Entenhausener Buddhismus

Meditation

… „Viel zu kurz, Ihre Opa-Geschichte“, beschwerte sich der Alte. „Was wurde denn aus Ihrem Groβvater?“
„Legationssekretär van Rausch nannte ihn einen Träumer und belehrte ihn dahingehend, daβ er selber älter wäre, diese traurige Welt besser als mein Groβvater kenne und daher wüβte, daβ solche Gefühle keinen Bestand hätten. Deshalb empfahl er ihm, den Gedanken aufzugeben, sich in die Südsee zurückzuziehen.“
„Und das tat er?“
„Er kehrte mit der Forschungsgruppe nach Deutschland zurück, weigerte sich fortan zu fotografieren und lieβ sich zum Postbeamten umschulen.“
„Alles erschtungn un erlogn – aba viel Äktschn“, lallte der Belanda – der saguer zeigte Wirkung – „wir solln uns jez bessa ssur Ruhe begebn!“
Er führte mich schwankend zu einem durchbrochen geschnitzten, Lotospflanzen darstellenden Holzrahmen mit kreisrunder Öffnung, und durch diese hindurch traten wir in den Vorraum zu einem geräumigen Alkoven, auf dessen erhöhtem, mit Matten bedecktem Bretterboden eine kapok-Matratze, ein sarong zum Zudecken und eine „dutch wife“ lagen.
„Hier könn Ssie schlafn.“
Im Vorraum, dem Alkoven gegenüber, war vor einer mit Goldfolie beklebten Wand ein schmaler, mit edlen Batiktüchern verhüllter Tisch aufgestellt, auf dem sich, neben zwei Kerzenleuchtern und einem bronzenen Räuchergefäβ, eine Vielzahl von unterschiedlich groβen Figuren und in ihrer Mitte eine gröβere, farbige, aus Porzellan befand. Diese stellte – mit geschlossenen Augen in Meditationshaltung sitzend – Donald Duck dar. Über ihm glühte eine rote Birne auf der goldenen Wand, und vor ihm standen ein blauweiβes Schälchen mit Reiskörnern und ein Schnapsglas mit einer braunen Flüssigkeit.
„Wassis das für eine Reljon?“ fragte ich verblüfft.
„Entenhausener Buddhismus.“
„Un disse rodn Niern da?“ Ich wies auf zwei karminrote, nierenförmige Holzstücke, die auf einer Seite rundplastisch und auf der Unterseite flach gearbeitet waren.
„Orakelhölzer. Wünschn Ssie sich was! Anner Art, wie ssie falln, weiβ man ob’s klappt.“
Nach kurzer Überlegung meines trunkenen Hirns wünschte ich mir, meinen Ort zu finden, und ich warf die Holzstücke auf den Boden des Alkovens. Beide landeten auf ihren runden Seiten und wackelten noch eine Weile.
„Dasch Orakel lach Ssie aus. – Gude Nach!“ Er öffnete die Schiebetür zum Innenhof und verschwand im gegenüberliegenden Pavillon.

Am nächsten Morgen wurde ich von Sonnenstrahlen geweckt, die durch das groβe, kreisrunde Fenster hinter mir in den Alkoven fielen und diesen schnell aufheizten. Ich vernahm Musik, die von einer javanischen Geige zu stammen schien. Neben mir gewahrte ich die zwei Orakelhölzer, die sich immer noch über mich lustig machten …

aus „Unter Hundefressern“, VIII. Doppelt belichtet

Foto: Yanto Dobat

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