Vor oda nach dem Essen beten?

affenbalkonsw

Da hockten wir also wie die Affen von Ubud auf den Dielen meiner Dschungel-Veranda, das ohne Bauamt von mir entworfene Geländer nur 40cm hoch, 50cm zu tief für deutsche Verhältnisse, doch keina stürzte hinunter in den Teich. Der Australier Roger, ein Heila, den wir geheilt ham, und der auch von eina Grippe genesen war, Alpha, Australier japanisch-indonesischer Abstammung, musikalisches und fremdsprachiges Genie, der schon in D studierte und nun an der Adventisten-Uni in Airmadidi, ebenso wie seine indonesische Freundin Rebecca, die teilweise deutsche Vorfahren aufzuweisen hat. Es ging also ma wieda alles international durcheinander. Febe, die javanische Frau Rogers, phonographierte uns so schief, daß es mir gerade noch gelang, das Bild wieder der Rechtwinklichkeit zuzuführen, wobei ich es lieba schwarzweißelte, weil man mir ansah, wie ich in der schwülen Hitze glühte.
Schließlich, nach ausführlicher Betrachtung des Pazifiks, begaben wir uns an den Mittagstisch, und ich forderte die Gäste zum Essen auf – dabei aus Erfahrung ahnend, wie sie vorher das zwingende Bedürfnis verspüren würden zu beten. Dazu senkt man plötzlich den Kopf – oft erst aus verzeihlicher Vergeßlichkeit nach dem ersten Bissen vom Gewissen gemahnt – schließt die Augen und zählt maximal bis 15. Trotzdem begann ich, mir einen knuspriges Chicken-Nugget ins Maul zu stopfen und mit Nudelsalat einzuschleimen. Doch forderte Roger nun den Alpha auf, das Gebet zu sprechen. Sonst hatten sie stumm vor sich hingebetet, während ich schon kaute, doch diesmal stellten sie am Eßtisch eine anachronistische Christen-Mehrheit. Infolgedessen sprach Alpha seinen persönlichen Gott mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen an. Mir stockte der Nugget im Schlund, ich beobachtete Alpha und wandte meinen Kopf dann zu meiner Frau, die auch schauspielerte, wobei sie mühsam das Grinsen verkniff. Wenigstens faßten sie uns nich an, wie in diesen dammlichen amerikanischen Filmen.
Ausdrücklich gedankt in dem Gebet wurde mir, dem Hausherrn, für das Mahl, nich meiner Frau, die es zubereitet und serviert hatte. Was jener erfundene Adventisten-Gott mit dem Nudelsalat zu tun haben könnte, blieb mir ein Rätsel. Und stell dir nur ma vor, jemand stirbt nach dem Essen, und man hat sich bei Gott vorher dafür bedankt! So manch berühmter Vegetarier iss schon an Fleischvergiftung gestorben, und diese zu Platten verlöteten kleinen Salz-Fische enthalten manchmal giftige. Deshalb wär‘s doch wohl sinnvoller, NACH dem Essen zu beten, wenn man sicha iss, daß niemand kotzt. Jedoch Sensibilität von religiös Engagierten zu erwarten, iss ein Widerspruch in sich. Als Gast käme ich niemals auf die Idee, die Situation einer mir gebotenen Mahlzeit in solch auffälliger Weise umzufunktionieren, zumal ja jedem Besucher meines Hauses deutlich wird, wie ich entweder Buddhist bin oda nuscht. Aba so sindse eben, die Wirren. Sie müssen imma eina Seifenblase nachlaufen, und wenn sich der eine Führer abgeführt hat, hamse gleich einen neuen: „Ich bekenne mich zum Buddha als meinem unübertroffenen Lehrer.“ (Buddhistische Union). Dieser adventistische Märchen-Gott weiß jetz zumindest, wann und wo wir gegessen ham.
Als Frau Burkschat ma ihrem neuen ostpreußischen Dienstmädchen erklärte, wo auf dem Eßtisch Messer und Gabel zu liegen hätten, und wie man Essen (von links) und Wein (von rechts) serviert, antwortete jene: „Also das muß mir doch wundern, jnädije Frau, daß Sie als jebildeter Mansch so abergläubisch sind!“

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14 Gedanken zu „Vor oda nach dem Essen beten?

  1. ja, ich denke schon, aber dann eher aus der Zeit, als man sich Gedanken darüber gemacht hat, auch multilulti-Kindern gerecht zu werden, indem man auf Religiöses verzichtet. in den normalen bayerisch-österreichischen Kindergärten, die meine Kinder besuchten, wurde konservativ gebetet. Da begann notwendigerweise meine Erziehung zu Toleranz und Umgang mit Gehirnwäsche.

  2. „Multilulti“ trifft die Angelegenheit ja auch ganz gut. Ich finde jede Art von ritualisiertem Essen unappetitlich.

  3. Ich mag dieses gemeinsame Gemurmel nicht. Wenn sich jemand beim Tier auf dem Teller oder dem, den er dafür verantwortlich hält, dass er etwas zu essen hat, leise bedanken möchte, ist das für mich ok, aber das ist ganz und gar dessen Angelegenheit, in die ich nicht mit einbezogen werden will.
    Da waren die alten Ostpreussen aber auch ziemlich wild drauf, auf Beten und Brote vor dem Anschnitt bekreuzigen und so.

  4. Das mag bei der Minderheit der katholischen Ostpreußen so gewesen sein, aber von meinen Leuten kenne ich das überhaupt nich. Bekreuzigen ist ja deutlich katholisch, und das Anfassen stammt von den amerikanischen Sekten.

  5. Ich kenne es von meiner erzevangelischen Ex-Schwiegermutter. Ob die Salzburger trotz Protestantentums nicht womöglich einige alte Sitten mitgebracht hatten?
    Meine eigene Sippschaft, die ich persönlich kennengelernt habe, war nominell evangelisch aber praktizierend areligiös. Meine Eltern hatten mal eine kurze Phase, wo sie meinten, uns das Gutenachtgebet nahebringen zu wollen, aber das hatte eher integrativ-erzieherische Gründe, glaube ich. Damals sollte man ja noch konfirmiert werden. ^^

  6. Mein Vater wollte Weihnachten imma die Weihnachts-Geschichte vorlesen – was uns ziemlich genervt hat. Das war’s aba auch schon mit der Religion. Und dann mußte ich konfirmiert werden, damit mir keine Zukunft verbaut war, denn nur Kommunisten und Ex-Nazis waren damals ohne Religion.

  7. Das war’s vermutlich. Erst haben meine Eltern die ostzonale Lehrerausbildung inklusive Russisch und politischer Bildung mitgemacht, und dann, nach dem Ausbüxen in den Westen mußte dann schon wieder irgendwie bewiesen werden, dass man alles hinter sich gelassen hatte. Gar nicht so einfach innerhalb von weniger als 10 Jahren.

  8. @ratte: Ebn! So hap ich das ja auch jesehn – bis ich hierher kam und jeden Morjen gegen 5 von wahnsinnigen Predigerinnen jeweckt wurde. Und denn gaps da noch son paar Bomben von der anderen Fakultät.

  9. vastehe!…haap selpst die anneren in diesen gedanken eingeschlossen, aba die sinds, die nich davon applassen könn, und schon wirds auch mir gefährlich;
    und jetzt nochma 1 anmerk hinzu:
    die 4 zeilen von frau burkschat und ihrem ostpreußischen dienstmädchen sind das beste, was ich seit langem zu diesem thema gelesen haap! voll auffen punkt!

  10. Was Oskar Rühling, Markthelfer und Sozialdemokrat, ma dazu jesacht hat, iss auch nich schlecht: „Gott? Nee, an den glaub ich erscht, wenn der an ein Disch mit mir gefrieschtickt hat!“

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