Mummelnder Wassergeist

Bevor Simplicius Simplicissimus in den Mummelsee fiel, nachdem er ihn vermessen und Steine hineingeworfen hatte, so mancher, der seinen melancholischen Humor eine Zeitlang beobachtet, ihn derohalber für desperat angesehen. Jener traf jedoch in der Tiefe auf das Fürstlein des Wassers, welches ihm die Zusammenhänge erklärte: Diese Seen „alle miteinander bis auf das Centrum ganz bodenlos und offen seind, also daß die Steine so hineingeworfen werden, notwendig und natürlicher Weise in unsere Wohnungen fallen und liegenbleiben müßten, wann wir sie nicht wieder zu ebendem Ort, da sie herkommen, von uns hinausschafften.“ Täten sie ein solches nicht, „die Gänge, dadurch die Quellen aus dem Abgrund des Meeres hin und wieder auf die Erde geleitet, verstopft werden, das dann nichts anderes als eine schädliche Confusion und der ganzen Welt Untergang mit sich bringen könnte“.
Eben! Daran arbeite auch ich jeden Tag. Und dann treffe ich endlich am Wehr auf den Burschen, der meinen Wasserweg immer wieder verstopft, damit sein Arbeitgeber mehr Wasser bekommt. Natürlich streitet er das ab, er wolle nur mal kucken. Ein freundlicher Verwandter meines Nachbarn mit Hemd in Dschungel-Tarn und kurzer Hose. Von einer der nördlichen Inseln, mithin Ausländer wie ich. In seinem linken Winkel zwischen Auge und Nase befindet sich eine schwarze Wucherung, die einer Ansammlung von Kaviar ähnelt. Ich erkläre ihm, wie das Problem weiter oberhalb angesiedelt sei, wo jeder Neuling, der die Situation nicht kennt, uns das Wasser abgräbt. Und NIEMAND außer mir reinigt die Verstopfungen durch den Dorf-Müll. Immer wieder fordern Regierungs-Vertreter die Bevölkerung auf, ihren Müll NICHT in die Flüsse zu werfen. In Jakarta gibt es Kanäle, deren Wasser unter einer Schicht von schwimmendem Plastik-Müll verschwindet. Indonesien erstickt an diesem ins Gigantische wachsenden Problem, und für alle Schwierigkeiten gibt es einen gemeinsamen Nenner: Zu viele Menschen, und zu viele DUMME Menschen, die nicht erkennen, wie sie sich selbst zerstören. Dagegen vernichten sich in der Natur Überpopulationen periodisch selbst.
Nachdem ich mich weitere 10m mühselig durch schlaufige Schlingpflanzen und kunstvoll verwobenen Müll zum Oberlauf des Baches gekämpft habe, tote Fische, Ratten, Hühner und Hunde, tote Handphones, tote Motorradhelme und abgepackte Scheiße mit meinen Händen beseitigt, mir dabei Fingerspitzen und Nägel an Glas-Scherben und rostigem Blech zerschlissen hab, komme ich erschöpft wieder den Bachlauf herunter – und werde von Om Nano angeklatscht. Ungewöhnlich, denn sonst nähert er sich mir nur sanft und höflich. Om Nano, ein schwerhöriger Wurzelsepp, ist zum Aufseher des Friedhofs bestellt, den ICH der Gemeinde gestiftet hab. Als Lohn erntet er die vorhandenen Gewürznelken, Kokosnüsse und Muskat-Früchte. Den Boden hat er so rasiert, daß man darauf essen könnte – wenn ihn nicht jeder starke Regen in den Bach schwemmen würde. Außerdem hat er Maniok und Papaya in unmittelbarer Ufernähe gepflanzt. Die in den Bach kippenden Pflanzen erschweren mir die Reinigung zusätzlich. Deshalb kappe ich sie. Da fängt doch dieser dünne, alte Knilch an, mich zu beschimpfen, weil ich riesige Bananenstämme auf der anderen Seite, die sich über den Bach neigen, so gefällt habe, daß sie in SEINE Plantage gefallen sind. Natürlich, eine Folge der Schwerkraft. Ich kann die schweren Stämme nicht noch zurück auf die andere Seite schaffen. Entweder er beschwert sich bei dem egoistischen Bauern gegenüber, der all seinen Pflanzenschnitt ins Wasser fallen läßt, oder er säubert einfach demütig den Platz. Aber anscheinend ist Om Nano größenwahnsinnig geworden und hat ganz vergessen, wem er eigentlich seinen Job verdankt. Er wolle sich sogar bei der REGIERUNG beschweren, daß ich seine Pflanzungen zerstöre. Worauf ich ihn anbrülle: „Nur zu! ICH arbeite hier, und der Graben muß SAUBER sein!“ Später wird er von meiner Frau so abgekanzelt, daß ihm Tränen kommen, und er sich entschuldigt.
An der Atmosphäre des Novembers kann es nicht liegen. Jene unterscheidet sich nur unwesentlich von den anderen Monaten. Seit es wieder regnet, flöten und zwitschern die Waldvögel, die Sumpfvögel kreischen, Schildkröten lächeln, Schweine und Christen jubilieren, Wilde verbreiten mit pariser Detonationen Weihnachts-Stimmung, und die Schlangen sitzen im Vorhang, so daß er morgens beim Öffnen klemmt. Zugegeben, wie mir neulich eine aufen Kopp gefallen iss, das war etwas übatrieben. Aba sonst alles ganz normal. Es sind wohl eher die letzten 2 Jahre mit ihrer Überdosis an Wahnsinn, der mich immer leichter ausrasten läßt.

snakeornament

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