Der Uhrenturm

Uhrenturm

Ich bin allein am fremden Ort,
ein Fremdling stets.
Fremde Mundart sprechen die Menschen hier,
doch die Vögel singen fast wie einst daheim.
Zum Glück weiß ich mich an schöner Landschaft zu erfreun,
zu sitzen in Stille, der Verblendung Gift vermeidend.

Wenn auch bekümmert ob der grauen Schläfen,
des Schopfes Ergrauen ist schließlich unumkehrbar.
Das Lebenselexier hat niemand je zustand‘gebracht.
Um Krankheit und Alter zu überwinden,
dem Unvergänglichen widme dich.

Was kann nicht alles unser Herz verwunden
in einem Menschenleben.
Hätt‘ ich dem Tor zur Leere mich nicht zugewandt,
wo fände ich dann Frieden?
Der tiefe Sinn ist mir nicht erst im Alter aufgegangen,
daß Stille wahrhaft Freude ist,
und dieses Leben unbemess‘ne Muße hat.
Drum halt ich mich der Menschenherde fern.
Die Welt des Ich ist doch nur leerer Schein.

Zwischen digitalen Feldern wandelnd mit Wang Wei –
den Weg bewahrt, wer auch das Ende nicht vergißt.
Wer dem Besond‘ren nachjagt, wird ihn schwerlich finden.
Wer richtig lebt, braucht nicht aus der Tür zu gehn –
den Uhrenturm würd ich nur gern noch bauen.

So weit das Auge sieht, nur wolkenverhang‘ne Berge.
Im roten Abendlicht ziehen weiße Reiher
hinab zum Meeres-Horizont.
In die Nacht sich singen die Zikaden.

nach Wang Wei, „Jenseits der weißen Wolken“

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