Gute Menschen

underground

An der Taschen-Abgabestelle im Supermarkt in Manado steht vor mir ein alter Mann mit Schirmmütze. Als er sich zu mir umdreht, erkennt er mich als Fremdling. Aus welchem Land ich käme, fragt er mich auf Englisch.
Dari Jerman!“
„Ah, Deutschland!“ sagt er auf Deutsch. „Gutes Land, gute Menschen!“
Während ich meine Tüte mit neuen Socken und 80er Sandpapier über den Thresen reiche, nähert er sich mit seinem weitgehend zahnlosen Mund und singt mir leise ins Ohr: „Deutsch-land, Deutschland üüber a-ha-lles!“ Dann deutet er auf seine Armbanduhr. Auf dem ganz normalen Ziffernblatt steht irgendwas mit „Deutsch …“. Ich kann es nicht genau erkennen. „Deutsche Welle“! erklärt er mir. „Gute Uhr!“ Wahrscheinlich aus chinesischer Produktion. Hoffentlich hält sie noch ne Weile! Diese Begegnung beeindruckt mich so sehr, daß ich nach dem Einkauf im Supermarkt vergesse, meine Socken und das Sandpapier abzuholen.
Ein guter Mensch ist einer, der sich selbstverwirklicht, wobei dieser Mode-Begriff die Übersetzung des englischen „self-actualizer“ sein soll, entscheidend geprägt von dem Begründer der Humanistischen Psychologie, Abraham Harold Maslow (1908-1970). Bevor Maslow das transzendentale Erleben an die Spitze setzte, war Selbstverwirklichung auf der oberste Stufe seiner Bedürfnis-Pyramide zu finden.

Beduerfnisse

Kritisch anzumerken ist hier, wie diese Pyramide eher kulturspezifisch westliche Bedürfnisse wiederspiegelt. In Asien schränkt kollektives Verhalten Selbstverwirklichung deutlich ein. Daß für den Minahasa Transzendenz eine Rolle spiele, halte ich für selbstbetrügerische Scheinheiligkeit, mit der das ausgeprägt egoistisch-asoziale Verhalten verkleistert wird. Religion ist weitgehend inhaltsleerer Aspekt der sozialen Bedürfnisse und oft das einzige kulturelle Unterhaltungs-Angebot. Auf einem Auto-Aufkleber lese ich auf rot-weiß-nationalem Hintergrund:

EAT
SLEEP
HUGEL (= Geh fremd!)

Auch kommt der Minahasa gut ohne Ästhetik aus, ganz zu schweigen von etwaigen kognitiven Bedürfnissen. Das Sicherheits-Bedürfnis ist auf Grund des Klimas stark reduziert, und dem suchthaften Verlangen nach Chili, Pfeffer und Krach müßte eigentlich eine eigene Stufe zugeordnet werden.
Nach Maslow zeigt der Selbstverwirklicher 13 idealtypische Merkmale:
1. Akzeptierung der Unvollkommenheiten des Lebens (Müssen wa wohl. Ganz Indonesien iss ziemlich unvollkommen.)
2. Einfachheit der Lebensführung (Kein Problem)
3. hohe Zielsetzungen des Handelns (oder Wu Wei, das taoistische Nicht-Handeln, sich nicht verstricken lassen?)
4. eigenverantwortliche, aktive Lebensgestaltung (Geht klar!)
5. Distanz zur Gesellschaft (Starke!)
6. Frische der Alltagserfahrung (Auch)
7. Freundschaften mit Tiefgang (Mit den Wilden? Geht einfach nich.)
8. häufigere und intensivere Transzendenzerfahrungen (Mit LSD ja, ohne nich. Also nur Einbildung.)
9. strikte, aber unkonventionelle Moralvorstellungen (Jein. Müßte definiert werden.)
10. philosophisch / pädagogischer Humor (LOL)
11. allumfassende Kreativität (Jawollja!)
12. soziokulturelle Autonomie (Gips das wirklich?)
13. soziales und humanitäres Engagement (Ja, hat aba nach der Pleite aufgehört.)

Henry David Thoreau soll nur Punkt 13 der Merkmale nicht erfüllt haben, insgesamt schafft es angeblich nur 1 knappes Prozent der Menschen. As it turns out, very little counted as life for Thoreau. Food, drink, friends, family, community, tradition, most work, most education, most conversation: all this he dismissed as outside the real business of living … The hypocrisy is that Thoreau lived a complicated life but pretended to live a simple one. Worse, he preached at others to live as he did not, while berating them for their own compromises and complexities.“

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