Ein Dalang wird zum Schatten

Autoreparatur-Manado

Den verwandten Joubert kenne ich schon aus dem „Rattenloch“. Wir wohnten dort zusammen, und nachts, wenn ich zum Pinkeln nach unten ging, fand ich ihn besoffen am Küchentisch eingeschlafen, während sein Essen in der Pfanne brutzelte. Er arbeitete als Fahrer, doch nie hielt er es lange bei einem Arbeitgeber aus. Fast 5 Jahre bei uns, das war Rekord – bis er rausflog, was alle, die ihn kannten, viel früher erwartet hatten.
Eine gewisse Gerissenheit (6 Jahre Schule) bewies er schon als Junge, als sein Vater starb. Auf Empfehlung Jouberts legte sein älterer Bruder Wering (2 Jahre Schule und Analphabet) dem toten Vater noch 1 Schachtel Zigaretten auf’s Grab. Joubert ging heimlich hin, rauchte alles auf und ließ die Kippen liegen. Dies war für den erstaunten Wering Beweis genug, ihr Vater hätte geraucht, und so legte er ihm gleich 2 Päckchen hin. Der Schwindel flog auf, als Joubert beim Rauchen beobachtet wurde. Wering, der nach dem Tod des Vaters, als die Kinder von Verwandten um ihr Erbteil betrogen wurden, nicht nur seine Brüder sondern auch 2 Schwestern versorgte, brachte es als „Heiler“, Masseur und Fahrer strebsam zu bescheidenem Wohlstand, der unbeständige Joubert, inzwischen 50 und immer noch unverheiratet, zog dagegen nur ruhelos von einer Arbeitsstelle zur nächsten. Der größte Flop war jedoch der 3. Bruder Tutu, der seinen Rausch auf einer Balkon-Brüstung ausschlief und zu Tode stürzte.
Tutu ein echter Frauenheld, der kleine, auffällig schmalschultrige Joubert hält sich jedoch nur selbst für einen. Sein Gebiß besteht überwiegend aus Löchern. Gern läßt er die Seitenscheibe herunter und rotzt hinaus. Wer hinten sitzt, hält seine Scheibe besser geschlossen. Normalerweise bleiben die Fahrer, die grundsätzlich nicht beim Ein- und Ausladen helfen, im oder in der Nähe des Wagens, während man irgendwo zu Besuch ist. Da wir andere Menschen grundsätzlich nicht wie Hunde behandeln, aßen wir sogar mit ihm zusammen im Restaurant – was ihm eher peinlich war. Doch wurde er auch dadurch immer dreister. Beim letzten Weihnachts-Besuch in Danowudu setzte er sich wie selbstverständlich im Wohnzimmer des Polizei-Beamten aufs Sofa, griff sich unaufgefordert Kekse, bohrte sich in den Ohren und schlief dann ein. Erst nach seinem Rausschmiß erfuhren wir, daß gerade dieser Beamte ihn in der Lolita-Affäre – aus Rücksicht auf uns – vor der Zelle bewahrt hatte. In diesem klassischen „Rashomon“-Fall versuchte Joubert sich als dalang. Dalang wird der Spieler des Schatten-Spiels genannt, der mit Stäben aus Horn die auf Leder gemalten und gestanzten Figuren vor der Leinwand bewegt und dabei mit einem Fußklöppel Signale an das Gamelan-Orchester gibt. Dieser Akt, aus Eifersucht eine Vergewaltigung zu inszenieren, mißlang ihm gründlich, denn er wurde dabei von Lolita gespielt und letztlich zum Schatten. Sie ließ sich von ihm rumfahren, mit unserem gemieteten Wagen, vor allem aber mit dem von uns bezahltem Benzin. Erst als die Geschichte offenbar wurde, bekamen wir von allen Seiten Berichte, daß unser Fahrer schon all die Zeit auch andere auf unsere Kosten fuhr. Als der Wagen vom Eigentümer verkauft wurde, entließen wir ihn.
Er, der nicht einmal weiß, wie sich sein Name richtig schreibt, der immer Familien-Anschluß sucht, brüstet sich gern damit, alles über seine wechselnden Arbeitgeber zu wissen, oder auch deren Töchter jederzeit „haben“ zu können. Die Frau seines Bruders hat ihre Töchter angewiesen, den Raum zu verlassen, wenn Joubert erscheint. Auf der Tiger-Trank-Party beobachtete ich ihn, wie erst seine Hand auf dem fetten Schenkel einer verheirateten Nichte lag, und wie er später einer anderen, ebenfalls verheirateten, über Haare und Rücken streichelte. Die Frauen schienen das mit Humor hinzunehmen. Um sein Gesicht zu wahren, erzählt er nun, wie wenig Lohn er von uns bekam. Netto! Das erzählt er nicht. Er mußte nähmlich seine Schulden abtragen, denn meine Frau hatte ihm den Kauf eines Hauses vorfinanziert. Fast sah es so aus, als ob er seßhaft werden würde. Doch auch das ging schief: Eine Alte erschien, setzte sich ins Haus und behauptete, es gehöre ihr. Auf den pensionierten Verwaltungs-Beamten Jafar, gehbehindert nach einem Schlaganfall, der mithilft, in dieser aberwitzig verknoteten Geschichte das Geld zurückzubekommen, ist Joubert so eifersüchtig, daß er ihn nicht fahren wollte und sogar vor ihm ausspuckt. Er selbst kann nichts regeln, sondern ist aufbrausend, leicht beleidigt und verschwindet einfach, wenn es schwierig wird. Nun sieht man ihn arbeits- und ruhelos auf dem Markt umherschweifen, ihn, der gerne mit „unserem“ Wagen angab und kaum noch zu Fuß ging, nun begleitet vom Gespött der Dörfler – nur noch ein Schatten.
Und die Mär von der Geschicht‘? Trau deinem Fahrer nicht?
In einer Gesellschaft, in der jeder jeden betrügt, nicht nur der Arme den Reichen, auch der Arme den Armen – und deshalb ständig in heuchlerischer Weise von Gott und Gemeinschaft die Rede ist – lohnt es sich nicht, Untergebene, Arbeiter, Pächter besser als üblich zu behandeln. Man fühlt sich dabei noch nicht einmal gut, sondern am Ende nur enttäuscht und mißbraucht. Selbst um den Schaden des mißglückten Hauskaufs auszugleichen, muß wieder gefälscht und betrogen werden, da die Schuldner normalerweise mit dem ergaunerten Geld sofort Löcher stopfen und unfähig zur Rückzahlung sind. Die Korrupten von Polizei und Gericht einzuschalten, verteuert die Geschichte bloß. Also erschleicht sich Joubert mit gefälschten Antrags-Unterlagen einen Kredit bei einer Bank, für den die Betrüger zur Rückzahlung verpflichtet werden. Auf diesen Mikro-Krediten bleibt die Bank dann oft sitzen.

5 Gedanken zu „Ein Dalang wird zum Schatten

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