Nomadische Existenz

Vogeler

Grundlagen einer kritisch-rationalen Philosophie der Lebenskunst
Dr. Robert Zimmer, 2014

… Gemeint ist … eine Existenz, die ebenfalls das „Glück“ immer nur vorläufig, also zeitweise, erlebt und sich ein Leben lang von einem „Ort“ des erfüllten Lebens zu einem anderen oder besseren bewegt. Ebenso, wie wir der Wahrheit nur näher kommen können, wenn wir unsere Hypothesen dem Erfahrungstest unterziehen, so muß auch der Glücks-Suchende seine Lebensentwürfe immer wieder neu diesem Erfahrungstest unterziehen. Wie nirgends anders gilt gerade in der Lebenskunst: Wer stehen bleibt, den bestraft das Leben.
… im Fall der Moral im eigentlichen Sinne, geht es um die Frage, welche Verpflichtungen wir gegenüber der Welt und gegenüber anderen Menschen haben. Die Antwort auf diese Frage betrifft alle gleichermaßen … im Fall der Lebenskunst, geht es um die Lebensform, die ich für mich selbst wähle und von der ich glaube, daß sie mir ein zufriedenes Leben schafft. Die Antwort auf diese Frage betrifft nur mich allein.
… Die Suche nach dem Lebenssinn ist in die Hände jedes Einzelnen gelegt, ohne daß die Vorgaben der „anderen“ hier notwendigerweise berücksichtigt werden müßten. Sie sind bereits durch meine moralischen Verpflichtungen abgedeckt. Keine Gesellschaft, keine Institution, kein Kollektiv kann uns dies abnehmen.
… Lebenskunst ist Sache des Einzelnen – und genau deshalb kann es dafür keine allgemeinen inhaltlichen Rezepte geben. Jeder, der versucht, Glücksvorstellungen vorzugeben, inhaltlich auszuformulieren und sie als „natürlich“ oder „vernünftig“ anzubieten, geht an der Einzigartigkeit individueller Dispositionen und Lebensverläufe vorbei.
… Natürlich ist jeder durch physische oder soziale Bedingungen immer gebunden. Niemand kann aus seiner Haut heraus und den Bedingungen entfliehen, in die er hineingestellt ist. Aber die Spielräume, die jedem verbleiben, müssen auch von ihm selbst ausgefüllt werden. Sie dürfen weder durch sozialen Druck oder Konventionen zugestellt noch durch „Anleitung“ anderer ausgefüllt werden.
… Es ist ja nicht so, daß wir irgendwann den Raum der Zeit betreten und ihn als derselbe irgendwann wieder verlassen. Vielmehr befinden wir uns in einem ständigen Prozeß der Veränderung, vor allem auch, was unsere Neigungen, Ziele und Lebensprioritäten betrifft.
… Jeder muß also lernen, die mit ihm vorgegangenen Veränderungen richtig einzuschätzen und seinen Möglichkeitshorizont neu zu bestimmen. Jeder Lebensweg ist auf eine andere Art von zeitlichen Veränderungen betroffen.
… Der Mensch ist im Unterschied zu anderen Wesen ein von Offenheit und existenzieller Unsicherheit geprägtes Wesen, das als Einzelner vor der Aufgabe steht, seinen eigenen Ort zu finden und sein Leben bewußt zu gestalten. Dieses „Nicht-an-einen-existenziellen-Ort-Gebunden-Sein“ ist das erste grundlegende Merkmal dessen, was ich „nomadische Existenz“ nenne. Die nomadische Existenz „hat“ keinen Sinn, sondern sie ist immer unterwegs nach einem Sinn. Einen objektiven „Lebenssinn“ gibt es nicht. „Lebenssinn“, „Glück“ oder „gelingendes Leben“ sind immer Ergebnis eigener Lebensbemühungen, d.h. der Bemühungen des Einzelnen. Ich nenne dieses Ergebnis auch, in Anlehnung an die Philosophie der Stoiker, „Selbstübereinstimmung“. Jeder muß sich auf den Weg machen, seine eigene Art der Selbstübereinstimmung zu finden. Dies geschieht in Etappen durch eigenständige Akte der Wahl und Lebensentwürfe. Diese Etappen sind u.a. bestimmt durch das subjektive Verhältnis, den Standpunkt, den der Einzelne jeweils zur Zeit, zu „seiner“ Zeit einnimmt.
… Dabei stellen wir fest, daß wir nicht einfach einen „Sinnentwurf“ aus dem blauen heraus machen können. Grundlage jeder Lebenskunst ist vielmehr, daß wir diesen Lebensentwurf auf eine richtige Einschätzung der Welt und der eigenen Person aufbauen können. Ich muß erstens die für mich relevanten natürlichen und Umweltbedingungen einschätzen lernen. Jeder von uns wird in andere Verhältnisse hineingeboren, in ein anderes Land, in eine andere Gesellschaft, in eine andere Familie, mit jeweils anderen sozialen Bedingungen und Konventionen. Es gibt Dinge, wie die Stoiker schon erkannten, die ich verändern kann, und es gibt Dinge, auf die ich keinen Einfluß habe. Jedem ist z.B. klar, daß es einen Riesenunterschied ausmacht, ob ich in einem Land der Dritten Welt oder in einem der reichen Industrieländer aufwachse, und wie sehr das eine oder andere meine Lebensmöglichkeiten bestimmt. In jedem Fall muß ich richtig einschätzen, wie groß mein Möglichkeits- und Lebensspielraum ist.
Auch was meine eigene Person betrifft, muß ich alle möglichen Faktoren bedenken: die physischen Voraussetzungen z.B., die Talente und Handicaps, die Schwächen und Stärken, die sich verändernden Neigungen, die Bildungsmöglichkeiten, Folgen von Erziehung und Ausbildung usw. Auch muß ich immer wieder die Veränderungen registrieren, die mein Selbstverständnis, meine Fähigkeiten und meine Möglichkeiten betreffen. Im Gegensatz zu östlichen Meditationslehren, die das Ich und das Zeit-Bewußtsein möglichst einschmelzen wollen, plädiere ich für eine bewußte Annahme des Ichs in all seinen Zeitbezügen. Wir lernen das ganze Leben über uns selbst und verbessern unsere Selbsteinschätzung. Erfahrungsgemäß ist diese Selbsteinschätzung in jungen Jahren eher mangelhaft. Wir tendieren dann oft dazu, die Wünsche an die Stelle der Möglichkeiten zu setzen. Unser Eigenbild ist in der Regel verzerrt und unterscheidet sich damit sowohl von dem Bild, das die Außenwelt von uns hat, als auch von den objektiven Möglichkeiten, die mir meine Persönlichkeitsausstattung erlaubt.
Bei beiden Erkenntnisprozessen, der Welterkenntnis und der Selbsterkenntnis, spielt der Faktor Zeitlichkeit also eine große Rolle. Veränderungen meiner Umwelt und Veränderungen meiner Persönlichkeit verlangen, daß ich mein Welt- und mein Selbstbild sozusagen immer auf den neuesten Stand bringe. Mit zunehmendem Lebensalter verändert sich dieser Möglichkeitsspielraum und es verändern sich viele der anderen genannten Bedingungen.
… Wir entwerfen ein Bild von der Welt und von uns selbst und müssen diese immer wieder in der Konfrontation mit der Erfahrung korrigieren. Und: Wir kommen niemals an ein Ende. Denn auch wirklichkeitsnähere Welt- und Selbstbilder bleiben immer hypothetisch. Wir werden immer wieder durch die Erfahrung mit dem Kopf darauf gestoßen werden, daß wir im Grunde ein anderer sind als der, für den wir uns halten. Das Licht, das wir auf die Welt und auf uns werfen, wird immer nur einen Teil der Wirklichkeit erleuchten.
… Auf diesen beiden Erkenntnisprozessen – der Welterkenntnis und der Selbsterkenntnis – aufbauend, kann der Einzelne nun daran gehen, eine Wahl in Form eines Lebens-Entwurfs zu treffen, von dem er nicht nur wünscht, daß er zu einem sinnvollen, glücklichen, gelingenden Leben führt, sondern von dem er es auch realistischerweise erwarten kann. Jeder Lebensentwurf eines sinnvollen und glücklichen Lebens, der Chancen hat, zu gelingen, muß in gewisser Weise als Ergebnis einer Anpassung an individuelle Möglichkeiten verstanden werden. Diese Möglichkeiten sind bei jedem Einzelnen andere: Ich kann z.B. zu dem Ergebnis kommen, daß mir ein sozial zurückgezogenes Leben verbunden mit einer intellektuellen Tätigkeit eher liegt als eine feste Partnerschaftsbindung, die mir vielleicht noch die finanzielle Verantwortung für eine Familie auferlegt. Ich kann auch zu dem Ergebnis kommen, daß meine Fähigkeiten und Neigungen dermaßen in Konflikt mit den gesellschaftlichen Bedingungen stehen, unter denen ich lebe, daß ich ein befriedigendes Leben nur durch Auswanderung erreiche.
… Auch für die Lebenskunst gilt: Jeder Lebensentwurf beruht auf Vermutungswissen. Dies allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Es geht hier nicht um „angemessene Erklärung“, sondern um Formen des „besseren Lebens“. „Besseres Leben“ heißt: Ich nähere mich dem Zustand an, in dem ich mit mir selbst übereinstimme, indem ich die Unglücksmöglichkeiten verringere.
… Der Mensch ist ein lebenslang lernendes und Erfahrung auswertendes Wesen. Diese alte Einsicht des kritischen Rationalismus gilt auch für die Lebenskunst. Wenn unser Leben gelingen soll, müssen wir uns ein Leben lang bewegen. Wir sind zeitliche Wesen. Wenn das Glück dauern soll, müssen wir es immer wieder neu, an einem anderen Ort suchen. Endet das alte Glück, wird unser Lebensentwurf also „falsifiziert“, dann deswegen, weil wir in der zeitlichen Veränderung andere geworden sind und unser Glück jetzt einen anderen Namen trägt. Wir können uns – wenn wir ein gelingendes Leben wollen – nie an einem Lebensort endgültig niederlassen. Wir können uns auch nie darauf verlassen, den endgültigen Ort des gelingenden Lebens gefunden zu haben. Wir bleiben Nomaden in einer Existenz, die immer unterwegs ist.

Das iss doch fein durchdachter, sauber formulierter Theorie-Quark. Meine Lebens-Kunst hat sich trotz allen Reflektierens am Ende in ein entnervendes Lebens-Chaos verwandelt. Meiner exotischen Frau in ihrem Heimatdorf eine schöne und gesicherte Existenz geschaffen, und nun sitze ich dort und sie vermutlich bald in den USA. Iss doch originell, isn’t it? Oder iss das komisch? Ich kann bloß nich drüba lachen.

Foto: Heinrich Vogeler, 1940

15 Gedanken zu „Nomadische Existenz

  1. Ja, der Text wirkt wie der eines Menschen, der keine andere Sorgen hat, als sich wandelnd zu beobachten und zu analysieren, ohne dabei durch irgendetwas aufgehalten worden zu sein oder sich umständehalber festzufahren. Vielleicht auch wie einer, der weder Wünsche noch Willen zum Maßstab gemacht hat, und das wirkt ebenso befremdlich wie die Statements, die Hermann Hesse seinem Siddharta in den Mund gelegt hat, mit denen er sich über die ‚Kindermenschen‘ erhoben hat. Und zwischen denen sitzt du nun fest.
    Die USA-Pläne deiner Frau auf der Flucht vor dem Festsitzen in den selbstgeschaffenen Problemen mögen ja ihrerseits bestehen, verletztend und beängstigend für dich, aber an eine Ausführung glaube ich nach deinen kleinen indiskreten Spickern in ihre Korrespondenz nicht, das wirkt eher so, als würde sie an der Nase herumgeführt, und du rennst mit im Kreis.

  2. Oh ja, und unter Umständen befindest du dich im >> Urzustand der Welt: „Wahrlich, zuerst entstand das Chaos und später die Erde …“ (Vers 116).

  3. @puzzleblume: Wenn meine Frau und ich – durch meine Provokation – nun doch noch zum Reden kommen, ist es total verblüffend für mich, wie die gleichen 40 Jahre völlig unterschiedlich erinnert werden. Wobei ich mich dann frage, ob nicht die Rückschau neu und anders bewertet, sozusagen Begründungs-Zusammenhänge geschaffen werden müssen für das aktuelle Verhalten. Wenn sich z.B. die Unvereinbarkeit indonesischer Sozialisation in der Gruppe und die westliche des Einzelgängers nun als unüberwindbare, finale Hürde erweist. Einfacher ausgedrückt: Was hat man eigentlich gemacht die ganze Zeit? Gelitten? Oder ist es vielmehr die geistige Leere, in die man hineingerutscht ist, in der jeder neue Kick herzlichst willkommen ist.
    Und was soll man zu dem Vorwurf sagen, ich könne mich einfach besser ausdrücken und sie so niederreden.

  4. @zweiteselbst: Lieste auch heimlich inner Bibel? Vers von wem? Von Jesaja, Jeremia, Ezechiel, Daniel, Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zephanja, Haggai, Sacharja, Maleachi oda Heini Krause?

  5. Der unten von dir erwähnte Vorwurf ist nach allem, woran ich mich aus den zurückliegenden Jahren, in denen ich deinen virtuellen Äußerungen folge, kaum übertrieben, und wir beide teilen dieselbe Muttersprache. In welcher Sprache diskutieren deine Frau und du?

  6. Wir sprechen Deutsch miteinander, das sie sehr gut beherrscht. Da ist sie natürlich im Nachteil. Aber es geht doch nicht darum, wer im Streitgespräch vordergründig siegt, sondern darum, was man tut. Dabei verschließt sie sich so extrem, daß ich gar nicht erkennen kann, was in ihr vorgeht. Andererseits ist sie auf malaiische Art so offen zu allen, daß sie immer wieder leichte Beute für jede Art von Betrügern wird, während ich von vornherein erstmal zu bin. Wir sind also total unterschiedlich – wie Mann und Frau. Ich benötige keine Doppelgängerin. Die Vereinigung der Gegensätze, Yin und Yang, ist das Interessante und das Belebende einer Ehe. Theoretisch. Doch mein Potential langweilt sie nur noch, das ihre besteht in den erschöpfenden Reparaturversuchen des Schadens, den sie angerichtet hat. Ich habe auch schon Frauen im Netz getroffen, die mir als interessanter als meine eigene erschienen – ich kommuniziere ja gerade mit einer – aber ein gemeinsames Lebens-Projekt ist doch wohl bedeutender als ein Unterhaltungs-Programm mit Internet und Reisen.
    Ach, ich kann mir hier den Mund fusselich reden, es ändert sich nichts an der conditione humanae.

  7. heute echt ohne linie
    ja, prima hinweise von puzzleblume!
    …es geht bei euch wohl tazächlich um festwachsung & fortbewegung und um die veränderung der erfahrung bezüglich ort, heimat und sprache;
    natürlich biste eben genau nicht „von vornherein erstmal zu“, aus dir kommt unübasehbar vieles sofort raus; also eher die richtung ist dir zu, du lässt evtl. zu wenich rein;
    als ein „wilder“ hättest du sofort eine chance mit dir, als nomade sowieso; zu klären bleipt, wer von euch beiden vorn auffem pferd oda hinten auffa axe …

  8. Also hier treffen 2 klassische Lebensmodelle aufeinander: Aufer einen Seite der “fool on the hill”, Han Schan, der Eremit im Wald. N anerkanntes Modell in Philosophie und Literatur. Alle finden das gut, und keina kann es leben. Und denn der soziale Mensch, der am liebsten inner Gruppe sitzt, egal wenn noch so doof, aba man kann lachen, iss imma was los. Und denn muß man die Welt sehen, nich nur am TV umschalten. So iss man nie auf sich selbst zurückgeworfen sondern ewiger Tourist. Sowas geht natürlich nich zusammen. Der eine richtet sich ne optimale Klause ein, die Bali, Burma, Bonn und Bumerang mit einschließt, so daß er ganich mehr rauszugehen braucht. Und denn isser auch so kreativ, dasser dafür gakeine Zeit hat. Außadem kannste keine Tiere halten und was anbauen, wände nich die Verantwortung des Seßhaften übanehmen willst. Der andere brauch eigentlich n Wohnmobil. Reisen iss das Glück der Ruhelosen. Ich wollte niemals ruhelos sein.
    Das iss der vordergründige unvaeinbare Gegensatz.
    Ich hab damals, bevor ich meine Frau kennenlernte, Stellen in Japan gesehn, da hab ich mir gesacht: In som Ambiente willste leben. Da gabs sogar gleich die passende Zen-Philosophie dazu. Und das hab ich verwirklicht, und da bin ich jetz, und da bleib ich auch. Ich brauch eigentlich nix mehr. Keine Defizite. Aba ich hab imma gern ma meine Frau ab und zu angefaßt. Dafür sind die Ziegen kein ausreichender Ersatz.
    Ein Kompromiß zwischen offen und zu iss die Tür. Bei den Minahasa meistens offen. Darüba freuen sich die Diebe.
    Vielleicht iss aba der dominierende Grund das energetische Modell: Jeder Impuls valiert ständich an Energie und verlangt einen neuen Reiz. Das kann man durchschauen oder sich drin valieren. Und wer das durchschaut, valiert trotzdem.
    https://minahasato.wordpress.com/2008/10/10/waldschrat/

  9. manchmal helfen die begriffe, z.b. “ s e s s h a f t “ und “ r u h e l o s „; na kla iss „ruhelos in sesshaft“ möglich, gerade da bei dir;
    manchmal hilft physik: die gesamt-energie eines abgeschlossenen systems kann weder vermehrt noch vermindert werden und die magnetfelder von deim kopp bleiben für imma;
    manchmal hilft die vorstellung, was z.b. wärst du lieber: du oda deine frau, die tischtennisplatte oda der ball, leber oda lunge…

  10. Begriffe und Vorstellungen helfen nich, wenn jeder sein eigenes Magnetfeld hat. Das iss mir alles zu ruhehaft und sessellos.

  11. Ja, so ähnlich. Nach Wikipedia war es Hesiod (ca. 700 v. Chr.). Aber Elias Canetti hat auch mal gesagt, also fällt mir grad wieder ein: Es gibt keine größere Illusion als die Meinung, Sprache sei ein Mittel der Kommunikation zwischen Menschen. ^^

  12. Genau so. Besonders bei Zweisprachigkeit. Was ich höre, ist ein deutscher Begriff, der für mich allein schon aus der eigenen kulturellen Sozialisation heraus indivduell definiert ist, der von der Sprechenden eventuell falsch verwendet wird, was ich nicht bemerke. Daraus können wiederum Denkgespinste entstehen, die falsches Verhalten evozieren. Ein perfekter Schlamassel. Und wenn meine Frau mir vielleicht 27 oder 32 Jahre später vorwirft, ich hätte mal in Gegenwart meiner Mutter festgestellt – so als ob sie gar nicht da gewesen wäre – daß sie den Begriff “Charisma” falsch verwendet hätte, was sie offensichtlich lebenslang betroffen – was soll ich dazu sagen? Begriffe wie Charisma und Autorität kommen in meinem Sprachgebrauch gar nicht vor, weil sie für mich so abstrakt sind, daß ich damit gar nichts verbinde. Außerdem erkenne ich mich in der geschilderten Situation nicht wieder, denn daß ich mich jemals mit meiner Mutter gegen meine Frau verbündet hätte, würde unsere Geschichte auf den Kopf stellen. Zur selben Zeit behandelt mich meine Frau, als ob ich gar nicht da wäre, in einer Weise, die real jeden final zerstören könnte. Und es gibt noch viel schlimmere Vorwürfe, z.B. daß ich damals bei ihr schwere Angstzustände ausgelöst hätte, die mich nachträglich zum Monster machen. Daraus kann man nur folgern: Es war immer alles falsch. Aber was hat man 40 Jahre zusammen gemacht? Und wieso bin ich hier? Kann man sich eigentlich noch intensiver auf den Partner einlassen, als die eigene Kultur faktisch aufzugeben?

  13. Oh, Tom. Leider fällt mir da auch kein passender Begriff ein. Aber es war bestimmt nicht alles falsch. Die eigene Kultur faktisch aufzugeben? Geht das denn überhaupt? Alles zu vergessen, wie man wurde, was jetzt ist? Vllt. wenn man dann auch die Begrifflichkeiten vergisst??

  14. Na ja, cultura bedeutet eigentlich Anbau, und ob man Reis anbaut oder sich in einer Schule totmachen läßt, ist schon sehr was anderes. Auch die dauernde Wärme, das Fehlen der Jahreszeiten und die wildere Natur. Die eigene Sozialisation gilt nicht mehr, auch wenn sie richtig verlaufen sein mag, und in D wär ich heute sicher ein Fremder – und Gescheiterter. Man vergißt zwar nicht, es hat aber auch keine Wirklichkeit mehr.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s