Es jeht nich

Aussicht

„… der wahre Dichter und Künstler findet und hoffet seine Belohnung nicht erst in dem Effekt, den sein Werk machen wird, sondern er findet in der Arbeit selbst Vergnügen, und würde dieselbe nicht für verlohren halten, wenn sie auch niemand zu Gesicht kommen sollte.“
Karl Philipp Moritz (1756-93), „Warnung an junge Dichter. Ein Fragment aus Anton Reisers Geschichte.“ 1792

Es jeht wirkrich nich. Ich habs versucht. Mir deuchtete, wenn schon Katastrophe, könnt man ja in der Zwischenzeit ma wieda was malen. Schon weil Uli vorgeschlagen hat, ich sollte ab und zu was schicken. Iss doch peinlich, wenn man nix vorzuweisen hat auβer Häusern und Ziegen. Drauβen warten zwar kaputte Zäune und andere Unarten auf mich, und der Dschungel sieht aus wie bei Hempels untam Sofa, aba es iss dort auch gefährlich stürmisch und glitschich. Schon ewich stehn ein paar angefangene Leinwände in meinem Atelier und flächeln mich vorwurfsvoll leer an. Also hab ich eine ersma mit gelber Ölfarbe grundiert, mit der ich eigentlich schon längst wieda die Hauswände streichen müβte. Das iss niemals fertich geworden, seit es das ganze Jahr regnet, und die gestrichenen Flächen sind schon wieda vergammelt. Aba Gelb iss gut, durchstinkt bloβ fürchterlich das ganze Haus, weil wegen der Hitze alles offen iss.
Während des nächsten Stromausfalls trug ich dann meine klappbare Feld-Staffelei auf die Veranda des Schlafzimmers im Obergeschoβ. Dort geht der Blick über die Terrassen meiner gelb-reifen Reisfelder zum Pazifik. DAS will ich irgendwie malen. Schon bei der Installation der Staffelei lief mir der Schweiβ in Strömen, obwohl ein starker Wind wehte, und ich fast nix anhatte. Als die gelbe Leinwand vor dem Motiv stand, schien die gleiβende Vormittags-Sonne DURCH die Malfläche, und ich konnte nix sehn. Also baute ich alles wieda ab und einen Platz zum Zeichnen auf. Kein Ventilator konnte mich dabei abkühlen, und mit Hand- oder Armauflage auf gröβerem Papier-Format zu zeichnen, würde ein einziger Matsch. Deshalb versuchte ich es mit Ölkreide auf sehr kleinem, dunkelbraunem Papp-Format. Schon längst hatte ich wieda vergessen, daβ es vor ganich langer Zeit mit Buntstiften besser ging. Stattdessen fuhrwerkte ich mit viel zu groben Ölkreiden Marke „Mona Lisa“ herum, die ma mein Sohn in der Schule benutzt hat. Man soll ja nie nix wechwerfen! Die Sifte verbogen sich in der Hitze zwischen meinen Finger in bizarrer Weise und gaben den Geist auf. Wieso DAS denn? Die sind doch höchstens 30 Jahre alt.
Ich muβte an den Film „Lust for Life“ (1956) mit Kirk Douglas in der Hauptrolle denken: Van Gogh und Gauguin versuchen es drauβen in der Landschaft, während der Mistral bläst. Gauguin gibt schnell verärgert auf und meint, er brauche ganich vor dem Motiv zu sitzen, und van Gogh, von Herrn Douglas in der gewohnten und sehr passend heftigen Art gespielt – DA GEHT PLÖTZLICH DAS LICHT AN! Schon nach nur 11Std.. Ich renn los zum Pumpen-Raum, um sie lospumpen zu lassen, denn ich trau ihr nich mehr, das von alleine zu tun. Und dann hatten wa wieda Wasser. Wo wa ich stehn geblieben? Ach so! Van Douglas kämpft also noch ne Weile mit dem Wind, und dann kippt ihm die Staffelei um. So schwer ham die Künstler das.
Und nach 2Std. war der Strom wieda wech. Ich hab nach dem Mittagessen zu schlafen versucht, aba 1 Fliege hatte sich durch die geöffnete Verandatür eingeschlichen und mich mutwillich gestört. Da bin ich aufgestanden, hab n Kaffee getrunken, die Ziegen gefüttert, die gelbe Leinwand wieda auf die Veranda getragen, die Landschaft draufskizziert, die Leinwand wieda runter in mein Atelier befördert, die groβe Staffelei eingerichtet, die Farb-Tuben mit 2 Zangen geöffnet – so fest zu warn die nach mehr als 13 Jahren Nicht-Benutzung – und hab losgemalt. Na ja, man sieht noch nich, ob es jeht, aba es iss wenigstens 1 Anfang, und Lust isses auch. „If I’m to be anything as a painter, I’ve got to break through that iron wall between what I feel and what I express. My best chance of doing it, is here, where my roots are … the people I know, the earth I know.” erklärte van Gogh in „Lust for Life” – bevor er sich erschoß.

fuck

4 Gedanken zu „Es jeht nich

  1. Mein Oma hatte auch immer Angst vor Wurzeln, draussen. Jetzt weiß ich endlich wieso. Wurzeln – Erschiessen – nicht gut. Auf einem Ohr hatte sie schon nicht gut gehört., das sollte analoge Warnung genug sein. Dabei konnte sie gar nicht malen.

    So, und nun hoffe ich, dass du auch irgendwann Lust hast, das Gemalte zu zeigen.

  2. Wie? Hat Deine Oma sich auch erschossen? Wenn man hier lang genuch im Wald stehenbleibt, wachsen einem die Wurzeln üba die Füße, und ich hör auf einem Ohr auch nur noch die Hälfte – 1 Vorteil bei dem Krach hier.

  3. Ah! „Blauer Bock“! Der gehört zu meinen schrecklichsten Jugenderinnerungen. Da wird mir noch schwindliger als ohnehin schon (Hab gerade so einen Vertigo-Anfall.)..

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