Copy und Pasta

Standesamt

„Die geistige Gabe, die Gandhi in den Stand setzte, sich frei von Beschmutzung zu halten, war meines Erachtens die Gabe – wahrhaftig eine seltene -, in geistigen Slums zu leben und zu arbeiten, ohne sich jemals zu akklimatisieren.“ Arnold J. Toynbee

14 Jahre lang iss mir das ganich aufgefallen, wie ich nach indonesischem Recht Junggeselle bin. Heiliga Franziskus! Was hätte man in der Zeit alles anstellen können. Aba nu isses zu spät, denn nach Monaten der erfolglosen Suche ham wir doch noch 1 zuständige Beamtin im Standesamt (CAPIL) Airmadidi gefunden. Mehr als 6x fuhr meine Frau hin und her, immer waren die Beamten gerade unterwegs. Mobile Verheiratungs-Kommandos. Das bringt mehr Geld als im Amt. Unangenehm dabei, daß die Beamten ebenso wie die Ärzte Termine vereinbaren, deren Einhaltung ihnen offensichtlich völlich Wurscht iss. Zuerst bekam meine Frau eine Liste, auf der vermerkt war, welche Unterlagen zum Heiraten benötigt werden. Wir brauchten jedoch nur eine Bestätigung und Registrierung unserer deutschen Eheschließung. Die dafür notwendigen Dokumente wurden nach und nach angefordert. Jedesmal fehlte etwas oder die bereits eingereichten waren nicht mehr auffindbar. Beim 6.Mal – die Kommunikation erfolgte über SMS, sofern das System nicht gerade zusammengebrach – sollten die Originale zusätzlich zu den zahlreichen Kopien vorgelegt werden. Eigentlich logisch, doch der indonesische Beamte erkennt sowas grundsätzlich stufenweise. Leid können einem die Bewohner der Außen-Inseln tun, die lange Anreise-Wege bewältigen müssen und dann erfolglos 3-4Std. warten. Ich fragte meine Frau, ob ich Original nich auch benötigt würde. Das fiel den Beamten erst beim 7.Mal ein.
Auf der Hinfahrt passierten wir das SAR Bezirks-Kommando (Search and Rescue). Wie aus der Zeitung zu erfahren war, hatten diese Clowns gerade die deutsche Touristin Margareth (49) auf dem Vulkan Lokon in heldenhafter Weise gerettet, die pünktlich um 8Uhr30 1m abgestürzt war und sich dabei schwer verletzt hatte. Aus DER Höhe stürze ich zwar 1x pro Woche, aba wenn man es nich gewöhnt iss … Ein Foto zeigte die Retter bei der Evakuierung: Sie trugen Margareth auf einem zusammenfaltbaren Alubett mit Füßen. Anscheinend hatten sie keine Tragbare. Man kann schon froh sein, wenn sie dafür keine ausgehängte Tür benutzen. Ich wurde mal auf einem Schreibtisch operiert, mit einer aufgeschlitzten Papiertüte als Infektions-Schutz.
Die SAR-Helden spielten diesmal gerade nich Fußball sondern hielten ebenso wie der TÜV um 8Uhr Morgen-Appell. Das iss nötich, damit die Beamten überhaupt am Arbeitsplatz erscheinen. Danach verschwinden sie oft. Beim TÜV stand gerade einer meiner zahlreichen Verwandten auf einer Beton-Plattform vor der Fahne und sprach zu seinen uniformierten Untergebenen in Klassenstärke. Dafür benötigte er ein Mikrofon mit Ständer. Auch die SAR-Clowns werden sicher eher eine Karaoke-Anlage als Tragbaren zur Verfügung haben. Wie sollen sie sonst bei den zahlreichen Feiern singen?
Auf der Autobahn, die sich ebenso wie das neue Verwaltungs-Zentrum in die Hänge des Vulkans Klabat frißt, kommen einem auf allen Spuren Fahrzeuge entgegen, weil die Geister-Wilden das Prinzip noch nich begriffen haben. Nähert man sich dem Catatan Sipil zu Fuß auf sauber gemalten Zebrastreifen, läuft man zuerst gegen 3 junge Bäume. Das liegt daran, daß ich der einzige bin, der in Nordsulawesi noch zu Fuß geht. Sonst tun das nur die Verrückten. Am neuen Amtsgebäude im Ripple-Stil wird hinten gebaut, vorn zerfällt es schon wieda.

parkplatz

Letzteres fand ich so rätselhaft, daß ich anhub, es zu fotographieren. Im selben Moment näherte sich mir der Amts-Chef in seinem PKW von hinten. So offenbarte sich knirschend des Rätsels Lösung: Selbstverständlich muß der Wagen des Chefs im Schatten stehn. Deshalb hat man zwar ein Wellblechdach angebaut, aber keine Zufahrt. Damit der Mann den Entwässerungs-Graben überwinden kann, steckte man Autoreifen in denselben. Die Bodenkacheln haben das jedoch nich ausgehalten, weil in der Regel der Mörtel zu sparsam gemischt iss. So ein Chef hat’s ja auch nich leicht. Ersma muß er zum Appell, dann die Zeitung lesen und frühstücken, und wenn er damit fertich iss, stinkt schon der Mittags-Fisch. Nachmittags muß er dann auf irgendeiner Feier singen und als Moslem imma zwischendurch beten. Sein Standesamt iss umgeben von im Schongang vor sich hinschlendernden Beamten, die auch zur Abkürzung durch die niedrigen Fenster-Öffnungen klettern, und von Essens-Geruch. Gleich daneben befindet sich nämlich auf dem Melde- und Standesamts-Grundstück ein Slum-Restaurant, wo auch Fisch gebraten wird. Die Essens-Reste und der Rauch gelangen da hin, wo die Kunden und Ameisen unter einem provisorischen Blechdach warten, bis das Gebäude fertich iss. Eine Beamtin, die Mitleid mit mir hatte, schlug vor, ich sollte doch ersma frühstücken. Hinta mir saß eine Lehrerin aus Manado – vielleicht eine derjenigen, die ihren Lohn nich bekommen haben, weil der Kreisdirektor noch an seiner Tankstelle baut – die mittels Befragung meiner Frau alles üba mich zu erfahren suchte. Danach telephonierte sie und erklärte, was sie mit ihren Dokumenten gemacht hatte: „copy-pasta“! Vielleicht waren es ja italienische. Hoffentlich isse keine Englisch-Lehrerin! Neben mir eine „helfende“ Anwältin, deren Mann durchgedreht iss, als Betrüger seine Firma ruinierten.
Nach 2stündigem Warten gab ich auf, zumal sich herausstellte, daß ein Familien-Registrierungs-Dokument mich als Indonesier aufführte. Deshalb hab ich Nicht-Wahlberechtigter auch schon Wahlscheine bekommen. Dieses Dokument muß jetzt ersma geändert werden. Dann bin ich voll registriert, und die Behörden brauchen sich um mich keine Sorgen wie um den Engländer Raymond zu machen. Dessen Paß iss längst abgelaufen, jedoch meldet er sich nich mehr. Wahrscheinlich weil er schon lange tot iss. Wenn ich tot wär, würd ich mich auch nich mehr melden. Und wenn meine Frau an Handphone-Krebs oda eher bei einem Verkehrs-Unfall stirbt, kann ich als voller Witwer ein unbefristetes Nutzungsrecht für das erwerben, was ich hier geschaffen hab. Das iss sehr beruhigend.

Sergeant: “You mean to say you got no identification at all?”
Burns: “That’s right.”
Sergeant: “No draft card, no social security, no discharge? No insurance, no driver’s license, no nothing?”
Burns: “No nothing.”
Sergeant: “Look, cowboy, you can’t go around with no identication. It’s against the law. How are people going to know who you are?”
Burns: “I don’t need a card to figure out who I am. I already know.”
Lonely Are the Brave” (1962)

5 Gedanken zu „Copy und Pasta

  1. Nicht nur das. Die marschieren auch während der Dienstzeit mit Gesanges-Trupps von einer privaten Feier zu anderen. Da brauch nur ein tätiger oder pensionierter Beamter heiraten oder sterben. Und es gibt sie massenhaft. Was in D einer erledigt, bearbeiten hier mindestens 3.

  2. Die Beamten wissen sich zu beschäftigen: In jeder Behörde findet man permanent laufende TV-Geräte, auch Tischtennis-Platten, und dann gips ja immer viel zu erzählen. 1 Tag in der Woche machen sie draußen sauber.

  3. Pingback: Meistawerke der Porträt-Kunst | Flaschenpost

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