Sicht des Gegenüber

Brandrodung

In der Diogenes Taschenbuch-Reihe „Meistererzählungen der Weltliteratur“ erschienen 1993 auch miserabel gedruckte Werke von Herman Melville (1819-91), die aufgrund der tanzenden Buchstabengröße von den Krankenkassen als Schädigung der Volks-Gesundheit eingestuft werden sollten. Die mit typografischen Verzerrungen des Foto- anstelle des Bleisatzes gedruckte Erzählung „Die Veranda“ zeigt zudem auch noch literarische Schwächen, die verdeutlichen, warum die Zeitgenossen schon weitgehend das Interesse an Melville verloren hatten. Zuerst einmal fragt sich der Leser, wo sich Melvilles Aussichtspunkt eigentlich befinde. Anscheinend setzt er dieses Wissen voraus: „Als ich aufs Land übersiedelte, zog ich in ein altmodisches Bauernhaus ein, das keine Veranda hatte. Diesen Mangel bedauerte ich um so mehr, als ich ein Liebhaber von Veranden bin; denn irgendwie verbinden sie die Traulichkeit des Innen mit der Freiheit des Außen, und es macht Freude, das Thermometer dort abzulesen. Auch ist die ganze Umgegend so malerisch, daß zur Zeit der Beerenlese kein Knabe einen Hügel erklimmen oder ein Tal durchqueren kann, ohne in jedem Winkel auf eine Staffelei und einen sonnenverbrannten Maler zu stoßen. Ein richtiges Malerparadies.“ Was hier fast wie eine Beschreibung der leicht entnervenden Zustände auf Bali klingt, erinnert ihn in Betrachtung der umgebenden Kalkberge an die Kaaba oder an Karl den Großen, im Osten „gen Quito im Dunst versinkend“. Ahornwälder gibt es dort, und aus dem fernen Vermont wehe der Rauch brennender Wälder herüber. Die Erwähnung und Verklärung des Mount Greylock als Berg Sinai ist der einzige Hinweis, daß sich Mellville auf seiner Farm „Arrowhead“ nahe Pittsfield im unausprechlichen Massachusetts befindet, die er 1850 neben der Farm seines Onkels erworben hatte. Dort lebte er als „Gentleman-Farmer“ ebenso erfolglos wie als Schriftsteller. Chronisch in Geldnöten, ist die Richterstochter Elisabeth Shaw, die er 1847 geheiratet hatte, seine Lebens-Versicherung. Trotzdem muß er die Farm 1863 verkaufen und 20 Jahre lang eine Stelle als Zollinspektor im Hafen von New York ausüben. Konsul in der Südsee wäre dem schon zu Lebzeiten völlig Vergessenen lieber gewesen. Bitter!
Während er auf „Arrowhead“ an dem erst nach seinem Tode weltberühmten Roman „Moby Dick“ schreibt, schweift sein Blick immer wieder in die Ferne der Berge, wo er es blinken sieht und seine durch Shakespeare erglühte Fantasie beim Anblick einer verrotteten Hütte aufflammt. Dort befände sich ein „Elfenland“. Neugierig reitet er hinüber und findet eine leicht wirre Marianne, die dort mit ihrem Holzkohle brennenden Bruder verwaist lebt. Schlaflos fantasiert sie über das „Marmorhaus“ in ihrer Sicht (das von Mellville war mit Brettern verschalt), in dem ein Glücklicher wohnen müsse: „Ach, wenn ich nur einmal nach jenem Haus gelangen und sehen könnte, wer das glückliche Wesen ist, das es bewohnt!“ Dieser doppelte Blick auf die Situation des jeweils anderen, vermeintlich Glücklicheren, ist die dünne Idee der kurzen Erzählung; „Genug! Ich wende meinen Nachen nicht mehr zum Elfenland, sondern bleibe auf meiner Veranda … Ja, es ist eine zauberische Bühne, die Illusion vollkommen … Aber allabendlich, wenn der Vorhang fällt, kommt mit dem Dunkel die Wahrheit.“
Trotz des Spotts der Nachbarn ließ Melville seine Veranda an die Nordseite anbauen, weil die Aussicht dort am schönsten war. Eine Rundblick-Veranda konnte er sich nicht leisten. „Zur Schönheit gehört Andacht; man kann sie nicht im Gehen genießen. Man braucht dazu Ruhe und Beständigkeit, heutzutage also einen Lehnstuhl.“ Ich besitze 3 Veranden, die nicht angebaut sind sondern sich aus der Struktur des Hauses entwickeln. Obwohl die Wilden ihre Veranden traditionell zur Straße richten, um besser die Autos zählen und die Passierenden mit überlauter Musik unterhalten zu können, befindet sich bei mir nur an jener Seite keine. Deshalb sind manche Wilde der Ansicht, mein Haus stände verkehrtrum. Die nach Norden ließ solange den Blick auf den Vulkan Klabat zu, bis ich dort einen Dschungel pflanzte, um den Lärm aus dem Dorf zu mindern. Jetzt blickt man über einen Teich in dunkel verschlungenes Grün. Auch die bezaubernde Aussicht im Süden auf eine Bergkette mußte ich durch Dschungel verstellen, weil sich dort überraschenderweise eine unerträgliche Nachbarin ansiedelte. Während mein Haus entstand, sah ich manchmal nicht nur den Rauch der Brand-Rodungen sondern auch die Wellblechdächer neuer Hütten an den Hängen das Sonnenlicht reflektieren, und ich fragte mich – wie Melville – wer dort wohl lebte, und was er sähe. Barens, ein kleiner, schwerhöriger Bauarbeiter, der wie ein Affe klettern konnte, half dort oben gelegentlich bei der Gewürznelken-Ernte und berichtete eines Tages stolz, er habe mein Haus sehen können – was inzwischen durch die Bäume nicht mehr möglich ist. Bleibt noch die unverstellte Pazifik-Sicht von der Ost-Veranda aus, wo ich mit dem Fernglas die Bewegungen der Fähren, Frachter, Tanker und Fischerboote beobachten kann. Mit einem Glas stärker als 12×40 könnte mich vielleicht so mancher Kapitän auf meiner Veranda sitzen sehen. Was würde er denken? Wie glücklich der Mann sein muß, der dort sitzen kann?
„Vor allen Dingen aber, wenn man eben noch ein Landschulmeister war, vor dem auch die ganz großen Jungens heiligen Respekt hatten, und nun muß man mit seiner weißen Hand in den Teerpott hinein … Es bedarf schon eines starken Suds aus Seneca und der Stoa, wenn man’s mit Anstand ertragen soll. Aber mit der Zeit gibt sich das.“ („Moby Dick“)

nah

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