Besinnungslos

friss

„… Und der Mund schnappte mir vor dem <oder> von alleine zu; denn ich bin, wie jeder anständige Mensch, meiner Ansichten oftmals müde.“
Arno Schmidt, „Windmühlen“, 1960

Zwar existiert das Wort „besinnlich“ in der indonesischen Sprache (merenungkan), dabei handelt es sich jedoch eher um eine selten wahrnehmbare Art Nachdenklichkeit, schon weil keine Winter-Stimmung zu erfahren ist. Vorherrschend ist das weitgehend inhaltslose kollektive Geplapper, Geschrei und Gekreische, weshalb Facebook und Twitter für die Wilden wie maβgeschneidert erscheinen und ein gigantischer Erfolg in Indonesien sind.

Im Café „Excelso“ in Manado fotophoniert eine westlich gekleidete Edel-Dame ihre Pommes. Und ab damit ins Netz zu den Millionen anderen Freβ-Bildern, die das Internet zum zähen Brei werden lassen. Das Rattern des Plastik-Maschinen-Gewehrs auf einem ferngelenkten Kleinkinder-Auto begleitet das Gebrüll Anonymer in der Art italienischer Mama-Klöpse aus den Decken-Sehrlautsprechern des Freβ-Zentrums der Mega Mall: „Aaave Maariiieaaaaah“. Es ist so erschütternd, daβ mir die Erdnuβ-Soβe vom Teller zu springen droht. Nebenan sitzt eine junge Frau und betet vor dem Essen, hält jedoch schon Löffel und Gabel in der Nudel-Suppe. NIE hab ich früher, als ich klein und zum Beten gezwungen wurde, mit Besteck gebetet. NIE! Dazu kommen die elektronischen Schlagzeug-Geräusche aus der offenen Spiel-Hölle um die Ecke. Opern- und Chor-Gesang sind diesjährige Mode. Könnte einen moderat umsäuseln, aba nich mit 2000Watt-Anlagen. Da hört man dann sogar, daβ sie ganich „ol se teim“ djinngelln, wie ich kürzlich behauptet hatte, sondern „ol se way“, was aba weder inhaltlich noch foltermäβig einen Unterschied ausmacht. Meine Mutter war imma der Ansicht, man sollte diesen schwülen Sängern mehr zu essen geben, damit se nich so schrein. Doch „real men is always in control“ stand da in falschem Englisch auf einem Angeber-PKW.

tuten

Richtich spannend anzusehen sind all die Motorrad-Balance-Akte in voller Fahrt mit Eingekauftem und Kleinkindern. Eins tutete ohne Helm in seine goldfarbene Papier-Tute, weil man hier zu Weihnachten in Tuten tutet. Wahrscheinlich ein alter jüdischer Brauch, um Mauern zum Einstürzen zu bringen. Doch ist das Tuten anscheinend unmodern geworden. Kaum ein Wilder tutet noch, seit alle mit Karaoke ausgerüstet sind, und sie mit ihren Monster-Anlagen Gebäude und Trommelfelle beschädigen können. Auf Bali hab ich mal ein Eier-Transport-Motorrad beobachtet, bei dem die Eier in offenen Regalen seitlich links und rechts gelagert waren. Was passiert, wenn der Fahrer durch ein Schlagloch braust? fragte ich mich mit Recht. Selbiges wurde umgehend durch das nächste Loch beantwortet. Kein Wunder also, wenn die Eier knapp werden zu Weihnachten, denn die Straβen sind voller Überraschungen.

Und sicher boomt in D zu Weihnachten wieder die Betroffenheits-Industrie, mit erbarmungswürdigen Fotos von Neger-Kindern, die Geld dafür bekommen, daβ sie erbarmungswürdig aussehen, mit Schulkindern, die extra für’s Foto die Schuhe ausziehen, und mit „Entwicklungs-Helfern“, die in deutschen Schulen gesammelte 1000EUR versehentlich für sich selbst verbrauchen und die Kleider-Spenden in Afrika verkaufen. Zugenommen hat nicht die Armut sondern Gewicht und Ansprüche der Wilden. Was hier allein GANZJÄHRIG für Feuerwerk verbraucht wird, da fallen einem die Ohren ab.

2 Gedanken zu „Besinnungslos

  1. Betroffenheits-Industrie, klar. Da wurde sogar ein hypothetischer Tsunami in fernerer Zukunft des Atlantik erfunden, um noch einmal darüber reden zu können, weil der Deutsche an sich so gern gruselt unterm Baum.
    Das kitschige Innere ist doch gar nicht so viel anders hier, leiser und weniger augenfällig, dressierter vielleicht, also ohne offensichtliches Besteck in der Hand z.B., weil bewußter in dem lebend, was sonst die Leute denken.
    Die massenhysterischen Auswüchse werden (klima- und amazonbedingt) mehr im Sitzen erlebt und Eiertransporte in der Öffentlichkeit jeglicher Art sind gesetzlich geregelt, weil es so viele Leute gibt, die sowas gerne anzeigen, aber … achnee, irgendwie funktioniert das jetzt doch nicht. Vergiss es. Wilde Deutsche – das kriege ich nicht mal mit Phantasie hin.

  2. Aba es gibt sie doch wenigstens, die Kultur in D, Dich zum Bleistift, man hat dort die Wahl, was man wahrnimmt, und woran man sich beteiligt. Und weitgehend paßt alles noch irgendwie traditionell zusammen. In meiner Region ist da, abgesehen von landwirtschaftlicher Kultur, fast NIX! Nur noch groteske Kopie von Unverstandenem. Und das ist keine Frage des mangelnden Geldes, sondern es reicht einfach im Kopf nich.

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