Im Schlamm der Dummheit

Muellfeld

Als der Vizepräsident Indonesiens und ich Manado besuchten, hätt ich das lieba nich tun solln, denn wegen des Vizepräsidenten und der Kinder und Jugendlichen, die mit Kartons in der Hand in der Straßenmitte für Übaschwemmungs-Opfer Geld von den dadurch gestauten Autos zu sammeln versuchten, dauerte es diesmal doppelt so lang, in die Stadt zu kommen. Es iss zwar nich zu erwarten, daß das erbettelte Geld jemals die erreicht, deren Häuser von der Flut zertrümmert worden sind, aba es handelt sich um einen alten anarchischen Brauch, wie man das Desaster noch erweitern und den Verkehr länger zum Erliegen bringen kann. Ich könnt mich da auch hinstellen, denn so wie die Wilden, besonders die jungen Mädchen auf mich reagieren (Sollte ich vielleicht nur noch T-shirts mit Altersangabe auf Brust und Rücken tragen?), würd ich ne Menge Geld ergaunern können. Leida hatte ich keinen Karton dabei. Eins der dahinschleichenden Autos zeigte eine aufgesprühte, große Nazi-Flagge – größer als bei dem in Manado, aba in der gleichen Position und eindeutig kein lingsdrehendes buddhistisches Hakenkreuz. Am Steuer ein Mann in khakigrüner Beamten-Uniform. Die wenigen zerstörten Häuser, die ich sah, weil ich das eigentliche Chaos umfuhr, waren wie üblich auf Plätzen am Flußufer errichtet, auf denen man besser nich und wenn, dann sehr solide baut. Der Müll aus diesen Ruinen, soweit nich fortgeschwemmt, war gemäß altem anarchischen Brauch auf einer angeschütteten Fläche abgelegt, so groß wie 2 Fußballfelder. Dort wühlten zahlreiche Erwachsene und Kinder im stinkendem Dreck nach Brauchbarem. Als ich die Szene auf der Rückfahrt fotographierte, waren die Erwachsenen fast alle verschwunden, doch sprach mich dort ein Schatzsucher an, der dumme, reiche Holländer an der Nase herumführt. Ich antwortete ihm, daß man durch Schatzsuche arm werden könne – wie Ega, Cousin meiner Frau, der nich nur wegen Unterschlagung seine Stelle als Postamts-Leiter verlor, sondern auch seinen gesamten Besitz, inklusive dem, den wir ihm in unserer Abwesenheit treuhänderisch übalassen hatten. „Nein“, widersprach der narbengesichtige Mann, es gäbe eine Menge Schätze (harta karun) in der Erde. Als er mir auch noch roten Zucker in Kokosnußschalen verkaufen wollte, zog ich lieba weita und fotografierte den Müll.
In Manado sah ich nur einige mit Schlamm gefüllte Autos, nicht jedoch die zerborstenen Scheiben des Toyoto Showrooms, wo die Neuwagen herausgespült worden waren, vollgelaufene Tiefgaragen und Benzin-Tanks und die Schlamm-Berge in den Straßen. Auch nicht die mit ihrem Tisch umgefallene Kuan-yin, Göttin der Barmherzigkeit, im größten chinesischen Tempel. Was sollte man deswegen tun? Sich bei Kuan-yin entschuldigen? fragte sich unsere chinesische Notarin. Das Haus ihrer Eltern muß jedes Jahr wieder vom Übaschwemmungs-Schlamm gereinigt werden, doch weigern sie sich umzuziehen, weil sie dort wirtschaftlichen Erfolg hatten. Übahaupt hat sich das Jahr der Schlange als sehr schlingelich erwiesen, weshalb die Notarin eine Pilgerreise nach Taiwan zu ihrem Guru Sheng-yen Lu unternehmen will. Wenn ich an Mode-Design interessiert wäre, würd ich das auch tun. Doch so hoffen wir nur, das Jahr des Pferdes komme im Februar in Trab, und alles wird wieda gut. Bis dahin könnte man den Tisch der Kuan-yin vielleicht am Boden festschrauben.
Leida muß ich auch ab und zu was essen, weshalb wir in Manado ein neues chinesisches Restaurant aufsuchten, wo ich ersma die Ameisen auf dem Tisch zerdrückte. Meine Frau meinte, ich solle deswegen nich son Theater machen, obwohl ich sie – die Ameisen – nur wie zuhause etwas gequetscht hab. Als mich dann noch ein nicht identifiziertes Flugobjekt angriff, und ich zu wedeln anhub, kam ein phlegmatischer Ober an unseren Tisch und fragte, was wir wünschten. Da versuchte meine Frau ihm zu erklären, daß ich gerade von einer Biene angegriffen worden war, fand jedoch nich mehr das indonesische Wort für Biene auf ihrer geistigen Festplatte. Ich auch nich, denn normalerweise sag ich nich ofu oder Biene zu ihnen, sondern renn lieba wech, weil die noch aggressiver sind als Hornissen und auch sehr schmerzhaft stechen. Also stocherte meine Frau mit dem Zeigefinger ihrer rechten auf dem Handrücken ihrer linken Hand rum, was viel auffälliger war, als meine dezente Ermordung von 4 Ameisen. Jedenfalls zog der Kellner verwirrt von dannen. Danach brachte er mir rote Blüten, die sich als gefaltete und gefärbte weiße Radieschen-Scheiben erwiesen. Als ich die gegessen hatte, waren meine Fingaspitzen leuchtend rot. Man tut hier alles mögliche ins Essen, damit es schöner aussieht, auch Formalin. Das rote Zeug hättense in Rudi tun solln, dann hätt er nicht so grün ausgesehn.
Auf der Rückfahrt versorgte uns der Fahrer mit christlicher Pop-Musik („OH du mein JEESSSUUSS, du bist der Größte!“), so schwül, daß sich mir Wundmale an den Ohren zu öffnen drohten, + 2 Predigten in 1½Std. – in einem sanften Tonfall wie das nur Schwule und Popen können. Das waren dann, zusammen mit der Zwangs-Predigt per Sehrlautsprecher am Morgen, 3 an einem Tag. Da hätte eigentlich nix mehr schiefgehen können, doch in der Nacht gab es noch irgendwo eine dieser berüchtigten exzessiven Minahasa-Parties bis zum Morgen, eventuell bei einer Ex-Parlamentarierin im Nachbar-Dorf, die ihre Entlassung aus dem Gefängnis feierte. Die Beschreibung kann ich mir sparen, denn das muß man gehört haben, um es zu glauben. Die Provinz Nordsulawesi iss ja eine freie, in der nich nur jeder aus einer Kollektion von ~4 Göttern den völlich frei wählen kann, an den er glauben muß, sondern auch jeder so viel Krach machen darf, wie technisch möglich.

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