Inzest

Lumimuut

Irgendwann einmal in früherer Zeit wurde westlich des Wulur-Mahatus-Gebirges eine Koralle an den Strand gespült. Kein Lebewesen achtete darauf, denn die Gegend war unbewohnt.
Eines Tages, als die Luft am Strand brütend heiβ war, trat Schweiβ aus der Koralle, und aus diesem Schweiβ erwuchs eine wunderschöne Frau. Sie stellte sich auf die Koralle und betrachtete ihre Umgebung um herauszufinden, wo sie sich befand.
O kasuruan opo e wailan wangko! Oh Gott gewordener Vorfahre und Ursprung aller, wenn ich wirklich dein Nachkomme bin, sag mir, wo ich mich befinde und gib mir einen Gefährten!“
Da spaltete sich die Koralle, und aus dem Inneren trat eine Priesterin hervor, die sprach:
„Du bist nicht allein. Ich bin erschaffen worden, um dich zu begleiten und zu beschützen. Weil du aus dem Schweiβ der Koralle entstanden bist, nenne ich dich Lumimu’ut. Ich heiβe Karema und bin deine geistige Führerin in dieser Welt. Ich verkünde dir, daβ du heiraten wirst, und deine Nachkommen werden sich wie Ameisen vermehren.“
Später bereitete Karema eine Zeremonie vor und sprach zu Lumimu’ut:
„Meine schöne Tochter, wende dich nach Süden hin, damit wir weiterleben können!“
Lumimu’ut tat, was ihr befohlen war, und Karema fing an zu beten:
„Ursprung aller Lebenden, allmächtiger Gott, höre und gib mir deinen Segen! Gott des Südwindes, befruchte Lumimu’ut! Gib ihr Nachkommen!“
Da nichts geschah, muβte sich Lumimu’ut nach Osten und dann nach Norden wenden, und Karema wiederholte jedesmal die Zeremonie. Aber auch dies hatte keinen Erfolg. Zuletzt muβte sich Lumimu’ut nach Westen richten, woher der Wind gerade heftig blies. Nachdem Karema das Ritual beendet hatte, schien sich der Körper Lumimu’uts zu verändern. Der Westwind hatte sie geschwängert. Seitdem nennt man ihn awaat.
Karema pflegte Lumimu’ut während deren Schwangerschaft mit Sorgfalt, und schlieβlich brachte sie einen Jungen zur Welt. Weil er mit wahrhaft groβer Mühe geboren wurde, gab Karema ihm den Namen Toar.

Toar

Toar wurde mit viel Aufmerksamkeit und Liebe groβgezogen. Damit aus ihm ein tonaas wangko, ein groβer Priester werden konnte, brachte Karema ihm all ihr Wissen und ihre Fähigkeiten bei. So wurde aus ihm in kurzer Zeit ein mutiger junger Mann mit kräftigem Körperbau. Ob auf dem ladang als Bauer oder im Dschungel als Jäger, überall bewies er auβerordentliche Fähigkeiten. Die wilden Tiere fürchteten ihn. So hungrig sie auch war, traute sich die Tumotongko, die Schlange der Reisfelder nicht an ihn heran. So wild das unberechenbare Anoa-Weibchen, ein Zwergbüffel, oder das bösartige Babirusa, ein Hirscheber, auch waren, sie unterwarfen sich Toar alle und wagten nicht, sich ihm in den Weg zu stellen.
Eines Tages sprach Karema zu Toar und Lumimu’ut:
„Die Zeit ist gekommen, wo ihr diesen Ort verlassen müβt. Geht auf Wanderschaft und erkundet die Welt! Dafür habe ich euch zwei Stöcke angefertigt. Wie ihr seht, sind sie gleich lang. Wenn ihr unterwegs jemand mit solch einem Stock trefft, müβt ihr die Längen vergleichen! Sind sie gleich, so seid ihr miteinander verwandt. Sind sie ungleich, so könnt ihr euren Partner heiraten, und ihr werdet eine groβe Nachkommenschaft erzeugen. Später, wenn eure Nachkommen durch Berge und Wälder voneinander getrennt leben, werden sie immer den Wunsch haben, sich zu treffen und vereint zu sein. Deshalb werden sie stets die Welt beherrschen.“
Mit dem Rat Karemas versehen, traten Toar und Lumimu’ut ihre Wanderschaft an. Toar ging Richtung Norden und Lumimu’ut Richtung Süden. Toars Stock war aus dem Holz des Tu’is-Baums und Lumimu’ut vom pohon Tawaang.
Nach langer Wanderschaft trafen sich Mutter und Sohn in einer Vollmondnacht am Fuβe eines Berges, der nordwestlich des Wulur-Mahatus-Gebirges liegt, ohne sich wiederzuerkennen. Sie beherzigten den Rat, den Karema ihnen gegeben hatte, und verglichen ihre Stöcke miteinander. Da Toars Stock während der Reise gewachsen war, während Lumimu’uts Stock keinerlei Veränderung erfahren hatte, waren sie ungleich lang. Um die Prophezeiung Karemas zu erfüllen, vereinigten sie sich noch in der selben Nacht, und nur der Mond war Zeuge. Dabei erschien die Kuppe des Berges in goldenem Licht, weshalb er seitdem Lolombulan genannt wird.
Nachdem sie ein Paar geworden waren, brachen sie Richtung Südosten auf, um Karema wiederzusehen, fanden sie aber nicht. Schlieβlich siedelten sie auf einem gebirgigen Stück Land, das mit dünnem Bambus bewachsen war. Deshalb nannten sie dieses Gebiet Wulud Mahatus. Dort wurde alles wahr, was Karema für ihre Nachkommen vorausgesagt hatte. Zuerst gebar Lumimu’ut 2x hintereinander Neunlinge, danach 3x Siebenlinge. Zuletzt kam sie mit Drilligen nieder. Macht zusammen 42. Wegen dieser exponentiellen Bevölkerungsexplosion wurde es immer schneller immer enger in der Gegend. Deshalb muβten die zuletzt geborenen Drillinge gehen. Man erzählte später, daβ einer der Drillinge, als er erwachsen war, beschloβ, ein Gott zu werden und verschwand. Da waren’s nur noch 2. Diese wurden die Stammväter der Minahasa, indem sie sich nach Norden wandten, den Vulkan Soputan umwanderten und sich in der Nähe eines groβen Steins niederlieβen, dem Watu Pinawetengan.
Auch dort begannen sie sich wieder so rapide zu vermehren, daβ die zunehmende Anzahl der Familien immer mehr kepala besar, Dickköpfe hervorbrachte. Manche dieser Querköpfe machten sich sogar ohne Konsultation der tonaas wangko auf die Wanderschaft, und man sah oder hörte nie wieder etwas von ihnen. Die übrigen warteten auf ein Zeichen der Götter, das ihnen verdeutlichen sollte, wohin sie sich zu wenden hatten. Deshalb richtete sich ein tonaas einen Meditationsplatz in einer Höhle im Gebirge ein, wo er zehn Tage blieb. Am letzten Tag hörte er eine Eule, die als glaubwürdigste Nachrichtenüberbringerin gilt, 7x rufen. Wenn die Eule 3x ruft, bedeutet das Einigkeit und Stärke, wenn sie 9x ruft, Segen. Der siebenmalige Ruf aber verlangt, daβ sie auseinandergehen sollten wie eine Kürbispflanze, die zwar ein Haupt, aber mehrere Ausläufer besitzt, die überall hinkriechen.
Nachdem der tonaas dies verkündet hatte, ritzte er in den Watu Pinawetengan Linien ein, die die Richtungen und Gebiete kennzeichneten, in denen sich die einzelnen Gruppen niederlassen sollten. Diese Zeichen kann man noch heute auf dem Stein sehen.

Watu-Pinawetengan

Eine der Gruppen sollte an einem bestimmten Ort, an dem sie noch ein Zeichen erhalten würde, nach rechts abbiegen und an einer Stelle siedeln, wo sie Ranowangko, das groβe Wasser sehen würde. Als sie den wegen seiner Schwefelhaltigkeit in je nach Licht-Verhältnissen hellblau, grün oder türkis schillernden Linow-See erreichten, hörten die Leute wieder die Eule rufen und bogen deshalb rechts ab zur Nordspitze des Tondano-Sees. Dort angekommen, sahen sie schon das groβe Wasser, die Maluku-See.
Nachdem sie hier gesiedelt hatten, bemerkten sie nach einiger Zeit aber ihren Irrtum und zogen weiter durch die Täler des Lembean-Gebirges bis nahe an die Küste nach Lilang und Lansot. Hier waren sie wirklich am groβen Wasser angekommen. So verbreiteten sie sich stetig nach Norden und besiedelten das ganze Gebiet um den Vulkan Klabat. Das Zentrum war Kema. Aufgrund ihrer Wanderschaft wurden sie Tonsea genannt, Leute, die abbiegen. Bei den Bewohnern unseres Dorfes handelt es sich also überwiegend um Rechtsabbieger.
Jahrhunderte später erreichten Alifuren aus Tidore die Küste, einer kleinen Insel an der Westseite Halmaheras. Sie waren einen Tag und eine Nacht im Boot gefahren und an der äuβersten Nordspitze Sulawesis in Tanjung Pulisan gelandet, wo sich noch ihre Begräbnisstätten befinden. Die Tonsea nahmen sie zwar freundlich auf, sahen sie aber als primitiv an. Deshalb ermahnte man früher unartige Kinder: „Benimm dich nicht wie ein Alifuru!“
Da die Alifuren an der Nordspitze immer wieder von Seeräubern belästigt wurden, bekammen sie von den Tonsea Gebiete an der Nordseite des Tondano-Sees zugewiesen. Dafür muβten die nun Tonsingal genannten Tribut in Form von getrockneten Welsen liefern.
Weitere Einwanderungswellen folgten. Die Neusiedler waren besonders deshalb willkommen, weil sie sich im Naβreisanbau als sehr geschickt erwiesen. Deshalb nannte man sie Tonsawang.
Den Einwanderern fiel nach einiger Zeit auf, daβ sie eher weniger als mehr wurden. Dies führten sie zuerst auf die möglicherweise ungünstigen Siedlungsplätze zurück, weshalb sich die Tonsawang weiter nach Südwesten im Gebiet um Kakas und Tompaso ansiedelten. Auch dort waren sie den Tonsea sehr willkommen, verloren aber immer noch Stammesmitglieder.
Es dauerte eine Weile, bis den doofen Alifuren klar wurde, daβ der Grund für ihr Schwinden der starke Bedarf der Minahasa an Köpfen für Rituale war. Für diese poso genannten Zeremonien wurden Menschenköpfe als Opfergaben benutzt. Beispielsweise bei der Geburt eines Kindes oder der Einweihung eines neuen Hauses. Hierfür muβten die Pfeiler mit Blut eingestrichen werden. Auch wurden gerne Köpfe in den Fundamenten versenkt. Einwanderer waren besonders geeignet. Solange genug Fremde zur Verfügung standen, brauchte man sich nicht an den eigenen Clans zu vergreifen. Die Tonsea sind also ursprünglich nicht nur Rechtsabbieger sondern auch Halsabschneider. Zum Tode Verurteilte zerhackte man, fuhr die Leichenteile in einer perahu auf den Tondano-See oder auf’s Meer hinaus und kippte sie ins Wasser. Wurde man der Schuldigen nicht habhaft, nahm man ersatzweise andere Familienmitglieder oder deren Sklaven. Das entsprach dem adat, dem Gesetz der Ahnen – Blut gegen Blut.
Als die Holländer im 17.Jahrhundert als Nachfolger der Portugiesen begannen, die Minahasa zu kolonialisieren, wollten sie sich das Umbringen natürlich selbst vorbehalten und versuchten, mit den ukung, den Bezirksvorstehern, Verträge über die Abschaffung ihrer Traditionen abzuschlieβen. Die Mehrheit der Bevölkerung nahm derartige juristische Vorgänge aber nicht ernst, und als die Minahasa ihre zum Tode Verurteilten dem Gouverneur in Ternate überstellen sollten, weil sich Missionare beim Residenten der Ostindischen Kompanie in Manado über das hartnäckig fortgesetzte Zerhacken von Sklaven beschwert hatten, beschlossen die Alifuren, den Kopf des Residenten selbst zu opfern. Dies lieβ sich aber leider nicht durchführen, und weil es schon zu Stockungen beim Köpfeabschneiden gekommen war, explodierte 1694 der Dua Sudara. Eine Woche lang erschütterten täglich Erdbeben den Boden, und der Zorn der Götter machte mit Unwettern und Aschenregen die Tage zu Nächten. Nur durch verstärktes Kopfabhacken gelang es, die Götter wieder zu besänftigen. Daher die noch von meiner Frau in ihrer Jugend erlebten Ängste der Eltern um ihre Kinder und dieser um den Behalt ihres Kopfes, wenn zum Beispiel ein Brückenbau in der näheren Umgebung stattfand.
Bis ins 18.Jahrhundert dauerte es, bis die Holländer diesen Brauch abschaffen konnten. Heute benutzt man Schweineblut zur Einweihung eines Hauses. Bei einer Zeremonie für das neue Haus meines Schwagers in Tontalete hielt Ade die Schale mit Blut, der tonaas tauchte seine rechte Hand hinein und patschte sie innen auf den Sturz über der Eingangs-Tür. Bei älteren Häusern kann man vereinzelt noch verblaβt den Abdruck und Spuren der heruntergelaufenen Blutstropfen erkennen. Auch Hühner und Hunde dienen heutzutage als Ersatz.

aus „Unter Hundefressern“ XI.

2 Gedanken zu „Inzest

  1. Sonzusammengefasst wirkt es sogar noch wahnsinniger als ägyptische Geschichte.
    (Aber die Sache mit dem „Stockvergleich“ scheint sich zumindest unter Männern weltweit rudimentär und sinn-entleert weiter verbreitet zu haben. ^^)

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