The sun is god?

William-Turner

Hier wird sie eher als unangenehm empfunden, jedoch behauptete Joseph Mallord William Turner (1775-1851) dies auf seinem Sterbebett. Ich hatte zuerst „The sun is dead!“ verstanden, was besser zur Endsituation des Malers gepaßt hätte – und zu meiner auch! Doch hielt sich der Film „Mr. Turner“ (2014) hier an die Fakten, obwohl eine Eisenbahn-Station erwähnt wurde, die zu seinen Lebzeiten noch nicht existierte. Die Bildbetrachter fuhrwerkten nicht mal mit den Fingern auf den Gemälden herum – ein sonst charakteristisches Zeichen, wie weit die Film-Produzenten vom Metier entfernt sind – jedoch spuckt der Film-Turner beim Malen mehrmals auf seine Bilder, was bei Aquarellen noch Sinn machen würde, aber nicht in der Ölmalerei. Und so wissen die einen nicht genug, ersetzen das durch Fantasie und quaselndes Nachmalen mit Worten, die anderen versuchen das Phänomen seiner besonderen Inspiration mit Fakten zu erklären: Da brach 1815 der Vulkan Tambora auf Sumbawa aus und verbreitete weltweit Staub und Kühle. Selbst das Tageslicht veränderte sich jahrelang merklich und soll sehr prächtige Sonnen-Untergänge bewirkt haben. Eine weitere materialistische Erklärung für die zunehmende Unwirklichkeit in Turners Bildern wird darauf zurückgeführt, daß der Maler unter einer Trübung der Augenlinse litt, was zu veränderter Farbwahrnehmung führt.
Sicher ist, daß seine Verwandtschaft mit den Impressionisten nur eine äußerliche ist. Es gibt nicht mal Hinweise darauf, wie letztere von ihm beeinflußt wurden. Er beginnt mit der üblichen romantischen Opernhaftigkeit, dabei stets um topographische Genauigkeit bemüht: „Kein Parlament hat je so schön gebrannt.“ Doch zunehmend wird die beobachtete Wirklichkeit zum Farb-Traum, der in die totale Abstraktion vorstößt und dabei den Untergang einer von Illusionen und Sehnsüchten beherrschten Epoche verkündet. Ein Witzbold meinte zu Turners Landschaften – sein progressives Werk wurde während seiner gesamten, durchaus erfolgreichen Karriere geschmäht – sie seien Bilder von nichts und sehr ähnlich. So sieht auch mein derzeitiges Seelenleben aus. War es also Zufall, daß ich den Film unmittelbar sah, bevor mir meine Frau offenbarte, sie habe – nach der Viertelmillion vergeigter Euros – IMMER NOCH Schulden, die sie nicht zurückzahlen könne? Turner war – anders als meine Frau – auch kein Optimist. Einer verniedlichenden Schönheit stellte er das Erhabene als Zufluchtort derer entgegen, denen die Zivilisation keine Antwort auf ihre Fragen gibt. Ich hab nun auch keine Antworten mehr und stattdessen meine Koffer bereitgestellt für den Ausstieg aus dem Ausstieg. Ich müßte allerdings erstmal eine Unterkunft in D finden. Vielleicht im Obdachlosen-Asyl?
Balinesische Würmer zerstören nicht nur das kritische Bewußtsein sondern befallen auch den Darm. 2012 war Marion M. im Urlaub auf Bali an einer heimtückischen Amöbenruhr erkrankt. Anfangs hatte sie Bauchkrämpfe und Durchfall, dann nahm sie dramatisch ab, fühlte sich bald völlig erschöpft. Die Ärzte waren ratlos. Trotz Antibiotika kam sie nicht mehr auf die Beine, konnte keine Nahrung mehr verwerten und verlor immer weiter an Gewicht. Schließlich beschloß sie, dem Leiden ein Ende zu setzen. Freiwillig ging sie in den Tod, indem sie zu essen und zu trinken aufhörte. Eine andere Lösung, jedoch eine langwierige. Der Appetit ist mir sowieso vergangen.
„Auch vor dem Hunger fürchte ich mich nicht, denn ich weiß von früherem Fasten, daß der nach dem ersten Tag ausbleibt. Eine Fastenregel besagt, man solle erst wieder anfangen zu essen, wenn der Hunger wiederkommt. Das werde ich dann aber nicht mehr erleben. Stattdessen wird mich der ansteigende Harnstoff im Blut müde machen, bis ich nicht mehr aufwache.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Sterbefasten

„Schneesturm auf dem Meer“ (Er ließ sich an den Mast binden, um alles genau beobachten zu können.), 1842, Öl auf Leinwand, 91,5 x 122cm

2 Gedanken zu „The sun is god?

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