Volle Leere

emptiness

Es ist geradezu peinlich, heute davon zu berichten, wie man wieder auf einen Leim gekrochen ist. Man habe das ja alles nicht gewußt, keine näheren Informationen. Ich höre geradezu meine Mutter reden. Ein Kollege am Gymnasium, der Japan besucht hatte, berichtete mir begeistert von den Lehren Graf Dürckheims. Daß dieser schwulstige Propagandist des Nationalsozialismus sich nicht einmal vom Krieger zum Heiligen wandeln mußte – wer hat das damals erfahren? Und wie geschmeidig konnten sich Christen dem Zen-Buddhismus anpassen. Der deutsche Jesuit Hugo Makibi Enomiya Lassalle (1898-1990) sah in seinem Zen-Institut in Japan sogar die Keimzelle eines neuen katholischen Ordens, denn es gab eine offensichtliche innere Verwandtschaft zur christlichen Mystik. Und Ernst Stürmer erklärte die verschiedenen Wege des Zen, wie der deutsche Philosophie-Professor Eugen Herrigel 3 Jahre brauchte, um zum ersten Mal einen Pfeil in Japan abschießen zu können. Den Säufer und Großmeister des Zen Alan Watts entschuldigt man damit, man müsse unterscheiden zwischen der edlen Lehre und unzulänglichen Lehrern. Außerdem solle man nicht immerzu bohren. Da sei ein Zeichen für unzureichende Erleuchtung. Vielmehr folge man den Gurus und gebe sein übergroßes Ich auf. Für Professor Brian Victoria, dem man u.a. vorwarf, den Säulenheiligen D.T. Suzuki falsch übersetzt und grundsätzlich mißverstanden zu haben, war das ein weiterer Anstoß zur Tiefenbohrung, nach der er nun auch den intensiven Kontakt Suzukis zu Nazis wie Dürckheim nachweisen konnte. Nein, es handelte sich nicht um Mißverständnis oder Mißbrauch einer Todes-Mystik. Auch der Trappistenmönch Thomas Merton (1915-68) konnte alles mit allem verbinden: „Zen ist Bewußtsein ohne die Struktur einer besonderen Form oder eines besonderen Systems, ein trans-kulturelles, trans-religiöses, trans-formiertes Bewußtsein. Deshalb ist es in gewissem Sinne ‚leer‘.“ Und deshalb kann man ALLES hineinpacken: „Buddhismus und biblisches Christentum stimmen in ihrer Ansicht über die augenblickliche Lage des Menschen überein. Beide sind sich bewußt, daß der Mensch irgendwie nicht die richtige Beziehung zur Welt und zu den Dingen in ihr hat, oder vielmehr, um es genauer zu sagen, sie erkennen, daß der Mensch in sich selbst einen geheimnisvollen Hang hat, diese Beziehung zu verfälschen, und viel Energie darauf verwendet, die falsche Auffassung, die er von seiner Welt und von seinem Platz in ihr hat, zu rechtfertigen. Diese Fälschung nennt Buddha Avidya, meistens mit ‚Unwissenheit‘ übersetzt; sie ist die Wurzel alles Bösen und jeden Leidens, weil sie den Menschen in eine zweifelhafte, tatsächlich unmögliche Lage bringt.“ Und wenn Merton den vietnamesischen Mönch Thich Nhat Hanh zitierte, war er schon nahe dran, doch nicht nah genug: „Der traditionelle Buddhismus, formell, starr, doktrinär, museumsreif, ist belanglos für die moderne Welt, nicht weil er mit der heutigen Wirklichkeit, sondern weil er mit der menschlichen Erfahrung selbst keinen Kontakt hat.“ Der Vietnamese wußte sogar, wie man an bellenden Hunden vorbeikommt: „Next year if I come back here to do walking meditation with you, perhaps this dog won’t bark at us as we walk by. You will practice walking meditation troughout the year and the dog will become familiar with your way of walking mindfully.” Und seine amerikanischen Zen-Studenten haben bestimmt alle zustimmend gelacht über so viel Weisheit: „For us the singing of birds often expresses joy, beauty and purity; it evokes our love of life. But looking more deeply, we can see that birdsong can also create suffering. One day while sitting quietly in the forest, I suddenly trembled when I heard a bird’s call. I could see that the worms, hiding under leaves or in the hollow of a tree, trembled just as I did. The call of birds can make worms and insects afraid, just as humans become afraid when we hear the tiger’s roar.”
Was mich betrifft – in Ermangelung eines Tigers – sind es vor allem die vielfältigen Variationen menschlicher Wahnvorstellungen und abstruser Verhaltensformen, die mich erzittern lassen.

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