Wertfreie Wildheit

Hawaiianer

„Manado is known as the city of blessing especially after the creation of the world’s second largest statue of Jesus Christ after the one in Rio de Janeiro, Brazil. Since the majority of its residents are either Christian, Catholic or Advent Christians, Manado is also well known as City of Churches.”  Hanna Nabila

„Manado, wo sogar die Friseure selig sind, ist eine stinkige, lärmende, verstopfte Stadt ohne jeglichen Charme. Allenfalls für Karaoke-Fans und christliche Spinner interessant. Ich finde dort nichts in den Geschäften, was ich gerne besitzen oder essen möchte.“ Deutscher Waldschrat

Wenn es unter den vielen Pazifikinsel-Büchern eines gibt, das die Situation eines weißen Teilaussteigers sensibel und sehr objektiv wiedergibt, dann ist es „Wasserspiele“ (1987) von James Hamilton-Paterson (*1941). Mal abgesehen von seinen sehr englisch-homoerotischen Vorlieben, gelingen ihm Beschreibungen des Faszinierenden und Unerträglichen, von Ursprünglichkeit und hoffnungsloser Umwelt-Zerstörung in einer ansprechenden Mischung aus Poesie und Reportage. Das Problem, das Verlangen nach exotischem Ambiente bringe die Phantasie dazu, das Vorgefundene zu mißdeuten, wird von ihm klar erkannt. Auch erlebt er auf verschiedenen philippinischen Inseln die Aussichtslosigkeit guter Werke, deren Scheitern an den „unheilbar Hirnlosen“ die Bemühungen des Gutmenschen auf einen „herzlosen Pragmatismus“ reduziert: „Also gut: wenn sie weiter so leben wollen – kein Problem. Sie wollen keine Verbesserungen, alles, was sie wollen, sind Almosen. Alles die Schuld der Amerikaner, die diese Entwicklungshilfe-Mentalität fördern, die und diese verfluchten Scheiß-Wohltätigkeits-Organisationen. Keiner kann diese gottverdammten Philippinen retten, nur diese gottverdammten Filipinos selbst, und bis sie das auf die Reihe gekriegt haben, müssen sie eben weiter wie vor 150 Jahren leben.“ Das Bild der Armut verschwimmt aus westlicher Sicht zur Karikatur: „Die Fehldarstellung der Armen als völlig befangen in ihrer Armut zu jeder Stunde ihres Tages ist genauso gefühlsduselig, wie sie so zu beschreiben, als sängen sie ständig Lieder.“ So wie das Lächeln den weit verbreiteten Zahnverfall aufdeckt, bleibt nur die möglichst exakte Beschreibung konkreter Situationen, die in hoffnungsloser Konkurenz zur für immer die Weltsicht verändernden elektronischen Nachrichten-Flut steht. Die weltweite Übermittlung von Ereignissen und Verhältnissen am Arsch der Welt setzt dabei nicht notwendigerweise Interesse oder Sorge voraus, sondern hat „mehr mit guter Programmgestaltung, Produktverkauf, Unterhaltung zu tun“. Kritisiert der Weiße das Vorgefundene, auch wenn er mit den Wilden lebt, so bleibt er aus Sicht jener doch jemand, der sich freiwillig den Härten dieses Lebens aussetzt, obwohl er Alternativen hat. Mit Tatsachen, von denen Besucher aus Übersee nichts wissen wollen, kann er es den Touristen ebenso wenig rechtmachen: „Ein Mensch, der abliest, was unter der Oberfläche liegt, und damit ein Verständnis für die Situation erst zuläßt, ist in ihren Augen eher ein Spielverderber. Es ist vergnüglicher und einfacher, Geld auszugeben, als Fragen zu stellen … Für bestimmte Kategorien von Außenstehenden ist es wichtig, daß ein Land und seine Leute pure Einbildung bleiben und nur in den auf sie zugeschnittenen Rollen Wirklichkeit erlangen [Der Korrupte Diktator versus Das Geknechtete Volk.] … Das ist schließlich das Wesen des Tourismus.“ Hamilton-Paterson fällt es schwer, übermäßig Respekt vor der Meinung eines „Südostasien-Korrespondenten“ zu haben, der nur wenige Monate vor Ort lebt und sich auf Dolmetscher und Führer verlassen muß. Der Finanzbeamte, der von Tür zu Tür geht, Einkommensteuer in bar kassiert und damit seine Spielschulden begleicht, Schußwechsel zwischen rivalisierenden Gruppen in Polizei und Militär, Eingeborene, die wie besessen kontinuierlich ihre letzten natürlichen Lebensräume zerstören, indem sie nichts Lebendes erblicken können, ohne es sofort töten zu wollen – all das will ebenso erlebt sein wie die Variationen des Hahnen- und Gebets-Geschreis. Der Weiße, der nicht mitspielt, weil er extrovertierte Menschen verabscheut und sich als Opfer mangelnder Rücksichtnahme fühlt, lebt wechselweise im Luxus („Ist das eine Villa?“) oder nicht luxuriös genug ( „Das Haus steht verkehrt rum, die schönste Seite muß zur Straße gerichtet sein!“). Er fängt an, sich nach einem Land zu sehnen, „das steif und förmlich ist, in dem jeder den anderen mit ‚mein Herr‘ oder ‚meine Dame‘ anspricht und keine Auskunft zur Person möchte“. Da versöhnt nur das Elementare am Leben, das in jenen überregulierten Ländern verschüttet ist. Wie die Beobachtung von weißköpfigem Seeadler mit Ratte, Habicht und Purpur-Reiher innerhalb einer Viertelstunde über den eigenen Reisfeldern. Oder das Harpunieren an den letzten intakten Korallen-Riffen – bis Hamilton-Paterson Schimmel im Ohr diagnostiziert wird. Trotzdem bleibt er der Hochzivilisation verloren: „Ich bin nicht mehr genügend von ihren Geheimnissen gefesselt, von ihren Vergnügungen angezogen, zu wenig von ihren Einrichtungen erbaut“, den „einförmigen Einkaufszentren, den Schnellimbissen, diesem totalen bürgerlichen Festgelegtsein, … vollgepumpt mit Medizin, überfressen, überversichert, überängstlich“.

Ein Gedanke zu „Wertfreie Wildheit

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s