Schulterkrampf

Schulterkrampf

Wenn es aber wahr ist, wenn die Welt der fünf Sinne – und eine andere kennen wir nicht und können wir nie erfahren – in Wahrheit armselig und traurig, unsäglich armselig und traurig ist, dann steht eben wiederum fest, daß sie nur infolge einer gewaltigen Illusion, infolge einer grotesken Selbsttäuschung, also eben des Nichtwissens ihrer wirklichen Beschaffenheit, begehrt werden kann und daß in dem gleichen Maße, in welchem die Einsicht in diese ihre wirkliche Beschaffenheit, also das Wissen, aufgeht, jeder Durst nach ihr erlöschen muß. Man erkennt, daß man nichts versäumt, wenn einem solche Objekte für immer entschwinden.
Georg Grimm, „Die Lehre des Buddho“

Die Chinesin Guo Yali ist Journalistin. Deshalb braucht sie ihr Handphone und ist auf keinen Fall süchtich danach.
Zwar nimmt sie es auch mit auf’s Klo, und daselbst isses ihr auch ma reingefallen, aber sie ist auf keinen Fall süchtich.
Sie legt es neben ihr Kissen, wenn sie schlafengeht und checkt es als erstes, wenn sie wieder aufwacht, aba süchtich isse nich.
Im Restaurant fotografiert sie ihr Essen und schickt das Ergebnis ihren Freunden, damit die wissen, was sie gegessen hat. Sowas iss heutzutage sozial, wobei die soziale Beziehung nich zu dem besteht, der neben einem sondern der in dem Ding sitzt.
Nicht funktionierende Internet-Verbindung macht sie unzufrieden. Psychisch gestört? Sicher nich!
Ihr Computer-Maus-Krampf im Nacken und in der Schulter hat sich durch Handphone-Benutzung verstärkt, auch isse beim Telephonieren ma in eine Leitplanke gefahren, aba deshalb iss man ja noch nich süchtich.
Ich kenn auch eine, die nich süchtich iss. Die kricht kein Buch mehr zuende und zeigt ein völlich verändertes Verhalten wie eine Brokerin. Z.B. sucht sie in einem Restaurant nich zuerst die Speisekarte sondern eine Steckdose. In San Francisco fing im Starbucks ma ein Mann an, zwischen meinen Beinen rumzufummeln. Erst dacht ich, der wär eina von diesen zahlreichen Schwulen, aba der suchte auch nur ne Steckdose.

8 Gedanken zu „Schulterkrampf

  1. Dann weiß derjenige, wo er ist. Immer am gleichen Ort, egal wo sonst, und bei sich. Fällt besonders im öffentlichen Raum auf, wie sehr die Leute es brauchen scheinen, sich in einer direkten Umgebung voller Fremdinputs dagegen per Handy „abzusichern“, als würden sie dann an einer Art Sicherheit spendender Nabelschnur hängen.

  2. Es gibt ja deutlich mehr als die üblich genannten fünf Sinne, unter anderem Propriozeption, Thermozeption und Nozizeption, also die Wahrnehmung der eigenen Körperbewegung und – lage im Raum, Temperatursinn und die Aufnahme und Weiterleitung und Verarbeitung von Schmerzreizen im Nervensystem. warum nicht auch Phone-, Cell- oder Handzeption? Mit den spezifischen Nebenwirkungen… Die Liste ist wahrscheinlich ziemlich lang, wie viele Sinne wir haben…vielleicht unendlich, wenn einem die entsprechenden Kategorien dazu einfallen.

  3. Das fällt besonders hier auf, wo einem früher in jedem Warteraum ein investigatives Gespräch aufgezwungen wurde, dagegen heute jeder sofort zu seinem elektronischen Schnuller greift.

  4. Das hat Herr Grimm (gest. 1945) alles noch nich gewußt. Ich auch nich. Wichtich iss mir vor allem, daß die besinnungslose Handphone-Manie mir die Sinne ausgesprochen unsinnlich belästigt. Gips noch kein Programm zum Empfang von Übasinnlichem? Vielleicht so eine Art Schamanen-Handy?
    „Unter Nozizeption findet sich keine Erklärung, warum es sich hierbei um einen Sinn handelt, und nicht z.B. um die bloße Interpretation von haptischen und thermischen Sinneseindrücken. Die Propriozeption wird auf ihrer Seite als ‚Komponente der Haptischen Wahrnehmung’ definiert und wäre damit kein eigener Sinn, da schon der Tastsinn mit Haptischer Wahrnehmung gleichgesetzt wird. Es ist schwierig, jemanden davon zu überzeugen, dass es mehr als fünf Sinne gibt, wenn deren Definitionen nicht stimmen.“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Sinn_(Wahrnehmung)

  5. Der Schnuller ist wohl der bestmöglichts passende Vergleich! Dem größten Teil der deutschen Säuglinge wird die orale Sucht bereits in den ersten Tagen nach der Geburt geradezu in den Mund gedrängt, nur wenige spucken das Ding wieder angewidert aus. Die vielen anderen entwickeln binnen Kürze körperliche und psychische Abhängigkeit von ihrem Schnuller, und Millionen von Eltern parieren und suchen notfalls eine 30 km entfernte Nachtdienst- / Feiertagsbereitschaftsapotheke auf, damit der krebsrote Schart endlich aufhört, sein Innerstes nach Aussen zu brüllen. Wenn dann so die Sucht zementiert ist, geh das Ganze weiter bis in die mittleren Kindergartenjahre, wo manche Kiddies den Mittagsschlaf mit Schnuller machen und noch den Reserve-Didi in der Hand halten.
    Wen wunderts, dass nachher eine Suchtanfälligkeit für weitere Drogen besteht?

  6. …der handphone-hype ist nur die s i c h t b a r s t e, weil öffentliche (!) suchtform einer abhängigkeit von tastaturmaschinen zur angstbewältigung beim allein-sein; beim blogger ist die ausgangslage ähnlich, aber die öffentlichkeit eine tot aal andere.

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