Die Nasenwarze

Rudis-Nasenwarze

Für eine schön tote Leiche geh ich meilenweit. Iss doch viel interessanter, als sein Mittagessen oda seinen Hund zu fotographieren. Zu Rudi brauchte ich nich weit zu gehn. Er lag gleich in der Nähe des „Rattenlochs“, in dem ich fürchterliche Pionier-Jahre erlebte. Arte kam auch, der früher im traditionellen Haus Rudis einen Laden führte und zu jeder Nachtzeit illegalen Schnaps an die Säufer verkaufte. Unter dem Vordach, wo sie früher lärmten, war nun ein Altar mit kleinem Kreuz und 2 Kerzen aufgestellt, denn Rudi, der mich immer holländisch „Brur Thomas“ nannte, war Katholik. Nun befand er sich mit dunkel-olivgrüner Gesichts-Farbe im Sarg. Offensichtlich hattense wieda das Formalin gepantscht (Es roch auch ziemlich merkwürdich.). Jedesmal wenn ich ihn traf, wollte ich zur Schere greifen, um ihm die markante Nasenwarze abzuschneiden. Muß man sich ma vorstellen, imma son Ziel-Knopf vor Augen zu haben. Ob dieser mein Wunsch irgendwie pervers iss? So eine Art untabewußter Trieb, die Welt zu verschönern?
Rudi, etwa so alt wie ich, jedoch 10 Jahre älter aussehend – über sein genaues Alter gabs unterschiedliche Informationen, die Angabe „64“ auf dem Sargdeckel war jedenfalls falsch – Rudi war schwer herzkrank. Das hinderte ihn nich, während der Festtage tüchtich Hundefleisch, Drehschwein, Schnaps und Zigaretten zu konsumieren. Dann lieh er sich von Linda, mit der er in der gleichen Partei GOLKAR tätig war, ~600EUR und fuhr allein nach Tomohon, wo er ein weiteres Haus besaß. Was er dort machte, iss unbekannt, seine Frau kümmerte sich jedenfalls schon lange nich mehr um ihn. Zurückgekehrt, starb er in der Nacht.
So rückten nich nur wir Verwandten massenhaft an, auch die verschiedenen Organisationen, in denen Rudi für Staat, Kirche und Wirtschaft tätig war, entsandten Delegationen. Selbst der Regierungs-Präsident, der allein an diesem Tage noch 5 andere exzessive Feiern zu betreuen hatte, erschien und knutschte mich wieda ab. Dabei drohte er, uns bald zu besuchen. Oh Gott! Was der wohl will? Wahrscheinlich Geld. Ich war jedenfalls froh, daß wir Rudi kein Geld geliehen hatten, denn Linda, die uns ihre Schulden imma noch nich voll zurückgezahlt hat, kann ihr Geld nun abschreiben. Hi, hi!
Jede Delegation muß singen. Zum Bleistift: „Jesus, Hoffnung meiner Seele!“ (DA-DUMM, DU-DUMM!). Die Katholiken sogar lateinisch. Donnerwetter! Dafür hatten die Roadies in 1Std. Sound-Check mit größtmöglicher Lautstärke die Monster-Sound-Anlage „eingestellt“ – mit dem Ergebnis verzerrter Wiedergabe, Rückkopplungen, einem alles versumpfenden Baß, und jeder Atemstoß ins Mikrofon ein Paukenschlag.
Dagegen hatte der Männerverein „Kaum Bapak Katolik“ alles straff im Griff. Bekleidet mit militärisch gestylten Jacketts, Modell „Wüstenfuchs“ – ohne und mit Schulter-Klappen, die Ränge mit 1 oder 2 Knöpfen gekennzeichnet – die auch ein flappiges Wappen mit dem Motto der Organisation aufwies: „Familia“ (Lilien), „Ecclesia“ (Kreuz) und „Patria“ (Lanze mit Nationalfahne). Da haben die Jesuiten Manados ganze Arbeit geleistet. Anders als die zum Teil angenehmen Gruppen-Gesänge, sofern sie nich in einer kitschigen Yamaha-Soße absoffen, sangen die Soldaten Christi trotzich und holzich wie zu Kaisers Zeiten in Köpenick:

„Für Familie, Kirche und Vaterland!
Das ist das Motto der Männer-Vereinigung
des Bistums Ma-na-doooh.“

Gleichzeitich quaselte mir meine Frau in die Video-Aufnahme: „Meine Power-Bank ist da!“ Kannste ma sehn. Diese Wilden ham übahaupt keine Pietät. Besonders die Fraun fummelten dauernd an ihren Handphones rum, manche telephonierten sogar mit vor den Mund gehaltener Hand, und einige schliefen einfach während der zahlreichen Reden. Nur als der bubihafte Priester seine Kartoffel-Chips kostenlos verteilte, wurden se wach. Na ja, son paar Klingelsäcke gingen schon rum. Dafür hatte mir meine Frau extra 62,5Cent gegeben.

Kelche

Der Bubi hatte sich sogar was zu trinken mitgebracht – in einer kleinen Flasche „Red Bull Energy Drink“. Diese Priester können nich ma 5Std – so lange dauerte der Zirkus – ohne Alkohol auskommen. Zwar hielt er 2 Kelche in die Luft, als ob er das oft durch die Dächer tropfende Regenwasser auffangen wollte, gab aba niemandem was ab. Außerdem traten 4 Männer mit Röcken auf, und wenn ich nich in einem den Maurer erkannt hätte, der mir mal ein verschiebbares Wehr gebaut hatte, das sich hinterher nich öffnen ließ, hätt ich sie für Schwuchteln gehalten.
Obwohl man zu manchen der christlichen Gesänge gut hätte Walzer tanzen können („Jesus, erlös mich von meinen Sünden!“ DUMM-DA-DA, DUMM-DA-DA), mußte ich mir das genauso verkneifen, wie Rudi die Warze abzuschneiden. Geräuchert wurde er auch, damit er länger frisch bleibt. Dabei hielten sich die Nicht-Katholiken die Nasen zu. Muß man vastehn. Wer nur Gülle-Geruch und brennenden Müll gewohnt iss, für den iss Weihrauch unangenehm. Genau wie einer, der sich imma mit Krach umgibt, Stille nich ertragen kann.

Abschied

Dann wurde endlich Abschied genommen. Nich nur der Männer-Verein patschte Rudi dabei auf der Stirn herum. Die engsten Angehörigen bekamen kleine Aids-Schleifen mit Blümchen, die sie ihm an die Jacke steckten. Es hat etwas sehr Anrührendes, wie die Trauernden bis zum endgültigen Verschließen des Sarges noch körperlichen Kontakt zum Toten halten. Doch damit war das Theater nich beendet. Denn nun wurde die verchromte Tragbahre hergerichtet, uniformierte Beamte nahmen Aufstellung und grüßten den Sarg militärisch auf Kommando. Dann schien es zu „meinem“ Friedhof zu gehen, und ich lauerte schon im „Lorong Jerman“. Stattdessen marschierte die Truppe an mir vorbei, um Rudi ersma bergab in die katholische Kirche zu bringen. So hab ich das „Abendmahl“ von Leonardo da Vinci fotographisch verpaßt, das auf der Seite des Sarges angebracht war. Nach einer weiteren Stunde hamse Rudi dann endgültich versenkt. Dazu hatte ich aba keine Lust mehr und hab zuhause schon Käsebrot gegessen. Und latürnich hat keiner der Lob-Redner – jeder bekommt 1 Schirm als Belohnung – erwähnt, daß Schatzmeister Rudi die Kirchenkasse um ~120EUR erleichtert hat. Zwar wollte er die zurückzahlen, aba das geht ja nu nich mehr.

Sarggeleit

12 Gedanken zu „Die Nasenwarze

  1. Ja, schöne Geschicht. Aber 120 € Schwund ist doch eine Bagatelle.

    PS: Ich wollte ja zuerst Hühnerschiß schreiben, war mir dann aber plötzlich wieder unsicher, ob das auch als Synonym für Kleinigkeit durchgeht. ^^

  2. 2Mille Rupiah (~120EUR) beträgt etwa das monatl. Anfangsgehalt eines kleinen Beamten, der damit noch Frau und 1 Kind ernähren kann. Auch die Jahresmiete für ein Haus im Dorf. Also hier keine Kleinigkeit. Nur die importierten Luxusgüter wie Auto und PC sind so teuer wie in D.
    Interpretieren kann man m.E. daraus nur, wie aufgeblasen und hohl hier Christentum praktiziert wird, denn dieses Verhalten der Schatzmeister ist eher der Regelfall.

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