Niederlagen

Diana

„In der prospektiven, vorgenommenen Selbstverwirklichung hofft man, daß man der Welt sein Siegel aufprägen werde. Dann aber erweist sich, daß jede Prägeform ausgelöscht wird durch eine andere. Der prospektive Wille führt nicht zur Ich-Werdung, auch nicht zur Besitzergreifung der Welt. Er ist nur ein atemloses Sich-verlieren an fremde Kräfte, die uns überwältigen.
… daß nämlich dem Alternden die Welt sich nicht nur entzieht, sondern daß sie zu seinem Widersacher wird und daß jeder, früher oder später, von mehr oder minder tiefer Leibesmüh heimgesucht, den ungleichen Kampf aufgibt und sich desengagiert. Der Tag des Rückzugs mit fliegenden Fahnen, der totalen Niederlage vor einer feindlich gewordenen Welt kommt für jedermann – so sicher wie der Tod, den er verkündet.
… Wohl ist wahr, daß erst der Tod den Schlußpunkt setzt und erst das Ende eines Lebens dem Anfang und allen Stadien seine Wahrheit gibt. Das Spiel ist – theoretisch – niemals gespielt, bevor es ausgespielt ist. Es gibt Bruch, Aufbruch, Umbruch, Ausbruch, so daß am Ende ein gelebtes Stadium der Erstarrung und Versteinerung sich als bloße Durchgangsphase entschleiern kann. Gauguin. Ein Bankangestellter refüsiert das Saldo-Ich, das die Gesellschaft ihm präsentiert: sein Tod auf La Dominica sagt dann die Wahrheit aus über die Existenz des Bankangestellten und macht sie zunichte. Wieviele Gauguins können zur Zeugenschaft herangeholt werden? Hinkünftig, in einer durch Interaktion und Interdependenzen sich vergesellschaftenden Welt wird es noch weniger Ausbrecher geben. Die Ich-Saldi, Ergebnisse der von der Sozietät gezogenen Bilanz, werden akzeptiert, verinnert, schließlich angefordert. Der Mensch ist, was er gesellschaftlich vollbringt. Der alternde Mensch, dessen Vollbrachtes schon gezählt wurde und gewogen, ist verurteilt. Er hat verloren, auch wenn er gewonnen hat., …“

Jean Améry (*1912, 1978 Freitod), „Über das Altern – Revolte und Resignation“, 1968

5 Gedanken zu „Niederlagen

  1. Toller Text, eigentlich, allerdings glaube ich nicht alles davon, denn ob und wieviel man der Gesellschaftsmeinung Platz in der eigenen Sicht einräumt, kann individuell sehr verschieden ausgeprägt sein.

  2. Inzwischen hab ich mehrmals das Wort „Pfingsten“ gelesen. Das wird es wohl gewesen sein. Hat mir niemand gesacht.

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