Wilde jagen

waechter

Und sooft die Israeliten gesät hatten, zogen die Midianiter und die Amalekiter und die aus dem Osten wider sie heran, griffen sie an und vernichteten den Ertrag des Landes … Denn wenn sie mit ihren Herden … heranzogen, kamen sie so massenhaft wie Heuschrecken … .” Buch der Richter, 6/3

Für Gideon war ich gerade in der richtigen aggressiven Stimmung. Das Problem ist so alt wie die Landwirtschaft in Indonesien. Sind die Reisfelder abgeerntet, tauchen landlose Rinder-Besitzer auf und pflocken dort ihre Viecher an. Als man noch mit Rindern pflügte, brauchten die Reisbauern selber welche. Kaum startete ich hier, war es aus mit dem faszinierenden Anblick, wie sich Rinder-Gespanne mit dem Holzpflug durch den Schlamm quälten. Stattdessen erschienen nur noch laute, stinkende Motorpflüge, die Rinder überflüssig machen. Jene zertrampeln die schmalen Dämme, und der Dünge-Effekt ist unzureichend. Also raus mit den Rindern. Doch der Kampf zwischen Land- und Rinder-Besitzern hat Tendenz zur Ewigkeit. Wehrt sich ein Landeigner gegen die Schmarotzer, binden jene das Rind so außerhalb des Grundstücks an, daß es am Seil noch meterweit eindringen kann und dabei nicht nur Zäune zerlegt. Da komme ich als Kreativer ins Spiel, denn ich kappe das Seil an der Grenze und binde das Rind kurz an die nächste Palme. Verwildert das Land, weil wir unseren Pächtern aus gegebenem Anlaß keine Kredite mehr gewähren können – was meist nur zur Überschuldung führt – können die Schmarotzer das wuchernde Futter-Gras nicht in Ruhe lassen. Sie schleichen heran, schneiden sich ein Bündel und transportieren es auf dem Kopf zu ihrem außerhalb der Reisfelder angepflockten Rind. Eigentlich Kleinigkeiten – wenn der Heuschrecken-Effekt nicht wäre. Reagiert man nicht auf JEDEN Schmarotzer, werden es immer mehr. Als ich vor einigen Tagen gleich 3 Wilde beim Grasklauen beobachtete, griff ich sie an. Wie sie merkten, daß ich ihnen den Fluchtweg abschneiden wollte, ließen sie ihre/meine Bündel fallen und rannten los. Ich auch. Mit gezogenem Haumesser. Mit Tempo ging es wie beim Hürden-Lauf über die Dämme, doch natürlich waren die jungen Burschen schneller. Ist auch besser für sie, denn was soll ich mit ihnen machen, wenn ich sie greifen kann? Nach solch einer Schock-Therapie kommen sie normalerweise nicht wieder – sondern andere. Manche hacken meine gesunden Bäume so an, daß sie absterben und als Feuerholz gesammelt” werden können.

diebeshack

Am Morgen, als ich gerade wieder ein Rind umgesetzt hatte, sah ich in der Ferne einen Burschen unter Palmen rumstehen. Vielleicht einer, der Vögel scheuchte? Kaum war ich wieder auf meiner Veranda, beobachtete ich ihn in dem Wäldchen (rechts auf dem oberen Foto) Kokosnüsse suchen. Ich also mein Haumesser umgeschnallt und hin. Gideon! Mein wohlbekannter wahnsinniger Stalker, umgeben von Müllsäcken (ALLE mitgebracht?). Er hatte eine meiner Kokosnüsse geschält, angeschlitzt, und füllte das Wasser gerade in einen gebrauchten Plastik-Becher, wie sie nach Parties überall die Kanäle verstopfen und Überschwemmungen verursachen. Er solle sofort verschwinden, brüllte ich ihn an. Das machte ihn unwillig. Nur EINE Kokosnuß! Da zog ich mein Haumesser aus der Leder-Scheide, was hier eine Kriegs-Erklärung darstellt, weshalb man es normalerweise lieber unterläßt. Doch in diesem Fall bin ICH der Gefährliche. Gideon, der notorische Rumsteher, ist harmlos. Sieht mit seinem leicht resignierten Ausdruck eher wie ein Pirat ohne Schiff aus. Scharf geschnittenes Gesicht, wilde schwarze Haare, die ihm ins Gesicht hängen, athletisch. Unzufrieden fängt er an, seine Müllsammlung am Körper zu befestigen. In einer schittigen City würde er mit nem Einkaufswagen rumziehen. Die mit all dem Müll gefüllten Säcke, den ich fast täglich aus den Bewässerungskanälen fische, hängt er sich wie Packtaschen über den linken Arm. Einen Eimer mit leeren Plastik-Flaschen klemmt er so zwischen Arm und Körper, daß er die Öffnung am Hemd hat. Etwas unschlüssig starrt er auf ein Fadenknäuel, welches dann in seiner Hosentasche verschwindet. Mit der rechten Hand greift er weitere Müllsäcke und 2 Eisen-Speere – ein schräg durchgesägtes, verzinktes Rohr, wie man es als Grenzmarkierung in den Boden rammt, das er offensichtlich irgendwo geklaut hat. Dann zieht er mit seinen Packen murmelnd davon. Der Gideon der Bibel veranstaltete ähnliche Performances (6/36): Er legte Wolle auf die Tenne, die am nächsten Morgen naß war, der Boden drumherum trocken. Ein Zeichen Gottes! Im Double-Blind-Test dann umgekehrt: Wolle trocken, Boden naß. Sicheres Zeichen Gottes! Maarten van Heemskerck hat den Scheiß sogar gemalt, und es sieht aus, als ob Sperma vom Himmel tropft.
Doch dann sind da noch die Nächte, Zeit der Diebe. Und schon geistern wieder die sehr starken Leuchtdioden-Strahlen über die Felder bis in mein Bett. Die neuen Strahler haben die nächtlichen Raubzüge zur Pest werden lassen. Diesmal nehme ich zu meiner Stirn-Lampe, die ich jedoch in der Hand trage, noch meinen 2m Bambus-Speer. Gedacht, um mir Messer-Stecher auf Distanz zu halten. Den Weg über die schmalen Dämme voller glitschiger Unebenheiten kenne ich gut. Mit der schwachen Rotlicht-Schaltung helfe ich mir an den schwierigen Stellen. Das letzte Stück dann im Sturm mit voller Beleuchtung. Um das Wäldchen herum 3 junge Jäger, die mich mit ihren Lampen blenden. Da sie nicht gleich weglaufen, kennen sie mich offensichtlich nicht. Noch nicht! Rechts unterhalb von mir ein junger Bursche mit Wolljacke und Kapuze auf den Reis-Terrassen. Typische Lumpen-Kleidung. Manchmal tragen sie noch Wollmützen in der schwülen Hitze. Ich besitze selber solche Jacken, benutze sie aber nur im kalten Westen. Hier will einer lieber nicht erkannt werden. Untrügliches Kennzeichen sind auch nach wie vor Tätowierungen. Je mehr, um so lumpiger. Diesen verschüchtert wirkenden Burschen brülle ich gleich an, was er hier wolle? Antworten tut mir der großmäulige, kurze Anführer schräg über mir: Sie suchten was zu essen! Von wegen. Wenn sie nachts schlafen und tagsüber arbeiten würden, hätten sie damit keine Probleme. Wie lange kann man von meinen Rallen, Ratten, Fröschen und Waranen, sofern sie nicht schon ausgestorben sind, satt werden? „VERSCHWINDET! ALLE! SCHNELL!” brülle ich in die Schwärze der Nacht. Als ich von dem Lumpen oberhalb von mir noch Widerworte höre, gehe ich ihn gleich an. Mit gefällter Lanze wie beim Turnier, nur ohne Pferd. Die 2 anderen flüchten sofort. Das Großmaul erst, als ich versuche, ihm den Weg abzuschneiden. Da fängt er mit seinem Knüppel in der Hand an zu rennen. Ich auch. Immer mit der Lanze hinter ihm. Panisch hetzt er über die Wälle und stürzt dabei 3x in den Schlamm. Ich kenne mich jedoch aus und habe Gummi-Stiefel an. So verkürzt sich unser Abstand auf für ihn lebensbedrohliche Distanz, doch lasse ich ihn entkommen. Was soll ich sonst mit ihm machen? Schaschlik?
In etwa 200m Entfernung sammeln sich die 3. Das Großmaul gibt spitze Schreie der Erleichterung von sich. Doch sickert ihm jetzt seine vermatschte männliche Ehre ins Bewußtsein zurück. Irgendwelche herausfordernden Rufe vernehme ich. Nach einer Weile rücken diese Lumpen wieder näher. Anscheinend haben sie nun bemerkt, wie stark sie zu dritt sind. Sowas vergißt man ja leicht in der Aufregung (Nich wahr, Ratte?). Doch verharren sie in sicherer Entfernung und tasten mit ihren Strahlern das Wäldchen ab, in dem ich hinter einem Kokos-Stamm lauere. Noch ein paar provozierende Rufe, dann ziehen sie ab.
Zurück, ist mein Mund ganz trocken vom Adrenalin-Schub. Wie soll das werden, wenn ich 70 bin? Verliere ich weiter an Gewicht, breche ich schon vorher durch.

2 Gedanken zu „Wilde jagen

  1. Mal engenommen, ein Dieb ließe zur Schadenskompensation ein paar Organspenden da –
    sind Kühlboxen vorhanden?
    Für angegammelte Organe zahlt der Organgroßhandel nix.

  2. Das iss hier nich so verbreitet. Die Wilden essen die Organe immer gleich. Würde bei den massiven Stromausfällen ja auch nich funktionieren. Wer ein Organ zur Reparatur braucht, fährt nach China. Aber falls es mal zum Nahkampf kommen sollte, könnte schon das eine oder andere Organ dabei abfallen. Allerdings ist fraglich, ob Organe, die im Kampf mit Ungläubigen gewonnen wurden, halal sind.

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