Nachteinsatz

nachteinsatz

Es gibt da eine sehr spannende Szene in „Platoon“, in der Charlie Sheen in seiner Rolle als Soldat Taylor nachts im Regen eine vom Mondlicht erhellte Öffnung in der Schwärze des Dschungels beobachtet, bis er mit zunehmendem Entsetzen feststellt, daß sich die Pflanzen-Silhouetten in nordvietnamesische Soldaten verwandeln. Schon damals im Moor lernte ich, wie es viel besser ist, selber zum Ungeheuer zu werden, als immer nur Angst zu haben.
Auf die staatliche Strom-Nichtversorgungs-Gesellschaft ist Verlaß: Fällt der Strom nicht tagsüber aus, dann wird es nachts zappenduster. Da man so nicht viel machen kann, lege ich mich auf meine Matratze, schlafe ein, oder wache nach Stunden auf, weil die Lampen an sind. Doch diesmal fingern wieder die Lichtstrahlen von LED-Leuchten durch den Raum. Jäger unterwegs! Als sie sich dem Zentrum unserer Reisfelder nähern, taste ich nach der Taschenlampe, suche meine noch schweißnassen Arbeits-Klamotten, schnalle mein Haumesser um, greife mir die Stahl-Stange aus der Lenkung meines ehemaligen Toyota-Jeeps und gehe raus. Mit einer Stirnlampe, die sich auf schwaches Rot einstellen läßt, funzele ich mir den Pfad an, den ich vom täglichen Gras-Schneiden kenne. Über die schmalen Dämme stolpere ich zu einer Baumgruppe, die mal den Wohnplatz von Ahmad umgab. Die 3 Jäger, von denen ich nur ihre dunklen Silhouetten erkenne, sind inzwischen fast außerhalb meines Gebiets. Mit ihren starken, hunderte von Metern weit leuchtenden Lampen suchen sie in den Bäumen nach Ratten und im Sumpf der Naßreisfelder nach Vögeln und Fröschen. Seit es diese gleißend-starken Leuchten gibt, ist das eine Plage geworden. Ich kann nicht feststellen, ob es sich um die gleichen Lumpen handelt, die ich vor einiger Zeit mal schwer geschockt habe. Sie bewegen sich um mich herum und kommen kaum näher als 100m. Ich lauere zwischen Kokos-Palmen, Laubbäumen und Gebüsch, aber sie meiden die Stelle, wo ich mal 2 von ihnen überraschte.
Dann hebt sich der Mond blutrot aus den Wolken über dem Pazifik, wird immer heller und läßt meine weiße Haut erstrahlen. Ich hätte besser ein schwarzes, langärmeliges Hemd angezogen, aber finde das mal im Dunkeln. Das Mondlicht im Osten hinter mir, verstecke ich mich zwischen dem filigranen Gitter eines trocken herunterhängenden Palmwedels und dem Stamm. Nun bin ich der Vietcong. Das monoton schwingende „TSIIIEH-TSIIIEH“ der Zikaden, das mich tagsüber autistisch schaukeln läßt, ist völlig verstummt. Ab und zu höre ich Ratten quieken oder einen Frosch quaken. Sonst völlige Stille. Um Schlangen zu bemerken, ist es zu dunkel. Ich kann nur hoffen, daß sie mich meiden. Der Vulkan Klabat versucht ein chinesisches Aquarell zu imitieren, in dem er nur seine schwarze Buckel-Spitze zeigt, während die Basis von blauweißen Wolken verhüllt ist. Zwischen den Reis-Terrassen geistern die Lichtstrahlen der Jäger wie Flak-Scheinwerfer. Als sie Richtung Dorf abziehen, folge ich ihnen parallel auf den Feldern, mal von den Dämmen abrutschend, mal auch auf allen Vieren. Mein Schatten mit dem Mond im Rücken weit voraus. Akustisch nur vom Platschen meiner Gummistiefel im Schlamm begleitet. Ich möchte bewahren, doch wird mir meine Ohnmacht gegenüber der Finsternis bewußt. So sinnlos – aber schön, diese nächtliche Patrouille ohne Feind-Berührung.

4 Gedanken zu „Nachteinsatz

  1. Die Nicht-Buddhisten in Nordthailand scheinen wesentlich pflegeleichter zu sein,
    als die wilden Nicht-Christen in den Reisfeldern von Sulawesi.
    Nachteinsätze gibt es hier auch. Sie haben Seltenheitswert. Dagegen muss jederzeit mit Verlusten gerechnet werden.

  2. Anscheinend handelt es sich bei diesen Nachtschwärmern um Moslem, die auf dem Rückweg von ihrer Casino-Hütte noch ein bisschen jagen.
    Es gibt tatsächlich weisse Expats, die einem erzählen, dass Moslems nich saufen und spielen, und Korruption gäbe es in D ja auch.

  3. Pingback: Wilde jagen | Flaschenpost

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