

„Die meisten menschlichen Leben verlaufen in einer Kurve, in der sich die einzelnen Stadien deutlich unterscheiden: der ansteigende Ast des Ehrgeizes, ein abgerundeter Scheitel der Reife, ein sanft absteigender Ast der Ernüchterung und Enttäuschung, und am Ende das flach auslaufende Stück des Wartens auf den Tod.“
John Steinbeck (1902-1968), „Das Tal des Himmels“

Da Steinbeck mich in seinen „Pastures of Heaven“ nicht erwähnt, muß ich es wohl selber tun, mein untergehendes Imperium, wie eine abstrakte Konstruktion unter der Last der Wirklichkeit.

Mit Sicherheit war es nicht der Grund, daß Ahmads Schwiegervater brannte. Ich hatte mich gerade gefragt, wann er sich verdünnisieren würde. Jetzt, wo alles in Stücke fällt, und die Reis-Terrassen wie Schrebergärten wirken. Ein kleiner, dünner Zimmermann um die 65, doch jünger wirkend. Kulleraugen und ein zähnebleckendes Lächeln, wenn man ihn ansprach. Antwortete der stark Schwerhörige gestenreich, war nichts zu verstehen. Als sein Schwiegersohn bei uns als Hauptpächter anfing, schlich er sich – ebenfalls aus der Moslem-Provinz Gorontalo stammend – einfach dazu, baute sich die unglaublichste Schrotthütte, nahm sich, was er brauchte, und wollte als Familien-Oberhaupt behandelt werden. So erfand er die Blitzpalme, weil er Holz benötigte. Sie sei vom Blitz getroffen worden, und stürbe sowieso ab. Nun, sie steht immer noch, sieht allerdings ziemlich jämmerlich aus. Wir duldeten ihn nur, weil sich herausstellte, daß er besser als Ahmad arbeitete, mit dem er sich solange stritt, bis wir die Felder unter ihnen aufteilten. Als neues Ungeziefer auftrat, pflanzte er nicht in den bewässerten Schlamm, sondern bohrte Löcher in den fast trockenen Boden und setzte jede Pflanze einzeln hinein. Mit Erfolg. Auch zauberte er gerne und hielt den möderischen Fastenmonat komplett durch. Daß er nicht früher in der Hitze zusammenbrach, war erstaunlich. Die Symptome weisen auf Vertigo. Bei diesen Schwindelanfällen kann man weder arbeiten noch sich hinlegen. Als dann er und sein Strohhut brannten, weil ihn das selbst gelegte Feuer umzingelt hatte, wäre das schon ein Grund gewesen, aufzugeben. Mir war auch in der extremen Trockenheit des letzten Jahres ein Feuer überraschend schnell davongelaufen, als ich die Reste einer eingestürzten Bambushütte abfackeln wollte. Die Hitze wurde so unglaublich stark, daß ich mich dem Feuer gar nicht mehr nähern konnte. Nur mit Hilfe eines Arbeiters gelang es, die Flammen einzudämmen. Selbst Steinbeck beschrieb solch eine Szene. Aber sich dabei umzingeln zu lassen, weist eher auf pure Dummheit – und Schwerhörigkeit. Oder katula, die Strafe Gottes, denn ich habe es unseren Pächtern verboten, das Reisstroh nach der Ernte anzuzünden. Da, wo ich das Gelände nicht beobachten kann, tun sie es trotzdem, weil es bequem ist. Wenn sich dabei einer selbst verbrennt, kann das nur lehrreich sein. Erfahren haben wir es erst, als der Alte schon nach Gorontalo verschwunden war – unter Zurücklasssung seiner Schulden. Nach Gorontalo abzuhauen, ist eine beliebte Methode moslemischer Krimineller. Erleben wir nicht das erste Mal. Einer der Pächter aus der Pionierzeit entkam mit dem kompletten Ertrag. Der nächste mischte dem Reis Spelzen bei. Wenn ich den Alten nach seinem Unfall nicht noch ein paar Mal bei bester Gesundheit getroffen hätte, so zum Beispiel, als der Feind ihm das Wasser abgedämmt hatte, würde ich die Mär von der angegriffenen Gesundheit und dem gefühlten bevorstehenden Tode sogar glauben. Schulden hatte er immer hemmungslos gemacht, bis wir das abstellten. Wie oft hab ich meiner Frau gesagt, sie soll die Schulden der Pächter nicht auflaufen lassen – von ihren ahnte ich nichts. Genau so gut hätte ich zum Bambus predigen können. Nun ist der Ertrag für den Schwiegervater offensichtlich nicht mehr interessant. Und auch wenn Ahmads 3. Tochter wieder zurückgekehrt ist – sie war beleidigt, weil sie von der schwangeren 2. immer getreten und geschlagen wurde – so erscheint die Sippe seines Schwiegersohns offensichtlich auf ihre sehr vitale Weise auch am Ende zu sein. Also verließ der Alte rechtzeitig das sinkende Schiff. Abgemeldet hat er sich nicht. Das Land, was er bearbeitet, haben wir nur gepachtet. Tin, die vorherige Pächterin, hat den Pachtvertrag für uns ausgehandelt. Um sich zu belohnen, nannte sie uns die doppelte Summe, die wir jahrelang ahnungslos zahlten. Tin ist auch solch ein Fall vergeblicher Liebesmüh. Von uns vorm Tode bewahrt, ist sie nun endgültig verrückt geworden. Katula!

Francis William Edmonds (1806-63), „All talk and no work“, National Gallery of Art, New York

2 Gedanken zu „Brennender Schwiegervater

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