Harmonie

tao

Wie kann ich mit kaltherzigen Menschen leben?
Ich will sie hinter mir lassen,
zum Kunlun wende ich meine Schritte
auf dem langen, gewundenen Pfad.“
Ch’u Yuan, „Begegnungen mit dem Kummer“
(Er erreichte den Kunlun niemals sondern ertrank im Milo-Fluß.)

Wir können sehen, was uns Begierde kostet,
den Verlust dessen, was wir uns bewahren möchten.“
Lao-tzu

Wenn wir begreifen, daß wir eigentlich immer am selben Ort sind, dann begreifen wir das Wesen des Lebens.“
Alan Watts, Alkoholiker

Nach taoistischer Auffassung entsteht durch die Vereinigung der Gegensätze die Harmonie des Universums. Das Symbol des t’ai-chi enthält alles, was man dazu braucht. Die Striche des oberen Trigrammes, der Himmel, das Männliche, Schöpferische, die durchbrochenen unten, die Erde, das Weibliche, Empfangende. Das Ganze eine strömende Bewegung in geordneten Zyklen, in denen sich Grundmuster des Lebens endlos wiederholen. Das Tao, der Weg, der dem Menschen von seiner Natur bestimmt ist. Entstehen und Vergehen, in dem alles in seinen Gegenpol umschlägt, wenn es sein Extrem erreicht hat. Verläßt der Mensch diesen Weg, ist er selbst und seine unmittelbare Umwelt von Chaos und Zerstörung bedroht. Dabei ist Individualität ein ebensolcher Wesenszug des Taoismus, wie so eng wie möglich im Einklang mit der Natur zu leben. Akzeptiert man die Natur als Führerin, wird das Leben mühelos und gelassen. Heitere Ruhe tritt an die Stelle der Sorge. Wo Berechnung, Habgier und Angst fehlen, entsteht auch wenig Verschleiß. Wer gelernt hat, genügsam und unbewegt von Verlangen nach Wohlstand und Ruhm zu leben, kann sich aus der „Welt des Staubes“ erheben. Ängstliche Sorge vor dem, was die Zukunft bringt, sollte man ebenso als außerhalb seiner selbst verstehen lernen wie den Schmerz um das bereits Geschehene und die Qualen unerfüllten Verlangens. Allein die friedliche Betrachtung dessen, was Habgier und Leidenschaft an Häßlichkeit und Zerstörung hervorbringen, sollte ausreichen, um ein Leben fern von allem in Stille zu verbringen. Dabei wird das Leben nicht leer, sondern die aufgefundene Einfachheit birgt beständige Freude. Fernab von menschlichem Chaos läßt man der Natur ihren Lauf (wu wei) und erlernt das Vergessen. Der selbstverschuldeten Unfreiheit ledig, von Behörden in Ruhe gelassen, besteht der Lebens-Genuß in einfachen Freuden: Dem Rauschen des Wassers, den Früchten des Feldes, dem Spiegelbild des Mondes auf dem Teich, der Morgenröte, den Bewegungen des Bambus-Hains im Wind. Man tut nichts, nichts bleibt ungetan. Zu viel Wissen, von dem, was sich außerhalb deiner selbst abspielt, ist schädlich. Es ist wie ein Zurückkehren zu dir selbst. Auch wenn diese Vorstellungen als unrealistischer Quietismus erscheinen, so ist doch deutlich, wie durchaus ein Geheimmittel gegen tatsächlich ungünstige Lebensumstände existiert: Wer aufhört, mehr zu verlangen, als er für den Lebensunterhalt tatsächlich benötigt, besitzt genug. Wer mit wenig zufrieden ist und sich nicht um seine soziale Rolle kümmert, erlangt ein großes Maß an Freiheit. Der geistige Rückzug des „Bergmenschen“, der kein Interesse an der Aufgabe hat, die Gesellschaft zu reformieren, ist auch ein physischer. Am Ende bleiben nur seine Schuhe, die er zurückgelassen hat, um auf dem Rücken eines weißen Reihers zum Pazifik-Horizont zu fliegen.
Geboren zu werden, zu atmen, zu essen, zu trinken, zu gehen, zu wachen, zu schlafen, zu leben, zu sterben: das zu tun, heißt, zum Tao gelangt zu sein. Wenn man die Dinge zu nehmen versteht, wie sie kommen, und sich nicht um Glück und Sorge schert, wenn man seine Kleidung nicht deshalb trägt, weil sie Mode ist, sondern weil sie der Notwendigkeit entspricht, wenn man nicht um des Geschmacks willen ißt, sondern um den Hunger zu stillen, wenn man sich nur bewegt, um das zu erledigen, was zu tun ist, wenn man sich treiben läßt, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, daß etwas anders sein sollte, als es ist – dann wird man eins mit den dahinziehenden Wolken. Und hat eine sehr gute Altersform entdeckt. Ich brauche nicht einmal damit anzufangen. Ich bin schon längst dabei, in meinem abgeschiedenen Tempel Leben und Kunst zur Synthese zu führen. Es gab nur eine kleine Unterbrechung. Eine Art Husten im Wind. Keuchhusten.

Quellen:
John Blofeld, „Der Taoismus“, 1979
Bill Porter, „Die Berge hüten das Geheimnis“, 1993

kleingross

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