Wetterwendisch

Karuntu

Der aber, bei dem der Same auf den felsigen Boden gesät ist, das ist der, welcher das Wort hört und es alsbald mit Freuden aufnimmt; er hat jedoch keine Wurzeln in sich, sondern ist ein Mensch des Augenblicks; wenn aber um des Wortes Willen Trübsal oder Verfolgung entsteht, nimmt er alsbald Anstoß.“ Matthäus 13, 20/21

Nu iss auch noch Karuntu gestorben. Mit 73 Jahren, 9 Monaten und 14 Tagen – man zählt hier sehr genau bei solchen Angelegenheiten. Dafür hat man sonst eher leicht wechselbare Bezüge zur Wirklichkeit. Pancaroba = Übergang, unsichere Lage, Pubertät. Sein Mäntelchen nach dem Winde hängen, aber auch hin und hergezogen sein zwischen Internet und Hokuspokus. Heute diese Partei, morgen jene. Wer zahlt gewinnt. Rudolf, wie Karuntu eigentlich hieß, war verwandt, natürlich. Deshalb senkte ich auch extra die verspiegelte Scheibe ab, um ihn zu grüßen, wenn ich an seiner Hängematte vorbeifuhr. Er hatte sie nicht etwa im verkommenen Hinterhof-Garten sondern direkt neben der Straße aufgehängt – wo er auch Benzin in Cola-Flaschen verkaufte – um aus ihr heraus den Verkehr besser beobachten zu können. Kommunikation kommt vor Lunge. Deshalb hustete er stark. Als ich erfuhr, wie er offen seine Genugtuung darüber geäußert hatte, daß ich auf meinem letzten Krachparty-Raid geschlagen worden war, ließ ich die Scheibe zu. Der pensionierte Standesbeamte Karuntu war ein Säufer und Spieler. Dünn wie ein Opium-Raucher. Zuletzt wurde er noch wegen illegalen Spielens verhaftet. Da hab ICH mich gefreut. Vor einigen Monaten soff sich eine seiner Töchter zu Tode. Wie redet man über solch einen? Sylvia Boorstein (*1958), die den Dalai Lama „als die Person mit dem wahrscheinlich gesündesten Geist der Welt“ betrachtet, obwohl er sich merkwürdich anzieht, hat in ihrem Buch „Buddha oder Die Lust am Alltäglichen“ (1995) dazu Mönchsregeln zitiert:
Zur richtigen Zeit will ich sprechen, nicht zu unpassender Zeit.
In Wahrheit will ich sprechen, nicht in Falschheit.
Zu seinem Wohl will ich sprechen, nicht zu seinem Nachteil.
Sanft will ich sprechen, nicht barsch.
In Güte will ich sprechen, nicht im Ärger.“
Seit Jahren wünscht sie sich diese Regeln als Tapetenmuster für alle. Wie schön wäre es, wenn wir reden würden, um eine Beziehung zu heilen oder mit Mitgefühl zu belehren, anstatt aus Vergeltung für eine Verletzung zu verwunden. Wie kann man auf diese Weise der Wahrheit nahekommen? Wie kann man etwas verändern, wenn wir im wesentlichen Tiere sind, geprägt durch die Erfahrung, daß jeder sich selbst der Nächste und bereit ist, den anderen physisch und psychisch zu zerstören. Wobei Sanftheit allgemein als Schwäche eingestuft und ausgenutzt wird. Doch welche Streiche kann uns dabei das Gehirn spielen:
Manchmal bringt uns die Energie der Sehnsucht dazu, uns ganz plötzlich zu verlieben. Wenn Geist und Körper voller begehrender Energien sind, erscheinen uns die Menschen anziehender. Wir fangen an, romantische oder erotische Phantasien über Menschen zu entwickeln, nicht auf der Basis dessen, was sie sind, sondern mehr auf der Grundlage dessen, was wir fühlen. Das ist ein besonders tückisches Phänomen … Die Menschen fühlen sich in ihrem Geist und ihren Körpern angeregt, in jemanden verliebt zu sein, den sie überhaupt nicht kennen … Trotzdem verbeißt sich der Geist plötzlich darin und beschließt, daß dies die Beziehung des Jahrzehnts ist, jene verwandte Seele, nach der man sich immer gesehnt hatte.“ Sylvia weiß bescheid. Manche sollen sich selbst in den Dalai Lama verliebt haben. Sogar offline. Man muß also SEHR vorsichtich sein mit seinen Leidenschaften! Meditationslehrerin Sylvia vermittelt den Eindruck, als brauche sie selbst den Buddhismus am dringendsten. Etwa wenn sie in Tränen ausbricht, weil man auf einem ihrer zahlreichen Flüge das koschere Essen für jüdische Passagiere vergessen hat.
Duka ist die Trauer über das Vergängliche. „Wenn man sich über die Zerbrechlichkeit, die zeitliche Begrenztheit, die Tatsache, daß mit Sicherheit jeder den anderen früher oder später verlieren wird, klar ist, dann folgt daraus eindeutig die Pflicht, immer vollkommen gütig und liebevoll zueinander zu sein.” Wie lange können wir das durchhalten? Bis uns der andere die Ohren abgefressen hat? Ist das Zufall, wie der Sanskrit-Begriff duhkha ins Indonesische übernommen wurde, aber nicht metta = unbegrenzte Freundlichkeit? Wer sein verliehenes Geld von Karuntu zurückforderte, den bedrohte er eventuell mit dem Messer. Was also soll man sagen über diesen Mann?

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