Der Sohn des Veteranen

affenplanet

Wir warten auf den Prachtstufen des Portals der Mega-Mall Manado auf unseren Fahrer. Der überdachte Eingang bietet neben Parkbuchten Platz für 2 Wagen nebeneinander. Doch jetzt hat „Suzuki“ die Parkplätze mit ausgestellten Fahrzeugen besetzt. Die Wagen stehen auf flachen, hölzernen Plattformen, die ungesichert ~2m in den Fahrbereich hineinragen. Als unser Fahrer einen Wagen umfährt, der gerade seine Passagiere absetzt, berührt er versehentlich mit einem Reifen die Ecke einer der Plattformen, die dabei ~10cm lang abricht. Der Schaden läppisch, doch Anlaß für großes Theater. Im Rückfenster beobachte ich, wie einer der Suzuki-Angestellten, ein junger, leicht verfetteter Mann, unseren Fahrer heftig beschimpft und sich dabei immer mehr ereifert. Das trifft sich gut. Ich bin voll geladen und bereit zum händeln. Nicht nur seit letzter Nacht. Das ganze Jahr werde ich schon mißhandelt. Jetz iss genuch!
In der Nacht weckte mich meine Frau gegen 22Uhr30, weil draußen ein Flak-Scheinwerfer durch unseren Wald geisterte und dazu Luftgewehr-Schüsse zu hören waren. Ich also raus. Vorher schnalle ich mir noch mein Haumesser um. Es wäre totaler Wahnsinn, es jemals gegen einen Wilden zu benutzen, aber sollte mich ein solcher mit seinem Messer angreifen, würde ich meins doch heftich vermissen. Als ich das Tor öffne, bemerke ich unterhalb im Canyon ein Motorrad an unserer Grenzmauer. Davor ein junger Mann mit Luftgewehr auf dem Rücken und Lampe in der Hand. Als ich ihn mit meiner traurigen Funzel anleuchte, richtet er seinen Flak-Scheinwerfer auf mich, und alles um mich herum wird bläulich weiß. Also marschiere ich schwungvoll bergab direkt ins Licht. Das wird dem Burschen sofort unheimlich, und er ruft: „Ich bin Andi, der Sohn von Eba!“ Aha! Eba ist Mitglied in unserer Landwirtschafts-Kooperative – auch ein Witz, aber ein anderes Thema. Andi hat inzwischen anscheinend nicht viel dazugelernt. Nicht das erste Mal, daß ich mit ihm Kontakt der unangenehmen Art habe. Damals verewigte ich ihn hier, er fand gugelnd seinen vollen Namen, und seine Mutter bat mich, den wieder rauszunehmen, denn ihr Sohn fährt zur See. Dabei kommt er auch ab und zu nach Hamburg und hatte deshalb Sorgen, wegen meines Posts dort verhaftet zu werden. Diesmal besitzt er schon 2 Kinder und schießt nachts Ratten von meinen Bäumen, weil er es bei seiner Frau nich aushält. Eine mickrige Ratte liegt bereits auf dem Tank seines Motorrads. Das wäre eine Schiffs-Lampe gewesen, erklärt sein Vater meiner Frau am Morgen. Dabei kratzt er sich am Sack. Meine Frau fragt sich, warum er das immer tut, wenn er mit ihr spricht. Viele Männer fummeln in diesem Bereich rum, wenn sie mit einem reden. Ich glaub nich, daß ein tieferer Sinn dahintersteckt. Reine unbewußte Verlegenheits-Geste. Vermutlich Atavismus.
Nicht nur mit der christlichen Seefahrt haben wir z.Z. Probleme. Moslemin Ira hat Geld von meiner Frau geliehen – auch DAS hatte ich ihr ausdrücklich verboten – Iras seefahrender Sohn wollte es zurückgeben. Stattdessen muß er Strafe zahlen. Sein Kapitän hatte ihn anstatt zur Wache zum Schlafen geschickt, um ungestört auf hoher See einen Benzin-Tanker des staatlichen Monopols „Pertamina“ anzuzapfen – was u.a. den Benzin-Mangel erklärt. Der Kapitän sitzt jetzt im „Hotel gratis“, und der Skandal lief sogar im TV.
Doch zurück zu dem laut schimpfenden Suzuki-Mitarbeiter. Ich marschiere hin und stelle mich daneben. Als er unseren Fahrer beleidigt, erwidere ich, nicht der sei dumm, sondern diese verkehrsgefährdende, ungesicherte Ausstellung. Da flippt der Mann völlig aus und fängt an, MICH zu beschimpfen – und das Theater füllt sich mit Zuschauern. In Indonesien entstehen aus solchen Situation lokale Bürgerkriege. Das letzte Massaker zwischen Christen und Moslems auf Halmahera begann mit einem Streit im Taxi. Die Wilden kennen einfach ihre Tourismus-Werbung nich. Egal ob Schädiger oder Geschädigter, die eigene Unrechts-Position wird immer mit Aggression verteidigt. Da es keinen Sinn hat, mit dem Wüterich zu reden, drehe ich mich um und will zurück zum Wagen. Da hält er mich am Ärmel fest. VORSICHTICH! Da ich in letzter Zeit immer besser in die Ferne sehen kann, trage ich diesmal keine Brille, und bin ohne noch gefährlicher als mit. Scharf drehe ich mich um und brülle ihm ins Gesicht. Da läßt er los. Doch der Wahnsinn eskaliert weiter. Am Wagen hält mich einer der sekuriti-Leute der Mall an, der zwar beobachtet hat, wie mich der Wüterich angegriffen hat, jedoch nicht durchblickt. Weiß-blau uniformiert, am Gürtel Dolch und Polizei-Knüppel mit Doppelgriff, an der Schulter ein Funk-Gerät, in der Hand das elektronische Waffen-Suchgerät. Er bittet mich zum Gespräch mit den Betroffenen. Ich lehne strikt ab. Weder bin ich der Verursacher, noch gehört mir der Wagen. Ich habe auch niemanden beleidigt. Durchs Rückfenster des Wagens sehe ich, wie ein Suzuki-Mann einen orangen Warn-Kegel an einer Ecke der Plattformen aufstellt, als ein Wagen in der Nähe rangiert. So viel haben sie inzwischen begriffen.
Unser Fahrer geht zum Gespräch und erzählt hinterher, wie man ihn zu beeindrucken versuchte: Der Wüterich erklärte, er stamme aus Teling. Das ist der kriminellste Teil Manados, in den man sich nachts nicht wagen sollte. Noch besser der sekuriti-Mann: Er sei der Sohn eines VETERANEN! Gut zu wissen, daß man die Wilden damit verwirren kann. Ich bin auch einer. Aber eines Veteranen aus einem RICHTIGEN Krieg! Nich son läppischer Kindergarten-Konflikt zwischen Sulawesi und Rest-Indonesien, in dem die Minahasa immer nur weggelaufen sind.
Auf der Rückfahrt parkt ein Wagen auf der Straße. Tür halb offen. Der Fahrer steht mit der Stange vom Wagenheber vor einem mageren Hündchen am Straßenrand, das in Todes-Zuckungen mit den dünnen Beinchen strampelt.
Am Abend sehe ich mir noch „Dawn of the Planet of the Apes“ (2014) an, in dem eine Menge Minahasa mitspielen: „Ape always seeks strongest branch.”

7 Gedanken zu „Der Sohn des Veteranen

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