Willste Gott kennenlernen?

kennenlernen

Der Tag beginnt mit dem Fegen der Veranda. Schwarze Aschenreste von verbrannten Reis-Halmen. Seit Tagen Rauch in der Luft, der die Atemwege reizt. Der einfachste Weg, sein nicht nutzbares Reisstroh loszuwerden. Meinen Pächtern hab ich‘s verboten. Auf den weiter entfernten Feldern tun sie‘s trotzdem. Gerade hat das indonesische Parlament dem Asean-Vertrag von 2002 gegen länderübergreifende Luftverschmutzung zugestimmt, wie ich sie apokalyptisch in Singapore erlebt hab. Indonesien das einzige Land, das bisher nicht unterschrieben hatte. Inzwischen brennen wieder 1448 Hotspots und verpesten die Luft.
In Manado suche ich nach einer neuen Mini- oder Midi-Sound-Anlage. Wahrscheinlich in Folge der täglichen, plötzlichen Stromausfälle spielt meine 5 Jahre alte verrückt. Es gibt jedoch nur noch Maxi-Anlagen für maximalen Krach. Unterwegs passiere ich eine Gruppe Oberschüler. Ein etwas feminin wirkender ruft mir zu:
„Hello Mister! – Nice glasses!“
Er meint meine ganz normale Brille. Sie wollen ihr meist jammervolles Englisch irgendwie loswerden. Im Vorbeigehen, niemals frontal. Das trauen sie sich nich. Man muß sich umdrehen, wenn man reagieren will.
In meiner Bank will ich die „Prioritas“-Einstufung loswerden. Ich hab nich mehr genug Geld auf dem Konto und benötige weder Sessel, noch TV, noch Torte zum Geburtstag sondern brauche professionelle Bedienung, die mir die größte Bank Indonesiens, leider die einzige mit EUR-Konten, nich bietet. Die Angestellte sperrt meine Kredit-Karte. Was für eine ich nun haben möchte? Silber oder Gold? Silber! Sie verläßt den Raum. Im TV wird inzwischen der Rand eines Pißbeckens gezeigt. Von rechts ein stoßweiser Strahl, der aber nie das Becken erreicht. Was ist das? Pinkelt da einer auf den Fußboden? Dann Werbung für ein Prostata-Medikament. Danach wieder der Strahl, der jetzt kräftich ins Becken trifft. Die schwammige Bank-Angestellte kommt wieder und bedauert, sie hätten keine silbernen Karten mehr. Da will ich meine alte zurück, bis das Schiff mit den silbernen kommt. Das geht nich, weil die schon entwertet iss. Jetzt hab ich eine goldene. Die Leiterin der „Prioritas“-Abteilung jammert, daß sie immer mehr Kunden verlöre, und wenn ich wieder genuch Geld hätte, solle ich doch zurückkommen.
Unterwegs zur Mall vor uns ein teuer-schnittiger Allrad-Kleinlaster mit Balken voller Lampen und Blaulicht auf dem Dach. Einsatzwagen für die Familienplanungs-Behörde – wie die blau-weißen Aufschriften verkünden. Wozu die vielen Scheinwerfer und der Blaulicht-Balken? Emergency-Einsatz bei Kondom-Mangel? Ein Verwandter arbeitet als höherer Beamter in der Abteilung. Seine Tochter mußte heiraten.
Im Supermarkt finde ich zufällig einen HDMI-Player. Meiner hat auch den Geist aufgegeben. Neue gibt es nur ohne HDMI oder im Set mit Boxen. Es ist das letzte Gerät, und deshalb wollen sie es mir nich verkaufen. Sie besitzen den Karton nich mehr.
Beim Betreten des Cafés „Dante“ falle ich sofort einem kleinen, rundlichen Mann Mitte 40 auf. Er sitzt etwa 2m entfernt mit einer Gruppe am Nebentisch. Ich höre die üblichen Vokabeln, die mir anzeigen, wie es um mich geht, und gucke lieber ganich hin. Doch es nützt nichts.
„Hello Mister! – You speak English?”
„No!”
Kurze Pause.
„Where are you from?”
Ich nenne mein hiesiges Dorf, doch er läßt nich locker.
„Dari Jerman.“
„Jemen?“
„JERMAN! Dari EROPA!”
„???”
„Germany! Sepak bola nomor satu!” (Fußballweltmeister!)
„???” Es dauert noch eine Weile, dann hat er‘s kapiert.
„Ach! Aus Deutschland? Deutschland ist Fußball-Weltmeister?“
Normalerweise erzählen die Wilden MIR das. Und dann geht es los: Name? Nachname? Verheiratet? Name der Ehefrau? Beruf? Kinder? Er habe 3 Kinder.
„Eins zu viel!“ ermahne ich ihn. War der Einsatzwagen der Familienplanungs-Behörde nich bei ihm?
„Ich bin Pastor in Tomohon! Gereja „Agape“ [Kirche der schenkenden Liebe]! Das ist meine Kirche.“
‚Oh Gott!‘ denke ich vor mich hin, ‚das wird hart‘.
Ob ich meinen Beruf möge?
„Ich bin pensioniert, ich besitze jetzt Reisfelder und Ziegen.“
„Wieviele Ziegen?“
„Zur Zeit nur 1, die andere wurde gestohlen.“
Laut Bibel seien Ziegen nich gut, ich solle lieber Schafe halten. Schafe sind gut. Welche Religion ich denn hätte, will er wissen.
„Buddhismus.“
„Buddhismus ist nicht gut. Jesus kommt direkt in den Himmel.“ Dabei streicht er geradlinig mit seiner Handkante über den Tisch. „Aber Buddha …“. Er macht eine Schlangenlinie. Der Mann ist entweder besoffen oder verrückt – oder beides, jedenfalls gewohnt, im Mittelpunkt einer Gemeinde zu stehen, die noch dümmer ist. Eine Frau seiner Gruppe versucht ihn zu bremsen:
„Laß das doch sein!“ Doch er läßt nicht, dieser nächstenliebende Idiot.
„Ich werde Sie einmal besuchen und für Sie beten!“
Ich würde ihm gern antworten, daß ich ganich in den Himmel will, weil ich sicher bin, daß dort ein Höllenlärm herrscht, aber dafür reicht mein Indonesisch nich, und ich sehe lieber zu, wie ich aus dem Café rauskomme, ohne daß er noch meine genaue Adresse fordern kann. In Tomohon gibt es sogar 2 Kirchen, die „Agape“ heißen. Dieser aggressive Ignorant könnte Yulius Rares gewesen sein, Pastor der Pantekosta-Sekte, die besonders fanatisch ist. Laut Gesetz, das verbietet, Bürger anzumissionieren, die schon eine Religion haben, dürfte es gar keine „evangelisasi“ in Indonesien geben. Christen kümmert das grundsätzlich nich, beklagen sich aber über „Verfolgung”.

Auf der Rückfahrt im Stau vor uns in roter Schrift auf schwarzem Auto-Lack: „Damn! I love Indonesia“. Auf einem Mikro-Bus: Jesus Inside. Stattdessen staunt mich ein schmächtiger Junge durch die Scheibe an und winkt mir mit seiner winzigen Hand zu. Ich lächle ihn an und winke zurück. Wie immer zupft er daraufhin begeistert an seiner Mutter rum, um ihr von der sensationellen Konfrontation mit einem langnasigen Riesen zu berichten. Draußen läuft eine Frau vorbei mit dem T-shirt-Aufdruck: „Telur jo!“. Unübersetzbar. „Jo“ kann überall angehängt werden. „Mari jo!“ bedeutet einfach „Komm!“ Geht auch ohne Jo. Telur = Ei. Eier mich? Eier doch?
Im heimischen Lorong Jerman wartet schon ein Verrückter mit rollenden Eier-Augen. Es sind nur 200m bis zu unserem Tor, wo noch einige Spieße übrich sind, die er abbrechen könnte.
Am Abend „words and pictures“ (2013), ein interessanter Film aus dem amerikanischen High School-Milieu, in dem ein Englisch-Lehrer (Clive Owen) mit einer Kunsterzieherin (Juliette Binoche) den akademischen Wettstreit austrägt, ob Worte oder Bilder aussagekräftiger sind. Offensichtlich von einem Literaten geschrieben, denn die Kunsterzieherin kann nich viel mehr, als sich selbst in ihren Schülern zu reproduzieren. Für mich ist die Antwort klar: Kein Bild kann das hiesige Chaos hinreichend beschreiben. Wie der Film ausgeht, und ob die beiden sich finden, weiß ich nich, weil der Strom ausfiel. 4Std. lang. Um 24Uhr begann dann das orgiastische Final-Gehämmer einer kilometerweit entfernten Krach-Party, etwa bis 2Uhr morgens. Dann schlief ich erschöpft ein, hoffend, daß der Tag einfacher werden würde. Am Vormittag 5Std. Stromausfall. Das Positive an den Stromausfällen ist die reine Erfahrung von Natur ohne Idioten-Kultur. Ich sehe in die gelben Augen der violetten Libellen und sonst nix.

2 Gedanken zu „Willste Gott kennenlernen?

  1. Pingback: „Christen-Verfolgung“ | Flaschenpost

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