Lebenswege

naegelkauen

„Was hast du gemacht, wenn dir das Toilettenpapier ausging?“

Inzwischen bin ich nicht nur Experte in papierfreier Arschreinigung, sondern auch darin, mich selbst in ausweglose Situationen zu manövrieren. Ich kann mich sogar jahrelang darin befinden, ohne sie überhaupt wahrzunehmen. Ich sollte ein erfolgloses Buch darüber schreiben, das nie veröffentlicht wird. Deshalb gefällt mir ein Film wie „Tracks“ (2013) besonders gut, der die Abenteuer von Robyn Davidson (*1950) bei der Durchquerung der australischen Wüste mit Kamelen veranschaulicht. Verglichen mit ihrem Buch, ist die Film-Story zu stark reduziert und geglättet, doch machen die schönen Bilder Lust auf das komplexere Buch.
Ich mag Australien nicht. Das liegt daran, daß ich zu viele Australier kenne. Ohne sie wäre das Land sicher schöner. Davidson hat das auch erfahren. Was sie als Australierin nicht erlebte, war die völlige Rechtlosigkeit. Dagegen lassen ihre Natur-Verbundenheit, besonders ihre Beziehung zu ihren Kamelen, Vertrautes anklingen. Die durchaus verschiedenen Charaktere, ihre manchmal durch brutale Vorbesitzer hoffnungslos verkorkste Prägung, die man nur mühsam umpolen kann, selbst anatomische Ähnlichkeiten, wie das Spiel ihrer Lippen oder die Verknorpelungen an Brust und Kniegelenken, kenne ich auch von meinen Ziegen. Das Schauspiel der Geburten, ihre unzuverlässige Zuneigung, all das kann einen die verdrehte Zivilisation vergessen lassen: „Früher glaubte ich immer, die Einsamkeit sei mein Feind und ich könne ohne Menschen nicht leben. Aber jetzt begriff ich, daß ich immer eine Einzelgängerin gewesen war, und ich empfand dies eher als Geschenk und nicht als etwas, vor dem ich mich fürchten mußte … Ich staunte, wie schnell und gründlich ich das Gefühl für die Bedeutung gesellschaftlichen Verhaltens verloren hatte. Und das Bewußtsein ihrer Absurdität hat mich seitdem nie wieder verlassen. Ich habe langsam einen Sinn für Nettigkeiten wiedergewonnen, aber ich hoffe, die Besessenheit mit gesellschaftlichen Formen und fraulicher Schicklichkeit wird mir immer als das erscheinen, was sie ist: ein perverser, destruktiver Schwachsinn.“

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