Idioten-Tag

coffee-smells

„Ja bin ich denn hier nur von Idioten umgeben?“ fragt sich gelegentlich ein Neffe meiner Frau, einer der reichsten Unternehmer der Region. Hierauf ist mit einem klaren „Ja“ zu antworten – zumindest an jenem Freitag in Manado.
Auf der Hinfahrt die Schüler in ihren sportlichen Freitags-Schul-Uniformen rechts und links der Straße herumwuselnd, nach Schulen noch farblich differenziert. Sie müssen an verschiedenen Wochentagen verschiedene Uniformen tragen. Auch das eins der Rätsel indonesischer Pädagogik. Wie immer und überall rangiert Form vor Inhalt.
In einer der zahlreichen Malls Manados, die umstellt ist von übergroßen Beton-Griechen in lasziven Posen, und die im Foyer zusätzlich einen gemalten Himmel mit 3-dimensionalen, bewaffneten Putten als Mehrwert liefert, wollen wir eine Leiter kaufen – was uns später auch recht gut gelingt. Dabei stoßen wir auf die „exclusive residence“-Promotion „Dream Living“, die uns Häuser in einem noch zu bauenden Reichen-Ghetto offeriert, mit dem Charme von Kaninchen-Ställen. Zwar recht gut gestaltet, doch so nah nebeneinander aufgereiht, daß man eventuell die Klo-Geräusche des Nachbarn hören könnte – oder schlimmer noch, wenn er enthemmt betet. 8 Läden sollen die isolierte Anlage von 60 Wohneinheiten versorgen. Tatsächlich ist seit den 50er Jahren bekannt, daß die Ladenstraßen in Le Corbusiers Wohnhochhäusern in Marseille, Nantes und Berlin sich noch nicht mal mit 400 Wohneinheiten rentierten. Unfreiwillig wird die zukünftige Wohn-Situation im Katalog hiermit charakterisiert: „One gate system. 24 hours security system. Panic button system.“ Gut vorstellbar also, wie solch eine traumatische Konzentration von Reichen auf freischaffende Vermögens-Umverteiler wirkt.
Danach begeben wir uns in eins der zahlreichen Restaurants jener geschmacksfreien Zone, die letzteres Defizit durch den massiven Einsatz von gepfefferter Lautstärke wettzumachen versucht. Eins der Restaurants mit dem bezeichnenden Namen „Qua-Li“ liefert dabei gleich die Geräuschkulisse für alle anderen. Eingeweicht werde ich allerdings im „Bamboo-Express“. Eigentlich lebe man ja imma so, als ob Krieg sei. Nich schwer, weil imma irgendwo Krieg iss. Zumal man hier jederzeit von einer schlingernden Ringelschlange übafahrn, von einem Vulkan erwürgt oder von einem TBC-Kranken versehentlich angerotzt werden kann. Trotzdem bin ich nich auf der Hut, weil ganz in den Anblick einer dicken Frau versunken, deren super-enge Kleidung JEDE Falte erfolgreich abbildet. Das wäre nichts Besonderes, wenn sie nich ihre kleine Tochter dabeihätte, die nich nur wie die Mutter geformt sondern sich auch synchron zu ihr wie eine hoch Schwangere bewegt, ohne schwanger zu sein. Und so sehe ich den Melonen-Shake zu spät kommen, den ich u.a. bestellt habe, d.h. ich bemerke zwar, daß er mich zuerst, aber nicht, daß er mich mit zu hoher Geschwindigkeit erreicht. Dem bedienenden jungen Mann – offensichtlich neu in der Branche – rutscht er aus der Hand. Eine neue Hose brauche ich sowieso, das Hemd läßt sich waschen, und meine Armbanduhr geht noch. Auch meine Frau bekommt einen Teil meiner Portion ab. Nachdem wir uns abgetrocknet haben, warten wir nich auf noch festere Lieferungen, sondern verlassen das Restaurant unter expressivem Protest und umgehend.
Als richtich nachteilig erweist sich jedoch, daß unser Verkäufer für illegale Difidies verschwunden iss. Vielleicht verhungert? – denn er war ziemlich dünn. Im Gegensatz zu den anderen Anbietern warnte er uns nämlich imma, bei welchen Difidies es sich nich um technisch ordentliche „Originale“ handelte.

Demo

Dafür stoßen wir auf eine ~18köpfige Gruppe junger „Studenten“ (inklusive Journalisten), die auf dem weitgehend unbegehbaren Bürgersteig vor dem Hotel „Aryaduta“ anfangen rumzuschreien. Durchweg nervös rauchende, stark unfroh wirkende Typen, von denen nicht einer lächelt oder über mich lacht, als sie mich bemerken. DAS iss wirklich sehr ungewöhnlich. Offensichtlich handelt es sich um politisch Verbissene: „Hört auf mit Anarchie, Dummheit und mit Lügen für das Volk! Erfüllt die Verfassung von 1945! Befolgt alle vorhandenen Gesetze!“ skandieren sie. Gute Idee! Dabei stoßen sie ihre Fäuste in geübt sozialistischer Weise wild in die Luft – und einer trägt ein Nazi-Shirt. Da muß ich gleich wieder an die Idioten bei Expat.com denken, die das, was ich hier immer wieder erlebe, für nicht existent erklärten. Während im Hotel staatliche Medizin-Ausbilder tagen, und der Stellvertreter des Gesundheits-Ministers verschärfende Reformen der Prüfungen ankündigt, fordern die verwirrten Revoluzzer rauchend eine Verbesserung der Volks-Gesundheit. Allein an der Uni Manado braucht man nur 16.600EUR zu bezahlen, um doch Arzt werden zu können, falls man das Medizin-Examen nicht bestanden hat, bzw. um trotz bestandener Aufnahme-Prüfung zugelassen zu werden. Das erklärt natürlich, weshalb ich die medizinischen Versuche an mir imma nur knapp übalebe. Solche Zahlen erfährt man nicht nur aus der Zeitung, sondern auch aus konkreten Fall-Beispielen. In Manado gäbe es sowas nich, dementiert die Dekanin der Medizinischen Fakultät. Natürlich weiß sie von nix was, denn die Listen werden von schlechter bezahlten unteren Chargen manipuliert. Überall im Öffentlichen Dienst Indonesiens hilft schmieriges Geld bei der Entscheidung.

Jugend-Bewegung

Auf der Rückfahrt sehe ich noch eine riesige Reklame-Tafel der Pantekosta-Sekte „Mawar Sharon“, die auch Hotels und Restaurants betreibt. Vor einem Hintergrund mit Dschungel-Tarnmuster ist in großen Buchstaben zu lesen: „Army of God – get ready to fight for holiness and righteousness.“

Ich hab noch mehr Idiotisches gesehn, das krich ich aba nich alles in einen Post.

6 Gedanken zu „Idioten-Tag

  1. Was genau wollte die protestierenden jungen Menschen? Nur eine Verbesserung der Volksgesundheit? Was wollten sie dann mit „Anarchie, Lügen und Dummheit“?!
    Ich verstehe das nicht. – Oder ist das gerade das „Idiotische“?

  2. Das ist auch kaum zu verstehen, es sei denn, man läßt sich auf eine Irrationalität ein, die man auch bei deutschen Linken findet. Angeblich handelte es sich um Medizin-Studenten – die nicht danach aussahen – die den Auftritt der staatlichen Gesundheits-Organisation zum Anlaß nahmen, gegen deutliche und extreme Misstände im Gesundheitswesen zu demonstrieren. Dabei wird in typisch linker Manier das System als Ganzes in Frage gestellt, obwohl sich Indonesien – im Vergleich zur Suharto-Ära – in einem deutlichen, jedoch sehr langsamen Fortschritts-Prozeß befindet, und die Regierung selbst gegen Armut, Korruption und DUMMHEIT kämpft. Wie wirr die Positionen in diesem gesellschaftlichen Prozeß sind, zeigt u.a. das Nazi-Hemd.

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