Alles umsonst

Heim

„… wir hatten so große Hoffnungen in dieses Haus gesetzt, und Marilyn hatte mich gedrängt, mehr und mehr Land zu kaufen. Ich hatte mich anfangs gesträubt … Aber wie sich herausstellte, war es nicht nur eine kluge, sondern auch eine schöne Kapitalanlage … Doch ich hatte hier anscheinend Fuß gefaßt, während sie noch immer in der Luft zu hängen schien … Der Vergangenheit konnten wir beide nicht entkommen, das wußte ich inzwischen … Wir sind, was wir waren, plus minus einiger kleiner, aber wichtiger Fortschritte, wenn wir Glück haben.“
Arthur Miller, „Zeitkurven“

„Wie ist alles so nichtig! Es ist alles umsonst!“ spricht Ekklesiastes, als die Frau ihm mitteilt, daß sie „raus“ müsse. „Raus“? WO raus?? Es sei ihre Natur, erklärt sie, und sie befände sich im Streß. Also Urlaub? Von was? Wie kann man in einem Haus wie diesem leben, ohne fremdbestimmte Arbeit und Geldsorgen, täglich aufstehen und schlafengehen, wann man will – sofern nicht gerade eines jener Terror-Feste läuft, das Hirn frei pulsierend, und Urlaub brauchen?
Was hat der Mensch für Gewinn von dem, womit er sich abmüht unter der Sonne, fragt sich Ekklesiastes. Jahrzehntelang auf dieses Ziel hingearbeitet, und nun reicht es nicht mehr, um zufrieden zu sein? Immer war er darauf bedacht, zu erkennen, was Weisheit und Torheit sei. Doch anscheinend hat er nur Wind eingefangen. Auch versuchte er es mit der Freude, zu genießen, was die Natur ihm bot. Doch es war sinnlos. Er baute Häuser für seine Familie, pflanzte Wälder, legte Teiche an, und genoß den Anblick. Als alles fertig war, und er das Werk seiner Hände betrachtete, und die Mühe, die er damit gehabt hatte, erkannte er, das alles nichtig war und ein Haschen nach Wind. Und ihm wurde klar, wie töricht es gewesen war, zu glauben, ihm würde das Geschick des Toren erspart bleiben, wenn er nur weise lebte. Dazu hätte er ALLEIN leben müssen.
Sie könne nicht wissen, ob sie nicht morgen schon stürbe, gibt die Frau zu bedenken, deshalb wolle sie reisen. Sie sei keine Landfrau. Zwischendurch ruft sie die neusten Nachrichten auf ihrem Handphone ab. Sie tut das Tag und Nacht. Auch ist sie ständig auf der Suche nach Kleidern, Schuhen, Taschen und Schmuck. All das ist nach außen gerichtet.
Ekklesiastes hatte sich vorgestellt, wie zwei besser dran sind als nur einer, denn fallen sie, so hilft der eine dem anderen auf. Der Genuß verdunstet wie der Morgentau, innere Zufriedenheit läßt sich nicht kaufen. Besser, man gehe ins Haus der Trauer als ins Haus des Gelages. Das Herz der Weisen ist im Hause der Trauer, das Herz der Toren im Hause der Freude.
„Soll man nun genießen oder sich zurückziehen“, fragt die Frau. Sie könne sich nicht von allem absondern, sagt sie und drückt wieder auf ihrem Handphone herum.
Sicher, nur Internet und Twitter können ein sonst leeres Hirn nicht füllen, erwidert Ekklesiastes. Er habe sein eigenes Theater im Kopf. Ihm sei bewußt, daß er schon bald zu Erde werden könne, aber es beunruhige ihn nicht, weil er schon lange nicht mehr das Gefühl habe, da draußen etwas zu versäumen, was ihn glücklicher machen könne, als er ist – oder besser, war, denn nun erscheint alles umsonst, und das Fundament ist zerbrochen.

„Ich muß!“ erklärte sie entschlossen, „ich werde bei Dir – ich weiß nicht – dicker und klassischer. – Sicher ists nur mein Zigeunergeist und in 8 Tagen bereu ichs schon. – Du bleibst ja hier, und ich weiß immer, wo meine letzte Zuflucht sein kann: -?!“ Sie hielt mir die Hand über den Rahmen hin, und ich griff ihr Halsfleisch und küßte was ich fand, daß wir fast umfielen. „Ich bin verrückt!“ stellte sie stöhnend fest: „Aber kein Mensch kann für seine Natur. Entwurzelt durch 3 Kriege, ach –“ …
(Arno Schmidt, „Schwarze Spiegel“, 1951)

4 Gedanken zu „Alles umsonst

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