Voyeurismus

Schlammgasse

Als die Bande Moslem-Jungs auf unserem gemieteten Wagen rumzutrommeln begann, mußte ich daran denken, wie ich gerade kürzlich im Internet nach dem Film „The Ugly American“ (1963) gesucht hatte und auf die beängstigende Szene gestoßen war, in der der amerikanische Botschafter im Phantasieland Sarkhan von Demonstranten in seinem Wagen eingeschlossen wird, die mit Fäusten und Latten darauf rumhämmern. Ich hatte mich zum Ortstermin in ein von der Flut überwälztes Moslem-Gebiet Manados gewagt, das zwar dichtbesiedelt doch durchaus kein Slum ist. In der von Christen dominierten Nord-Provinz gehören die Moslems eher zur Unterschicht, bewohnen weniger attraktive Gebiete, und die Kinder sind dort deutlich wilder. Als sie meiner ansichtig wurden, gellte sofort der Schrei: „Banyak doi!“ durch die verschlammten Gassen. „Viel Geld!“ – das eine, an das der Minahasa IMMER denkt. Und während ich mich hinter die verspiegelten Scheiben des gemieteten Wagens zurückzog, der so unauffälliges Mittelmaß ist, daß ich später sogar in den falschen einzusteigen versuchte, umringten sie uns und fingen an, auf die Karosserie zu schlagen. Unser Fahrer öffnete seine Seitenscheibe und rief einem der Burschen mit Sammel-Karton zu, wir hätten schon am Hilfs-Posten gespendet, und so konnten wir unbeschädigt durch ein überflutetes Straßenstück entkommen.

schlammig

Auf den Hügeln Manados geht das geschäftige Leben weiter, als ob nichts geschehen wäre, doch in den Senken steht auch nach Wochen noch braunes Wasser, weil die Abflüsse mit Schlamm und Müll verstopft sind. Am Ufer des Tondano-Flusses, der dem gleichnamigen See im Südwesten entspringt, ging ich über 30-50cm dicke neue Schlammschichten – jedoch in einer Höhe von 5-10m. Auch konnte man teilweise an den schmutzigen Brücken-Böden sehn, wie hoch das Wasser gestiegen war. Dabei weit in die Breite geflutet, und überall bemerkte ich Schläuche, mit denen Häuser freigepumpt wurden. An Hauswänden Schlammspuren bis deutlich über 1m, manche Häuser ganz untergegangen und fortgespült. Das mit Abfall, Fäkalien, Tierleichen und Hausrat angereicherte Gemisch, überall an den Straßenrändern aufgehäuft, stank erbärmlich – erheblich stärker als diese schmutzige Stadt normalerweise stinkt. Viele Läden geschlossen, vor manchen saßen die Angestellten und wuschen, was noch zu retten ist. Berge von Suppen- und Gewürztüten allerdings nicht mehr. Da wo die Straßen breit genug sind, hat man Zelte für die Obdachlosen errichtet. Dort holen sich diejenigen, denen die Flut alles genommen hat, Plastik-Bottiche mit den notwendigsten Koch-Gerätschaften ab. Unser Versorger mit illegalen DVD’s, den wir schon vermißt hatten, zeigte uns im IT-Center seine modischen Turnschuhe: 1 hatte er auf dem Dach, den anderen in einem Baum wiedergefunden, sein Moped am anderen Flußufer. Nachdem er es getrocknet hat, läuft es wieder. Ansonsten verlor er alles. Sein T-shirt mit der Aufschrift „WHY ARE YOU LOOKING AT ME?“ war ihm geschenkt worden. Als die Flut kam, hatte er seine wieder schwangere indische Frau zu den Schwiegereltern evakuiert, wollte zurückkehren, um den Hausrat zu sichern, mußte jedoch 24Std. ohne Wasser und Nahrung an einem erhöhten Sammel-Posten ausharren. Deutlich dünner sah der ohnehin magere junge Mann aus, und ich drückte ihm ein paar Scheine extra in die Hand. Ein Land voller Extreme: Während sich in der Mega-Mall Schulmädchen in den Sesseln eines Weinlokals fläzten, stellten die Bewohner der überfluteten Gebiete ihre Möbel zum Trocknen auf die Straße, durchwühlten den Schlamm nach Brauchbarem oder fischten sogar im verdreckten Flußwasser. An der Mündung eines kleineren Flusses, wo eine Brücke provisorisch repariert ist, fand ich extreme Ansammlungen von Plastikflaschen und Holzresten.
Doch hatte die Flut auch was Gutes: Manado war noch nie so still. Tausende Geräte Unterhaltungs-Elektronik abgesoffen. Leider liegt unser Dorf zu hoch für sowas.

trocknen

2 Gedanken zu „Voyeurismus

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