Walking Meditation

walking

Nachdem ich am Morgen den Haupt-Wasserzulauf von Blättern und Müll gereinigt, die Verstopfung am Wehr beseitigt habe, die mir ein fürsorglicher Nachbar immer wieder reinbaut, der einfach ALLES Wasser haben möchte, kann ich mich ganz auf einen Gang zur Kreuzung konzentrieren. Wie beim Müllsammeln kommt es darauf an, völlich bei der Sache zu sein, etwas um seiner selbst Willen zu tun. Also zum Geldautomaten an der Kreuzung zu gehen, um dort meiner Frau 12Millionen Rupiah zu überweisen, damit sie ihren Goldschmuck im Pfandleihhaus auslösen kann. Dies sollte ganz ohne Zorn geschehen, obwohl ich mein Leben so geplant hab, daß ich Pfandleihhäuser nur aus dem Kino zu kennen bräuchte. Doch wenn man im richtigen Leben lebt, passiert eben auch Unerwartetes. „Be grateful to those who have abandoned you, for they have taught you to be independent.“
Ich ziehe also meine chinesischen Wanderschuhe aus Leinen an, von denen mir der rechte aufgrund irgendeiner chinesischen Pfuscherei schmerzend in die Hackensehne schneidet. Meine Wanderschuhe aus Philadelphia haben sich inzwischen leider aufgelöst, und man kann ja nich imma in Pennsylvania einkaufen. Begleiten lasse ich mich von den Gedanken des vietnamesischen Mönchs Thich Nhat Hanh: „When you practice walking meditation, take slow, relaxed and serene steps, with a half-smile on your face. You should step like the most leisurely and unpreoccupied person in the world. While taking such steps, let all worry and sadness fall away.“
Noch in der Einfahrt finde ich 2 gebrauchte Papier-Taschentücher, 1 Bierflaschen-Deckel und 1 verpackten Plastik-Saughalm. Hier hat unser letzter Fahrer seinen Wagen gereinigt. Ganz normal, daß man das auf dem Hof des Kunden tut. Lächeln!
Es geht nun bergauf, der Teer-Belag des „Deutschen Wegs“ bis auf den Schotter zerlegt, meine Wanderschuh-Sohlen stecken das locker wech, der Hackenschmerz läßt nach. Am Friedhof treffen wir auf den Wärter Om Nano, der den Lehm-Boden putzt, bis man auf ihm essen kann. Der nächste starke Regen trägt ihn dann wech – den Boden. Meine Frau fracht Om Nano, ob er vielleicht gesehen hätte, wer immer unsern Zufluß verstopft. Hat er nich. Stattdessen quäkt eine Ente, obwohl unsere Teiche schon ein Stück hinter uns liegen. Es iss jedoch die Ente in dem Handphone in der Tasche meiner Frau. Thich Nhat Hanh hat angeblich ma bemerkt, wie Würmer anfingen zu zittern und sich unta einem Blatt versteckten, als se den Ruf eines Vogels hörten. Manche glauben ja, diese buddhistischen Mönche wärn n bißchen doof, weilse die wissenschaftlich nachprüfbare Realität für Illusion halten und sich deshalb nich um Bildung kümmern.
An der Hauptstraße angelangt, gibt meine Frau auf, sucht Schatten und ein Motorrad-Taxi. Ich gehe meditierend weita. Neben der Straße gibt es keinen ebenen Platz für Fußgänger. Man muß sich so durchschlagen. Ne echte Herausforderung für den Körper. Die Wilden gehen einfach auf dem Asphalt, schon weilse keine Wanderschuhe besitzen. Dort sausen die Fahrzeuge SEHR knapp an einem vorbei, doch wird jeder Fahrer unbedingt vermeiden, einen Fußgänger zu berühren, schlingere jener auch noch so undiszipliniert herum.
Ich passiere Häuser, die wie Paläste aussehen, und solche wie Bruchbuden. Letztere oft auf sehr optimistischen Stelzen am Abgrund. Den Müll schmeißt man in denselben. So riecht es auch. Nachdem es jahrzehntelang nur den Markt gab, der zu eklich iss, um dort einzukaufen, gehe ich nun an einer Baustelle für den 3.Supermarkt vorbei. An der Bude des Nachtwächters brennt eine Energiespar-Lampe im grellen Sonnenlicht des Vormittags. Vorher passiere ich Gideon, den Rumsteher. Seit 15 Jahren sehe ich ihn rumstehen. Seine Beine sind schon ganz nach hinten durchgebogen. Anfangs folgte er mir überall, stand während der Bauzeit auf einem Hügel und beobachtete mich. Ich hätte ihn fast umgebracht. Als er auch noch anfing, Achmads Töchter zu belagern, hab ich ihn verjagt. Heute trägt er eine Art Rucksack, der aussieht wie das „Soft Pay-Telephone“ von Claes Oldenburg. Anscheinend aus Reissäcken genäht. Mit den Händen fingert er an merkwürdigen Gegenständen rum, die wie ein Objekt aus Bambus, Holz und Metall wirken. Manchmal trägt er auch Arbeits-Werkzeuge, die den falschen Eindruck vermitteln, er würde arbeiten. Gideon meditiert im Stehen und wartet auf Godot. Mit einem Seitenblick erkennt er mich und lächelt bescheiden. Na also!
Next time when you practice try this – let a lotus flower blossom under each footstep, just like a newborn Buddha.“ Stattdessen finde ich ein zermatschtes Küken. Vor dem „Rattenloch“ steigt gerade der leicht gestörte Verwandte Yantje vom Moped und hebt die Hand zum Gruß. An der Kreuzung in der heißen Glaskabine mit den 3 Geldautomaten, die oft leer sind, drängelt sich ein grinsender Sarotti-Mohr an mir vorbei, der meine Frau anscheinend kennt. Ich kenn ja keinen. Sie unterhalten sich kurz darüba, wer bei der anstehenden Wahl zu wählen sei. Die meisten bevorzugen Vorbestrafte. Wichtich iss nur, dasse Geld verteilen. Ruft mir ein Wilder „EUOHMISCHTARR!“ nach, versucht er Englisch zu sprechen.
Weiter passiert nix. Es lohnt also ganich, daßde weitaliest. Das iss nu ma der Sinn der Meditation, daßde nix erwartest, außer vielleicht aufem Rückweg vom Geldautomaten den verhinderten Dalang Joubert auf der anderen Straßenseite zu sehn, der diesmal nich vor dir auspuckt, sondern ganz heftich auf sein Handphone starrt, damit er dich nich grüßen muß. Du siehst sogar, wie sich die Fläche des Displays in seinem Gesicht spiegelt – und DAS sind die wirklich bedeutenden Beobachtungen, die dich weitabringen. Nich Wut oder Enttäuschung, die imma wieda dein Gehirn übafluten wollen. Thich Nhat Hanh schlägt sogar vor, wiede beim Gehen deinen Atem kontrollieren sollst. Wände n Rhythmus von 3-3 hast, und dabei imma vor dich hinmurmelst: „lo-tus blooms/lo-tus blooms“, kannste auch 2-3 atmen und murmeln: „lo-tus/lo-tus blooms“. Er hat denn noch Lösungen für 5-5, 5-6, 4-4 und 6-6, aba mir iss das alles zu kompliziert, und ich atme lieba automatisch.
Zurück geht es bergab. Da fühl ich mich schon fast wie nachem Satori. Die Millionen sind übawiesen, das Geld iss wech, es geht bergab, und alles wird leichta – da begegnet mir der Tod. Echt! Er erscheint in der Form des verwandten Yos. Yos, der einst den Mekong befahren hat, iss nur noch n Strich. Soga dünna als ich, der ich bald Hosenträger brauch. Immerhin geht er wieda zum Markt, nachdem er sich jahrelang nich mehr aus dem Haus getraut hat. Fast bis zum Skelett abgemagert. „The first and most basic thing a Buddhist should see is the presence of suffering.“ Wir begrüßen uns kurz, und dann biege ich wieda in den „Lorong Jerman“, wo mich relative Kühle und der besänftigende Anblick der von mir gepflanzten Bäume empfängt. Vorher grollt mich jedoch noch n Hund an. Bei einem ähnlichen Erlebnis hat Thich Nhat Hanh ma festgestellt, wie man nur lang genuch gehend zu meditieren bräuchte, denn würde der Hund sich beim nächsten Mal schon dran gewöhnen. Hier iss das anners. Eher iss n neuer Hund da, weil die Wilden den alten inzwischen aufgefressen ham.
Schließlich erreiche ich den Eingang zu meinem Tempel-Bezirk mit seinen chinesisch roten Torpfosten und dem grünen Gitter, dessen Spitzen imma wieda von verwirrten Wilden abgebrochen werden, und alles iss gut. „Be grateful to those who have hurt or harmed you, for they have reinforced your determination.“

2 Gedanken zu „Walking Meditation

  1. …und wo iss a gebliem, also auffem rückwech app sarotti?
    auffem hinweg wase app mo-taxi auch schomma weck…
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  2. Die iss dann vonner Kreuzung mittem Mikro-Bus gleich zum Pfandleihhaus innem anderen Ort – man muß ja auf seinen guten Ruf achten – und hat dort ihren Schmuck ausgelöst. Dabei tratschen die Minahasa-Wilden inzwischen sogar schon in Jakarta üba ihre Aktionen – z.B. den Auto-Klau. Doch iss der Ruf ersma runiniert, lebt es sich ja ganz unscheniert. Und es geht imma so weita – open end. Sie iss tief verstrickt in ein Netzwerk aus Kriminellen und Halbidioten.

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