Mehr Physik

Agus-53

Related“ ist dieser Artikel zum vorherigen in mehrfacher Hinsicht: Gleich in der nächsten Nacht testete Agus die Fliehkraft. Ohne Helm und angetrunken. Ich habe ihn nie mit Helm motorradfahren gesehn, nur auf seinem roda trug er einen Bauhelm. Auch der hätte ihm nichts genützt.
Ich habe ihn in Erinnerung als einen, der sich für schlauer hielt, als er war, und das Foto auf der Einladung für „Dumingguan“, der 2.Totenfeier (die 3. nach 40 Tagen, die 4. folgt in 1 Jahr), spricht für sich selbst. Bei der letzten Bürgermeisterwahl hatte er auf‘s richtige Pferd gesetzt und ist deshalb Blockwart im Lorong Jerman geworden. Allerdings nur kurz. Die Leute erzählten sich nach seinem Tode, wie er sich über den von der Gegenkandidatin in Aussicht gestellten Krankenwagen lustiggemacht hatte. Auch der hätte ihm nichts genützt, denn er war vermutlich gleich tot, nachdem er auf den geparkten Container-LKW prallte. „Die Fliehkraft ist um so größer, je größer die Masse des Körpers und je größer seine Geschwindigkeit ist.“

GRRR

Einmal hatte er mich des Nachts mit sanfter Gewalt davon abhalten wollen, eine Krach-Party zu stürmen. Für die Wilden ist das hier so üblich wie in „Asterix und die Trabantenstadt“, wo es auch nur gespielt wird. Der Tobende kann sich darauf verlassen, daß ihn seine Kumpane im letzten Moment zurückhalten. Nur so hat Texi mal meinen Gegenangriff überlebt, nachdem er eine Latte auf das Dach unseres „Rattenlochs“ schleuderte. Für einen Mann aus dem Westen sind solche Berührungen ungewohnt und Ausdruck eines Mangels an Respekt. Mich machten sie seinerzeit noch wütender. Doch eigentlich war Agus ein ganz freundlicher Mann. Nur fuhr er wie die meisten ungeduldigen Wilden oft zu schnell, wenn er vom Feld kam, wo man trinkt, um sich „aufzuwärmen“. Mir war hier noch nie SO kalt. Und die Scheinwerfer und Rückleuchten, sofern vorhanden und funktionstüchtig – gerade neulich sah ich ein Motorrad, das vorn 2 rote hatte – nun ja, man lebt gefährlich, nicht weil man besonders mutig sondern einfach dumm ist. Fahrschule für Motorradfahrer gibt es nicht. Man dreht ein paar Runden auf dem Polizei-Hof, das reicht. Kinder lernen auf den öffentlichen Straßen, die ganz kleinen sitzen zwischen Fahrer und Lenker, und eventuell noch zwischen Fahrer und Mutter – ohne Helm. Alles was man in D in der Fahrschule lernt nicht zu tun, gehört hier zum Standard-Verhalten. Deshalb haben die Unfälle proportional zur Verbreitung der Motorräder drastisch zugenommen. Und so ein LKW parkt eben, wo er gerade was zu tun hat. Eventuell direkt hinter einer Kuppe, den Reifenwechsel nur durch einen auf die Straße gelegten Stein abgesichert, mit etwas Grünzeug sieht das noch hübscher aus. Agus prallte in der Dunkelheit auf einen Container, zerschlug sich Gesicht und Hirn, schleuderte auf die Gegenfahrbahn, wo er von einem PKW mitgeschleift und überrollt wurde – was er wahrscheinlich gar nicht mehr gemerkt hat. Der PKW flüchtete – von der Polizei empfohlen – da man sonst Gefahr läuft, am Unfallort gelyncht zu werden.
Man konnte Agus mit seinem offenen Schädel nicht mal mit Formalin vollpumpen, und so gab es eine schnelle Beerdigung. In der 3.Nacht, wo die Seele noch mal zuhause vorbeizuschauen pflegt, war es dann eigenartig still im Lorong Jerman. Keiner wagte sich am Friedhof vorbei. „Mati manta“, der rohe, vorzeitige Tod des 53jährigen ergibt eine ruhelose Seele, und man bleibt besser im Haus. Deshalb hab ich ja diesen Dummköpfen das Friedhofs-Grundstück geschenkt.

korrekter-Transport

Und gerade noch rechtzeitich kommt die Nachricht rein, einer aus der Gruppe, die mich mal massakrieren wollte, hat sich ebenfalls mit seinem Motorrad totgefahren. Nich daß ich irgendwie schadenfreudich wär. Nö, nö. Derjenige, der mich seinerzeit tatsächlich angegriffen hatte, versuchte ja dann vor Gericht fast meine Füße zu küssen. Aba in der Pädagogik nennt man das „learning by doing“, und die Wilden sagen dazu „katula“, Strafe Gottes. Jetz wird der Lump auch noch auf „meinem“ Friedhof begraben.

3 Gedanken zu „Mehr Physik

  1. watt, der wird auf Deinem Friedhof begraben, der Lump. naja, nu isser tot. über den musst dich nicht mehr ärgern, Tom

  2. Ja, danke: das ist anschaulich genug.

    Mutter mit Helm, Kinder ohne – auch erstaunlich, aber vermutlich irgendwie logisch. Mutter muß ja einsatzbereit bleiben.

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