Wilde jagen

Grasdiebe

Da isser wieda, dieser junge Wilde im roten T-shirt. Aus der Mitte der Reisfelder meiner Frau – ich sach nich mehr „unserer“, die Verhältnisse sind nich so; ich bin hier ja nur der Hof-Narr, der sein Haus 2x bezahlen mußte – also mitten zwischen ihren Reis-Feldern erscheint er plötzlich, und vor ihm geht ein Bündel Gras. Durchs Fernglas beobachte ich, in welche Richtung die Beiden, das Bündel mit Beinen und der rote Wilde, verschwinden. Er stiehlt wieder Futter-Gras. Weit außerhalb der Felder in der Nähe zweier Hütten wirft sich das Bündel einem Rind zu Füßen und enttarnt einen älteren, ausgeblichenen Mann.
Ich schnalle mir also mein Haumesser in der harten, holzverstärkten Lederscheide um und gehe los, Wilde jagen. Das Messer iss aus einer Wagenfeder geschmiedet, der extra große Knauf aus schwarzem Eisenholz geschnitzt. Seit jener sich wegen roher Gewalt gespalten hat, hab ich den Riß mit Holzleim gefüllt und den Griff mit schwarzem Isolier-Band umwickelt. Ich bewege mich über die schmalen Dämme der Reisterrassen Richtung Nordosten auf die 2 eng nebeneinander aufgestellten, wellblechgedeckten Sperrholz-Baracken zu. Vater und Sohn. Kein Mensch weit und breit im gleißenden Licht der Vormittags-Hitze, nur vereinzelt grasende, cremefarbene Brahman-Rinder, die die Dämme zertrampeln. Vor den Hütten nur noch parallele Lehm-Wülste, die mit Tomaten beflanzt sind. Deshalb fehlt es an Weideland, aba bloß nich auf ne Kuh verzichten, solange man sie irgendwo illegal weiden lassen oder wenigstens das Gras für sie klauen kann. Ein paar Dörfer weiter zerstören unangebundene Rinder sogar die Anpflanzungen von Roger, dem Australier. ALLE Landbesitzer haben das Problem, und es iss nur mit Gewalt zu lösen. Früher hat man das Rind zum Bürgermeister gebracht oda am nächsten Baum aufgehängt. Bei mir halten sich die Wilden inzwischen zurück, weil ich ein gefürchteter Strick-Sammler und Anarchisten-Jäger bin. Doch sie vermehren sich wie die Wilden, und die neu Hinzuziehenden muß ich ersma er-ziehen. Das bißchen Gras iss dabei unwichtich. Für meine Ziegen bleibt noch genuch übrich. Doch wenn ich mir nich jeden einzelnen dieser Lumpen vornehme, wildern sie auf dem Land meiner Frau wie die Heuschrecken.
Ich schiebe mich also zwischen den halbhoch umwachsenen Tomatenstangen aus Bambus hindurch auf die Hütten zu, dabei von ekelhaften Kötern hysterisch verbellt. Dort steht das Rind und frißt mein Gras, und ich stelle mich daneben. Unter dem Vordach der einen Hütte sitzt ein alter, verknitterter Apache mit Baseball-Mütze im Schatten. Als er mich bemerkt, schleicht er heran und fragt – mit beträchtlichem Sicherheits-Abstand – was ich suche. Ich frage ihn, dabei grußlos auf das Gras deutend, wo das herkäme. Dabei verwechsle ich rumput mit rambut (Gras mit Haar), weil ich so wenich mit den Wilden rede, daß an sich richtich Gedachtes mir mal wieda falsch aus dem Munde springt. Er versteht mich jedoch sofort, antwortet aba, das wisse er nich (Er war das Bündel mit Beinen!). Dann frage ich ihn, ob er den Mann im roten T-shirt kenne (seinen Sohn!). Nein, den kenne er nich. Da drehe ich mich ebenso grußlos um und gehe meinen Weg zurück. Außerhalb der Tomatenfelder blicke ich mich nochmal um und sehe den Mann mit dem roten T-shirt hinter der anderen Hütte zwischen den Reisfeldern. Ihm wird gerade von den Hütten aus (von seinem Vater) etwas zugerufen. Deshalb dreht er sich um und blickt zu mir. Da bleibe ich nochmal deutlich stehen und starre ihn an, bis er sich abwendet. Zumindest weiß er jetz, wie ich ihn auf dem Kieker habe. Bestimmt kommt der nich wieder. Falls doch, bediene ich mich bei seinen Tomaten. Wir können ja auch tauschen: Gras gegen Tomaten.

3 Gedanken zu „Wilde jagen

  1. Gras und Haar so ähnlich – finde ich schön bildlich. Vermutlich spukte dir das alte deutsche Haare-vom-Kopf-Fressen durchs Unterbewußtsein.

  2. Es ist einfach so, daß man eine Fremdsprache nich parat hat, wenn man sie nich übend spricht. Und das wird mit mir nix mehr, weil niemand da ist, mit dem sich zu sprechen lohnte. Kommunikation würde dadurch eher schwieriger, denn die Wilden haben schon untereinander erhebliche Schwierigkeiten mit ihrer Sprache. Besser deutliches Nicht-Verstehen als unabsehbar folgenreiche Mißverständnisse.

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