Press Work

Ziegen-buersten

In Amerika ist es Grundregel, daß von allem, sei es was immer, gesprochen werden muß. Gut oder schlecht, es ist gleichgültig, nur reden müssen die Leute davon. Die ungeheure Größe dieses Landes und das, bis auf einige wenige Ausnahmen, wenig gepflegte Kunst-Interesse zwingen den Künstler, eine Reklame zu entfalten, die ihm anfangs widerstrebt, die aber nicht zu umgehen ist … Alles spielt sich in solch gigantischen Formen ab, daß man, um überhaupt bemerkt zu werden, womöglich noch lauter schreien muß als alle andern. Da heißt es nun, sich immer und immer wieder in Erinnerung bringen, von sich reden machen, ohne rigorose Wahl der Mittel. Man hält sich zu diesem Zweck einen Presseagenten. Seine Hauptaufgabe ist es, jede Woche irgendeine Geschichte zu erfinden, die wenn sie auch noch so trottelhaft ist, durch die Blätter der Vereinigten Staaten geschleift werden soll … Bei diesen Geschichten muß man sein Augenmerk darauf richten, daß darin ja nichts von Kunst gesprochen wird. Das liest nämlich kein Mensch. Das Wichtigste ist die „Headline“! … Diese „Headline“ muß nicht nur einen Extrakt des Inhalts bilden, sie muß auch neugierig machen, denn 80% der Amerikaner lesen nur die Headlines …
… ich trete den Zeitungsreportern mit einer Ziege und einer Schildkröte – beide an einem Schnürl befestigt, entgegen.
„Was ist das?“
„Meine Mascotte! – Mein Porte-bonheur! – Ich bin außerstande, ohne diese Ziege zu singen, sie muß im Konzertsaal mit dabei sein, auch die Schildkröte liebt mich, wedelt mit dem Schwanz, wenn ich mit ihr rede – sie darf nicht fehlen.“ …
„Was frißt sie?“
„Leberknödel.“
… aber eines Tages erklärte ich mit vibrierender Stimme: „Dinorah is dead! – Sie ist an einem Stückchen Gulasch, das ich ihr unvernünftigerweise zu fressen gab, erkrankt, bekam Lampenfieber und – vorbei“ –
„Wo ist sie gestorben?“
„In Washington – Palacehotel im 21.Stock – Zimmer Nr.2480.“ …
Sie war von einem polnischen Juden aus dem Zwischendeck ausgeliehen.

Leo Slezak (1873-1946), „Meine sämtlichen Werke“

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