Kein Leben

snakelook

„Die Entwicklung des Menschen wird von derjenigen Umwelt optimal gefördert, die eine Mannigfaltigkeit wohldosierter Reize gewährleistet. Ungeachtet der Frage, ob diese Reizwelt von physischen oder sozialen Verhältnissen und Faktoren aufgebaut ist – die Vielgestaltigkeit der Umwelt ist Lebensbedingung.“ Hugo Kückelhaus (1900-1984)

„Im Dschungel kann man nicht leben“, sacht die Frau, und das gehört zu den Häßlichkeiten, diese Ekklesiastes in ihrer „Last-minute“-Ehe neuerdings offenbart, deren nächster Level eine „Too-late“-Ehe zu werden droht.
Wieso DAS denn nich? Sie leben doch beide schon n Jahrzehnt im Dschungel, innem selbstgepflanzten, moderaten latürnich, mit Internet und Waschmaschine. Richtiga Dschungel iss noch toller. Aba es gibt da drin keine Friseure, Masseure, Lackierer, Fahrer, Gärtner, Koch, Putze, Wäscherin, Handphone-Geschäfte, also alles, was die Frau neuerdings zu benötigen glaubt, sonst fühlte se sich nich mehr wohl.
Der Hugo, der son komischer Anthroposoph war, die ihre guten Ideen imma ins Okkulte übatreiben und se damit lächerlich machen, also der Hugo hat ma erzählt, wie seine Mutta nie richtich auf nem Stuhl saß, sondern imma nur aufer Kante. Inner „Atemsäule“. Und das iss der Knackpunkt. Wände dich nich mehr körperlich anstrengen willst, sondern das durch Massage-Erotik ersetzt, wode dich nur bewegen läßt, wirste imma dicker und bequemer. Und dann kannste dich schließlich imma weniga bewegen. Das iss ne Spirale nach unten. Deshalb fängste an, allen möglichen Zirkus zu untanehmen gegen die Spirale. Funkt aba nich. Wände nix für die Leere in deinem Kopf tust, läuft das genauso. Dann wirste zum Eimer, in den andere ihren Müll tun. Dagegen hat die alte Frau im Moor, auf deren Hof Ekklesiastes seine ersten Waldschrat-Erfahrungen gesammelt hat, solange körperlich gearbeitet, bisse die Treppe runtagefalln iss. Natürlich in kleinen Portionen, ich mein – die Arbeit. Iss also zu schaffen – wände das richtige Bewußtsein dafür hast. Aba wände nur son Räucherstäbchen-Buddhist bist, der Buddhismus mit Yoga vawechselt, das wie Yoghurt verschiedene Geschmacks-Richtungen kennt, die aba alle zur Kategorie Bodenturnen gehören, wände zwar zu Buddhas Geburtstach bequem nach Java fahren willst, aba die erste Wahrheit, daß das Leben unvollkommen iss, und Buddhismus kein Reisebüro-Angebot für die brennende Welt enthält, es sei denn als Durchgang zu einem reinen Schlaraffenland, wände all das ganich verstanden hast, dann mußte leiden. Dann haste imma Durst nach Abwechslung, und alles iss falsch: Ameisen beißen, Hornissen stechen, die Bäume sind zu groß, schmeißen auch noch mit Ästen und Blättern, drohen, dich mit ihren Wurzeln zu vaschlingen – Natur wird zum Feind. Das isse auch! Gerade neulich, wo Ekklesiastes Baumwurzeln aus einem Wassergraben raushackte, stach ihn wieda irgendwas Unsichtbares. Sie schenkt dir nix, die Natur, außer, du verstehst dich selbst als natürlich und nich als verwöhnte Zuckerpuppe, die betonierte Wege braucht, damit se mit ungeeigneten Schuhen durch die Gegend staksen kann. Aba wände dich mit Natur harmonisierst, kann daraus Glück und sogar ne Menge Untahaltung resultieren. Ekklesiastes fällt das ja nich schwer, weil er ein Wilder iss. Dagegen Bali zu glorifizieren – dabei anscheinend mehr Spas und Boutiquen als Baum-Heiligtümer gesehn zu haben – und den eigenen Wald vor lauter Bäumen nich mehr wahrzunehmen, das führt ins übavolle Nichts.
„Wozu beklagen wir uns über die Natur? Sie hat sich uns doch gütig gezeigt!“
Seneca (*um 4 v.Chr.; Freitod 65 n.Chr.)

4 Gedanken zu „Kein Leben

  1. Kann man nicht liken, aber als inhaltlich stimme ich dir zu. Vor allem dem Teil, dass man es mit der Natur nur aushalten kann, wenn man sie nicht als feindselig und Verhinderer aller Wünsche betrachtet. Ist aber sicher auch schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, binnen einiger Jahrzehnte Blatt unter Blättern sein zu wollen, wenn man das vorher verdrängt hat.

  2. „kein lehm“…ey thomas, das iss mal wida großes verbales kino, ich les sowas gern un merk mir diese begriffe, also zum bleipiel reisebüro-räuchastäpchen-budist, da wirste zum leeren eima, bäume schmeißen mit ästen, zuckapuppe auf betoniertem wech ins übavolle nichts…, echt gut ey,
    gerade wenn man keine wünsche oda erwartungen hat, da gehts wirklich bessa, für den rest brauchste ohrenschüzza!

  3. Sicha gehts bessa, aba die Lämma bleiben. Nehm wa ma an, es wär mir gelungen, tatsächlich 98Koma2 prozentich zufrieden zu sein. Da iss dann aba imma noch diese Last-minute-Frau, die mich wieda auf 63Koma5 oda sogar 25Koma7 runtadrückt mit ihra Unzufriedenheit. Und kann ich mir Reisstroh inne Ohren stopfen, die Wilden vibrieren mich einfach durch. Sowas kannste Dir ganich vorstellen, weils in D nich erlaubt iss. Den meisten Wilden iss das selba unangenehm, sie glauben aba, das müsse so sein, damit ALLE merken, daß sie 1 Fest machen.

  4. Pingback: Es hat nich sollen sein | Flaschenpost

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