Das Eis schmilzt

Dore-Inferno

„Denn sie sind Hohepriester, und ihre Söhne Schatzmeister, und ihre Schwiegersöhne Verwalter, und ihre Diener schlagen das Volk mit Stöcken.“ (Schmählied aus dem Talmud über die boethusianischen Hohepriester)

Das ist auch nötig, und sie bringen sogar Wasserwerfer und Maschinenpistolen mit, denn das Volk ist dumm. Da gibt es nicht nur ein Kleinkleckers-Dorf im Minahasa-Land, sondern jenes unterscheidet sich noch in Ober- und Unter-Kleinkleckers-Dorf. Und Unter-Kleinkleckers-Dorf wiederum in Unter-Kleinkleckers-Dorf-Strand und Unter-Kleinkleckers-Dorf-Mitte. Und sie alle bekämpfen sich gegenseitig. Dazu braucht man nicht einmal Ausländer. Die Bewohner von Ober-Kleinkleckers-Dorf schmeißen einfach Steine von oben auf die Dächer von Unter-Kleinkleckers-Dorf. Und wenn in Unter-Kleinkleckers-Dorf-Strand einige Oberschüler am Meeresrand saufen, kommt eventuell ein „Fremder“ von Kleinkleckers-Dorf-Mitte dazu, und schon beginnt die Schlägerei, die sich aus Rache-Gelüsten wie ein Flächenbrand bis nach Ober-Kleinkleckers-Dorf fortsetzt. Dann erscheinen das Sondereinsatz-Kommando und sogar der Gouverneur, der eindringlich versichert, obwohl einige Häuser abgebrannt seien, handele es sich gar nicht um Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Christen, wie fälschlicherweise im Internet behauptet wurde. Denn schließlich sei man eine große Familie, und die Moslems sängen sogar Weihnachtslieder in der Kirche mit.
Danach fahren die Hohepriester mit ihren Söhnen und Schwiegersöhnen ins Café „Dante“ in einer der Malls Manados, wo aber nicht, wie in Dantes „Inferno“, im 8.Kreis der Hölle die Wucherer im Feuerregen und die Schmeichler im Kot sitzen, die Zauberer und Astrologen mit rückwärts verdrehtem Kopf wandeln, und die Heuchler unter bleiernen, außen vergoldeten Kutten ächzen, oder den Neidern die Augenlider mit Draht zugenäht sind. Sie singen hier auch nicht oder schreien lauthals ihre Gebete, denn das leisten schon die zahlreichen Musik-Anlagen. Aber man trifft eventuell auf einen prominenten betrügerischen Schatzmeister, der dort Kaffee trinkt und dabei mit seinem Handphone spielt.
Hier versuche ich einen Eiskaffee mit „Float“ zu bekommen, der theoretisch eine schwimmende Vanille-Eiskugel enthält. Bei Lieferung – diesmal nicht auf meine neue Hose – entschuldigt sich der Ober, das Eis sei geschmolzen. Nicht nur das, es läuft sogar über. Mein erstes Eis mit Strohhalm. Dagegen ist im „A&W“ das Eis für „Rootbeer mit Float“ gänzlich ausverkauft.
Da sich das Essen im „Dante“ als völlig ungenießbar erweist, probieren wir es das nächste Mal wieder im chinesischen „Taipan“, direkt an der ehemals malerischen Bucht Manados gelegen. Ein früherer Versuch im unfertigen Restaurant hatte verheißungsvoll angefangen. Doch diesmal ist das Lokal „fertig“ – auf eine so schlampige Weise gebaut und gestrichen, daß man den Eindruck bekommt, der Besitzer habe auch jede Hoffnung aufgegeben. Die neue Geschäftsführerin, deren Gesichtshaut ähnlich fleckig ist wie der Anstrich der Deckenlatten, die wellige Bitumenplatten tragen, stellt sofort die Musikanlage auf volle Disco-Stärke, und dreht sie dann sichtbar beleidigt wieder runter, als wir protestieren, weil wir lieber das Glucksen der Pazifik-Wellen hören als wummernden Reggae. 22000Watt, damit werden hier Bambus-Hütten ausgestattet. Während wir essen, pißt 10m unterhalb ein Jugendlicher von der schäbigen, vermüllten Uferbefestigung ins Meer. Die nach nichts außer nach Pfeffer schmeckenden Krabben, die ich verspeise, färben meine Fingerspitzen so rot ein, daß ich sie erst nach mehrmaligem Waschen wieder sauberbekomme. Weil die Leute jede Menge Chemie ins Essen schütten, gäbe es hier auch so viele Mißbildungen, meint meine Frau. Dem einen fehlt das Arschloch, der anderen das Pißloch. Ich vermute jedoch eher die ausgeprägte Insel-Inzucht als Ursache, denn die Wilden werden größer und leben länger.

Lagoon3

Gleich in der Nähe, neben einem ohne Strom und AC nicht bewohnbaren Kubus, schiebt sich das als größtes Gebäude Sulawesis geplante „Lagoon“ in die Höhe, und hat es gerade mal bis zum 3.Stockwerk geschafft. Doch nicht etwa als in sich erbebenfeste Stahlkonstruktion, sondern man pusselt den Wolkenkratzer in der landesüblichen Weise mit Moniereisen nach oben. Geht vorübergehend das Geld aus, bleiben deutlich sichtbare Absätze im Gußbeton. Möge wenigstens die Mischung stimmen! Verkauft ist erst die Hälfte der Wohnungen mit sicherlich eindrucksvollem Meeresblick. Auch soll dem modernen Wilden später dort Gelegenheit gegeben werden, standesgemäß (und hoffentlich tsunami-frei) zu heiraten.

tsunamifreie-Hochzeit

Eine Woche später ist im „Dante“ das Eis immer noch oder schon wieder geschmolzen. Diesmal weist die Bedienung gleich bei der Bestellung darauf hin. Im „A&W“ ist es nach wie vor ausverkauft. Muß erst wieder das Eis-Schiff kommen. Was ist los mit den Polkappen? Hoffentlich hamse wenigstens die Leiche von Nia ordentlich gekühlt, die in Timika/Irian an Malaria gestorben ist, nach Manado überführt werden sollte, aber im Flughafen Makassar vergessen wurde.

Holzstich von Gustave Doré, „Inferno”, 1861

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