Kopflos

baumriesenbrett

„… so weit ging der Kopf gar nicht in den Nacken zu legen, wie hier nötig gewesen wäre !“ Arno Schmidt, „Grosser Kain“, 1961

Da uns unser ehemaliger Kontaktbereichs-Beamter zu Weihnachten in sein neues Haus am Hang des Vulkans Dua Sudara eingeladen hatte, nutzten wir die Gelegenheit, den nahegelegenen geschützten Urwald zu besuchen. Dort hatte ich in den 80ern zum ersten Mal Baumriesen mit Brettwurzeln bewundert. Nach Überqueren einer Brücke waren wir bergauf und –ab relativ bequem auf einer Art Forst-Lehrpfad durch den dichten Wald gewandert, der gleichzeitig als Reservoir für die Wasserversorgung der Hafenstadt Bitung gedacht ist. Damals war es dort so düster, daβ ich erst beim Heraustreten merkte, wie das dichte Blätterdach den Eindruck vermittelt hatte, die Sonne sei hinter Wolken verschwunden.
Der Eingangsbereich nun umgestaltet. Ein vergammeltes Kassen-Häuschen wie im Kino, das wahrscheinlich nie bedeutenden Andrang erlebte, denn die Anlage zeigte sich als völlig verwahrlost, das Wächterhaus nur noch eine Ruine. Die übriggebliebenen Riesen-Bäume mit Kärtchen benagelt, die botanische und indonesische Namen vermerken.

Dschungelbruecke

Nach einem kurzen Weg über Steinstufen die Brücke: Nur noch 2 Eisenträger, über die man mit viel schwindelfreiem Mut den leeren, jedoch tiefen Fluβ-Canyon überqueren könnte, wenn der Weg auf der anderen Seite noch vorhanden wäre. Ohne Kompaβ verlöre man im dichten Wald schnell die Orientierung. Wir kehrten um, nicht ohne eine Menge Bisse irgendwelcher unsichtbarer Waldflöhe mitzunehmen, die sich zu wüst juckenden Quaddeln am ganzen Körper entwickelten. Ich krauche jeden Tag im Wald herum, mußte mich mit bettelnden Orängetängs, Blutegeln, Schlangen, angriffslustigen Bienen, Hornissen und Ameisen auseinandersetzen, doch so etwas hab ich noch nicht erlebt. Sehr effektive Park-Wächter. Da geht keiner ein 2.Mal hinein.
Unser Kontakt-Polizist erläuterte, daβ die Wilden inzwischen die Affen jagen und verspeisen, und das ganze Danowudu-Projekt praktisch aufgegeben sei. Es paβt auch nicht mehr zu den vorbeiröhrenden Motorrädern und zu seinem neuen Haus im Ripple-Stil. Die groβrohrige Haupt-Wasserleitung wird von den Dörflern illegal angezapft. Suntik, wie beim Spritzen. Musik bekommt er anscheinend auch gratis von einem dröhnenden Nachbarn. Er selbst beklagte sich über eine „Rotwein-Allianz“ irgendwelcher christlicher Dunkelmänner, die in der Nachbarschaft ständig ihren Wahnsinn lautstark zelebrieren. Bauen Polizisten unangemessen schnell, wie ein Polizei-Chef, der im ersten Monat ein Grundstück „erwarb“, im zweiten mit dem Bau einer Villa begann, so werden sie schon im dritten eventuell wieder versetzt, bevor die Korruption sich richtig entfalten kann. Bitung ist mit Hafen und Industrie dafür zu verführerisch. Mutasi nennt man das Prinzip, das die Korruption veringert jedoch nicht beseitigt. Es lohnt also kaum noch, sich mit Polizei-Chefs anzufreunden, nicht nur weil ich sie durchweg als schlitzohrige Lumpen erlebt habe, sondern weil sie zu schnell wieder verschwinden.
Dafür daβ wir „unserem“ Beamten ausgesonderte illegale Diefiedies mitbrachten, bekamen wir einen Thunfisch im Karton, der aber schon tot war – der Thunfisch. Der Beamte ist nämlich für ein Fischerdorf zuständig und hat deshalb immer Fisch zu Weihnachten, den er nicht selbst zu fangen braucht.

polizeihaus

4 Gedanken zu „Kopflos

  1. Pingback: Verfallen | UNGEMALTES

  2. Latürnich nicht, aba ich muß mich ja richtich ausdrücken, damit es keine Mistverständnisse gibt.

  3. Pingback: Der Tiger-Trank | Flaschenpost

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