Der Tiger-Trank

Billy

Billy, der Sohn meines Neffen Dolop, und Teddy, ein weiterer Neffe, hatten Geburtstag. Deshalb fuhren wir nach Karegesan, wo es, wie der Name sagt, immer windig ist. Davon war nichts zu merken, weil es sowie ziemlich dezember-gemäβ stürmte.
Dolop hat als Security in Timika, Westpapua, genug Geld gemacht, um sich ein ganz passables Haus zu bauen, auf dessen natürlich zur häβlichen Straβe und nicht etwa talwärts gerichteten Veranda wir platznahmen. Auf der Dorfstraβe promenierten Scharen von Jugendlichen in ihren neuen Klamotten, einer von drei Jungen mit rot gefärbten Haaren. Während der Klan die verschiedensten verwandschaftlichen Neuigkeiten austauschte, sorgte der Ferien-Irokese Billy – in der Schule sind solche Haarschnitte nicht erlaubt – für die Geräusche: Die neuste Plage sind mit Kleband zu einem Rohr zusammengefügte Blechdosen, an deren einem Ende sich eine Feuerzeug-Zündung befindet. In das Rohr wird etwas Brennspiritus gefüllt, durch Drehen verteilt und dann WUMM! Meine prall-dicke Nichte Stella erzählte empört, wie sie vor Schreck mal ihren Motorrad-Lenker verrissen hatte, auch wurde Billy aufgefordert, woanders zu rumsen, doch störte ihn das nicht weiter. RUMMS! Direkt hinter Stella. Dolops mickrig-kantige Schwiegermutter zeterte, daβ die Rangen sich die Rohre zwischen die Beine stecken und es hinten rausfurzen lassen. WUMMS! Es gibt in Indonesien keine Gemütlichkeit. Schon die Vokabel „ramah-tamah“ hört sich eher nach dem üblichen Durcheinander des übergeselligen Beisammenseins an. Dazu gehört vor allem, daβ man iβt. Auf dem Tisch sind verschiedene Schüsseln mit mehr oder weniger Genieβbarem aufgetragen. Tote Fledermäuse z.B., „Batman“ genannt, natürlich Hundefleisch und Pangi, gehäckselte Blätter, die wie schwarz-gebratene Holzwolle aussehen, aber ganz gut schmecken können. Ich hielt mich lieber an eine Alocasien-Art, die wie Kartoffel schmeckt, dazu Cap Cae, ein auf chinesische Art bereitetes Gemüse mit Soβe, die mir hier keiner über die Hose zu kippen versuchte. Als Nachtisch löffelte ich einen Maispudding aus einem kleinen Plastik-Behälter. Es war zwar 15Uhr30, doch essen muβ man was.

Tigertrunk

Trinken sollte ich auch. Dazu wurde ein oben mit Plastikfolie abgedichtetes Keks-Glas zwischen die Schalen gestellt. Und so schwammen vor dem Nasi Jaha (in Bambus gekochter und in Banenblatt eingewickelter Reis) in leicht trübem Schnaps 1 Hirsch-, 1 Tiger-Fötus und 2 Krokodil-Penisse. Teddy, schon mit glasigem Blick und ungewöhnlich gesprächig, der sich das Gesöff zusammen mit roter Cola und Bier reinkippt, und dafür schon mal einige Tage im Bau saβ, weil illegal gebrannter Schnaps illegal ist, erklärte, daβ man davon stark würde. Es sah genauso aus wie in der Eingemachten-Sammlung des Senckenberg-Naturmuseums in Frankfurt (Sollte ich dort mal wieder vorbeikommen, werde ich den Aufseher fragen, ob er es AUCH trinkt.). Der Tiger stammte jedoch aus Sumatra, wo sie seit den 80er Jahren permanent aussterben. Vermutlich leben einige Tigerschutz-Funds von ihrem anhaltenden Verschwinden. Obwohl ich zunehmend zur Schwäche neige, zog ich es vor, Cola ohne Tiger, Hirsch und Penisse zu trinken. Auch weigerte ich mich, die hübsch gefärbte „Fruit Dove“ (Ptilinopus pulchellus) im Käfig zu fotographieren, die Dolops dünner Schwiegervater präsentierte, und die nur Bananen akzeptiert. Ich fotographiere ungern Lebenslängliche, und den Käfig zerschlagen, wie seinerzeit den der Vogelfänger, konnte ich hier nicht.
Unmittelbar nach der Erfahrung des gescheiterten Stadtwaldes in Danowudu war dies, wie üblich, interessant und deprimierend zugleich. Zeigte es doch exemplarisch, wie hoffnungslos die Situation der Natur Indonesiens ist. Wenn die Tiger wenigstens twittern könnten. Dann würde man sie zwar auch verfolgen, müβte sie sich jedoch als „Freunde“ erhalten.

4 Gedanken zu „Der Tiger-Trank

  1. interessant weil unbegreiflich, aber zweifellos deprimierend, dass sich dieses vormittelalterliche magische Analogie-Denken nach wie vor hält … grübel … ob Fötus-Schnaps wohl doch tierisch kindisch macht?

  2. Ganich nötich, weil der vorherrschende Eindruck ist, daß man es überwiegend mit Infantilen zu tun hat. Wobei das weiter östlich noch erheblich extremer wird.

  3. Pingback: Birthday Party Drink | UNGEMALTES

  4. Pingback: Ein Dalang wird zum Schatten | Flaschenpost

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