No sound of silence

„Aber dann ist dieser Ort ganz von Gott verlassen“, sagte ich verzagt.
„Hast du jemals einen Ort gefunden, in dem sich Gott rundum wohlfühlen könnte?“ fragte William und sah mich ernst von der Höhe seiner Statur herab an.
Umberto Eco, „Der Name der Rose“

Es ist gegen 5Uhr morgens. Ich sitze auf der Veranda in herrlich kühler – nur 24˚ warmer – frischer Luft. Zufällig kokelt nirgendwo Reis-Stroh. Die zugeflogenen Aschenreste der letzten Abfackel-Orgie liegen noch hier und da auf dem Boden. Der leicht diesig verhangene Pazifik in ~5km Entfernung ist zart rosé vom Sonnenaufgang überglüht. Ein Glas Kaffee treibt mir schon wieder den Schweiß aus den Poren. Meine Hähne und die der Nachbarn markieren ihre Territorien akustisch, Sumpfhühner glucksen und quietschen absurd vor sich hin, die tausend elektrischen Rasierapparate der Zikaden noch nicht in Betrieb, alle Frösche sind schlafengegangen. Außer den Wasser-Geräuschen, die mein Haus umzingeln, dringt Vogelgezwitscher aus dem von mir gepflanzten Dschungel in mein Ohr, von Viechern, die ich noch nicht einmal gesehen oder identifiziert habe. Je älter die Bäume werden, um so mehr verschiedene Vögel erscheinen. Die Warane dagegen pflegen nichts von sich zu geben, schon weil nun anscheinend der letzte von den Wilden gejagt und gefressen wurde. Stattdessen versorgt mich der Sehrlautsprecher der ~600m entfernten protestantischen Kirche mit der neusten unfrohen Botschaft. Wenn man Glück hat – wie heute – ist ein alter Knacker oder ein sanfter Pope am Mikrofon, der den Kontakt zu demselben verloren hat und nur vor sich hinmurmelt wie ein verrückter Neger in Philadelphia. Meist sind es aber hysterische Frauen, die sich die Seele aus den Stimmbändern kreischen, so falsch wie möglich singen und ihre Umgebung an ihrem persönlichen Orgasmus teilhaben lassen. Das einzige, was sie damit bei mir erregen, ist nackte Wut. Es ist nicht mal sicher, ob die Protestanten überhaupt noch die Mehrheit im Dorf darstellen, denn es gibt dort inzwischen verschiedene Wiedertäufer-Sekten, die konservativ-stillen Katholiken und natürlich der schneller wachsende Anteil von Moslems. In einem Nachbardorf haben sich die Mehrheitsverhältnisse bereits zugunsten der Moslems verändert. Die aus den USA und Südkorea ferngesteuerten Ekstase-Sekte lehnen das Wecken für alle per Sehrlautsprecher ab, liefern ihre Shows eher später am Abend bei Haus-Gottesdiensten und Festen. Da fährt dann die heilige Furie in die Prediger, und sie brüllen wie am Spieß. Im 1km entfernten Nachbardorf ist in der protestantischen Kirche eine neue Sound-Anlage installiert worden, die uns nun zusätzlich versorgt, dabei früher anfängt und – obwohl weiter entfernt – lauter gröhlt als die in unserem Dorf. Das ist alles von Zufällen abhängig. Heute Morgen schweigt sie – oder ich habe sie schlafend verpaßt – denn sie fangen dort noch in der Dunkelheit an. Vielleicht hat Gott aber auch meine Gebete erhört und sie geblitzt.
Es könnte hier so schön sein. Naturgeräusche stören nicht, im Gegenteil. Doch bald beginnt das protestantische Wunschkonzert mit genauer Angabe aller gespendeten Summen. Dann ist dieser Montag Morgen endgültig verdorben. Das finden auch die Krähen, die sich gerade knarzend darüber beschweren. An besonders üblen Tagen schläft man bei Disco-Gehämmer ein – wenn man kann – und wacht durch protestantisches Gebrüll auf. Wer sich nicht vorstellen kann, wie eine ganze Region von pietistischen Christen vergewaltigt wird, der sollte Nordsulawesi besuchen.
Mittags beginnt dann die Karaoke-Darbietung meiner Nachbarin. Bei der halten es nur die Hühner aus, weil die eine ähnliche Mentalität haben. Und die Hochzeit der schwangeren, minderjährigen Braut (~15) ist um 2Uhr morgens noch nicht zuende.

 

Das Bali-Video ist insofern irreführend, als man an den gezeigten Stellen kaum diese Töne hören könnte, schon gar nicht zu der Tageszeit. Außerdem wird das Fahrzeug-Geräusch unterschlagen. Die Landschaft selbst wirkt auch etwas zu aufgeräumt.

Morning

Ein Gedanke zu „No sound of silence

  1. Pingback: Durch die Stadt des Lächelns | Flaschenpost

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