Dicke Beine

Schulmaedchen

„Denn nie ist, was wir an uns schätzen,
zugleich des anderen Ergetzen.“
Karl Heinrich Waggerl

In ihrem Essay über das Thema Sexualität bei Arno Schmidt („Wo bleibt vor solchem Traum die Wirklichkeit?“) wirft Monika Albrecht (*1953) nicht nur dem Schriftsteller ein gestörtes Verhältnis zu Frauen vor, auch der Zeichner Robert Crumb bekommt gleich sein Fett: „Die Beharrlichkeit, mit der Crumb seine Comic-Welt mit weiblichen Figuren bevölkert, deren Ausmaße in der Realität kaum eine Frau unter tausend aufweist, scheint mir keine wesentlich andere zu sein als diejenige, mit der Arno Schmidt seinen Lesern Figuren- und Handlungskonstellationen zumutet …“. Diese bekannte Standard-Feststellung – normalerweise bezogen auf die rassistische Zuchtwahl von Mode-Bunnies – erscheint mir für das Panoptikum Crumbs völlig unsinnig. Man möchte fast annehmen, Monika habe Crumbs Frauenwelt nicht wirklich gründlich betrachtet und nie erlebt, seinen Figuren auf der Straße zu begegnen. Neulich bei Rudis Beerdigung, wo die sonderbarsten Ärsche an mir in Gesichtshöhe vorbeipromenierten, schienen die Leute geradezu seinen Skizzenbüchern entsprungen. Abgesehen von der abwegigen Gleichsetzung von Kunst und Realität, greift hier auch die Schmidt-Rezeption falsch an – ein Schriftsteller, der wie kein zweiter das muffige Klima der mittfünfziger Jahre mit seiner moralinsauren Bevormundung der Medien durch die Kirche geschildert hat. Schmidt zeigt geradezu exemplarisch die Situation der Männer jener Zeit. Mit welcher Distanz, darüber läßt sich streiten. Wer hat in den 50ern das Grundproblem der Kriegs- und folgender Generation in der Unterscheidung zwischen Frauen, die „gut lassen“ und Frauen, die „nicht gut lassen“ prägnanter und vor allem witziger auf den Punkt gebracht? Außerdem kann inzwischen jeder rezipieren, was zu ihm paßt, seit die Kunst nicht mehr von Köln aus geregelt wird. Jedenfalls geht die Kritik der aufgeklärt-emanzipierten, eher bitter-humorlosen Monika ebenso am Zeitbezug vorbei, wie Crumb – mit all seiner von ihm selbst zugegebenen Fixierung – nicht als Hieronymus Bosch der 60er Jahre erkannt wird. Seine „katholischen Schulmädchen“ von 1972 sind so treffend wie nie zuvor wiedergegeben, daß man annehmen könnte, er habe sich zeitweise in Manado aufgehalten, wo das dicke Bein überall triumphierend aus zu kurzen Röcken und Hosen lugt. Wenn es sich nicht um eine Obsession der Dicken handelt, möglichst viel von ihren Körpermassen zu zeigen, so zumindest um die völlige Abwesenheit von Selbsterkenntnis.

selbst-spiegelnd

6 Gedanken zu „Dicke Beine

  1. So ein bißchen vom Kultusministerium deroselbst per Erlass von 2011 (doch schon) feministischer „Schuß-nicht-gehört“ in Gestalt des „Zukunftstages“ genannten Sitzpinkler-Erziehungstages – Verzeihung: Boy’s Day – versuche ich gerade mit meinem 14jährigen Sohn zu diskutieren. Typischer Fall von Zuspätkommer-Gesetzgebung, die mittlerweile Jungen zwangsweise in soziale und pflegerische Institutionen schicken will, damit sie später Friseusen werden sollen, während die Mädchen auf den Bagger klettern dürfen. Die spinnen doch, die Römer/-innen?

  2. Die Friseure werden später katholische Priester, die am Gymnasium Religion unterrichten. Das gab’s schon zu meiner Zeit in D. Klingt trotzdem unheimlich, künstlich und rätselhaft für mich, was Du da beschreibst. Hier erlebt man eine Männerwelt, die noch nicht mal das Niveau der 50er erreicht hat. Gleichzeitig sind überall emanzipierte Frauen am Drücker, als Unternehmerinnen, in der Politik, und die Bürgermeister sind ringsum schon fast alle weiblich. Dabei beweisen sie ständig, daß sie genauso korrupt wie die Männer sein können.

  3. Das wäre demnach vorbildlich.🙂
    Künstlich und rätselhaft, das trifft es, und vor allem an der gelebten Realität vorbei. Da paßt sogar das Schutzkörbchen im Auto.
    Vermutlich hat man 20 Jahre für die Entwicklung dieser kultusministeriellen Errungenschaft gebtraucht, die ihren Ursprung im U.S.-amerikanischen „Töchter-Tag“ hat, nur hat man auf typisch deutsche Weise daran herumverbessert, bis es ins Gegenteil der Absichten umgeschlagen ist, von Förderung der Gleichberechtigung zur Diskriminierung, nur weil man auf politischer Ebene in der Gehaltsdebatte hilflos ist und hofft, das wächst sich von allein aus, ungefähr wie die innerdeutschen Verständigungsprobleme zwischen Ost- und Westdeutschen. Da setzt man auch auf Generationenwechsel statt Verwaltungsmaßnahmen.
    Ich hätte nie gedacht, dass man ausgerechnet nach einem Leben im drolligen Österreich Deutschland als Ansammlung von Zwangs- und Angstneurotikern empfinden könnte.

  4. Das ist mir wirklich alles eigenartich fremd geworden in den mehr als 13 Jahren, die ich in einer gesellschaftlichen Unordnung verbracht habe, die man weder in Österreich noch in D so elementar erleben kann. Dabei bleibt aber das, was passiert noch sehr natürlich und verständlich. Die 6 Richter z.B., die man gerade wegen Korruption anklagt, verhalten sich nicht grundsätzlich anders als meine Ziegen.

  5. Wahrscheinlich sieht man das auch pragmatischer, ohne diesen ganzen pseudo-philosophisch-idealistischen Überbau, denn was im Kern übrig bleibt ist eine Art Streben nach Gewinnmaximierung.
    In deiner Umgebung ist das noch personen-, familien, oder sippenbezogen, in D eine Sache der im Hintergrund Wünsche äußernden Wirtschaftslobby, in Ö eine ziegenähnlichere unverhüllte Mischung von beidem.
    In Deutschland lehnt man sich demnach gegen Unsinniges nicht gegen niedriges und als solches jedem bewusstes Gewinnstreben von Privatinteressen auf, sondern „verstößt vorsätzlich“ gegen das alles tragende Gemeinwesen.

  6. Gleich ist das elementar Tierische, die Sicherung des Überlebens, aber auch die Gier nach immer mehr und letztlich allem. In D ist das fein verdeckt, und ein übermächtiger Staat regelt alles bis ins Detail. An sich ist das die bessere Idee, damit alle einigermaßen gut leben können (und es funktioniert auch schon sehr lange!). Nur verselbstständigt sich das bis zu einer erstickenden Enge und Kompliziertheit. Kulturelle Interpretations-Probleme haben die Wilden jedenfalls kaum.

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