Der enzyklopädische Chinese

Bonn

Es muβ auf einer unserer ersten Reisen ins Heimatdorf meiner Frau gewesen sein, als wir einmal zum nahegelegenen Meer wanderten. Vor der Grundschule in Kema sahen wir einen schick angezogenen Mann mittleren Alters stehen, der uns breit grinsend entgegenblickte. Die Augen in seinem Mondgesicht waren nur noch Striche, und wir bemerkten schon von weitem, daβ er etwas auf dem Herzen hatte. Kaum waren wir auf Hörweite heran, brach es aus ihm heraus:
Selamat siang, Aaltje! – Kennst du mich noch? – Wir sind zusammen in eine Klasse gegangen. Unser Religionslehrer war bapak Kalempow. Der hat doch immer gesagt: ‚Und es erschienen ihnen Zungen, die sich zerteilten, wie von Feuer, und es setzte sich auf jeden unter ihnen. Und sie wurden alle mit dem heiligen Geist erfüllt und fingen an, in anderen Zungen zu reden, wie der Geist ihnen auszusprechen gab.‘ “
Um uns herum liefen die erstaunten Dorfbewohner zusammen und fragten sich, was das zu bedeuten hatte. Einige spotteten und meinten, der Mann wäre betrunken.
Er war im gleichen Alter wie meine Frau und tatsächlich mit ihr bis zur 6. in einer Klasse gewesen. Damals ein beständig grinsender Trottel. Man brauchte ihn nicht erst anzureden, er sprudelte seine Botschaften heraus, sobald man ihm zu nahe kam, als ob man eine Bandmaschine anstellte.
„Ach Hombu! Was machst du denn hier?“
„Ich arbeite hier, ich bin Lehrer. Das indonesische Schulsystem zerfällt in 3 Teile: 6 Jahre Grundschule SD, 3 Jahre Mittelschule SMP und 3 Jahre Oberschule SMU.“
„Was unterrrichtest du denn?“
Ab und zu mit den Augen blinzelnd, den Blick starr geradeaus, legte er los: „Erdkunde und Religion. Protestantische Religion natürlich. Christen gibt es in Indonesien auf Nordsumatra, Flores und Nordsulawesi. Auf Bali leben Hindus. 87% der Indonesier sind Muslime. Ferner gibt es Katholiken und Buddhisten. Die nationale Philosophie ist: Glaube an einen allmächtigen Gott, Humanität, nationale Einheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit.“
Als wir am nächsten Tag vor dem Haus der Schwiegereltern in der Jalan Wellem Bolung saβen, kam Hombu mit Buschmesser in der Hand und Strohhut auf dem Kopf, was ihn wie ein Vietcong aussehen lieβ, breit grinsend die Straβe herauf und rief uns beim Nähertreten zu: „Seid ihr gestern Schwimmen gegangen?“ Und bevor meine Frau antworten konnte, plapperte er schon los: „Indonesien liegt zwischen Pazifischem und Indischem Ozean. Die Hauptinseln sind Sumatra, Kalimantan, Java, Sulawesi und Irian Jaya. Sulawesi umfaβt ein Zehntel der gesamten indonesischen Landmasse. 7% der Bevölkerung leben hier. Die durchschnittliche Luftfeuchtigkeit beträgt 60-90%. Die Regenfälle sind am heftigsten entlang des Äquators, während der Monate November bis Februar. Die trockenste Periode liegt zwischen Anfang Juni und Ende August. Im September ist es in Manado am heiβesten.“
„Bist du eigentlich verheiratet, Hombu?“ versuchte meine Frau seinen Redefluβ zu unterbrechen. Mir taten inzwischen schon seine Schüler leid.
Ya sudah, und ich habe 3 Söhne: Edison, Washington und Johnson. Ich habe sie nach berühmten Männern benannt. Edison hat die Glühbirne erfunden, Washington und Johnson waren amerikanische Präsidenten. Die anderen Präsidenten hieβen Lincoln, Roosevelt, Eisenhower, Kennedy und Nixon. Kennedy wurde erschossen. James Watt hat die Dampfmaschine erfunden. Der 1. Astronaut auf dem Mond hieβ Armstrong. Wo kommt dein Mann her?“
„Aus Deutschland.“
„Deutschland ist zweigeteilt. In West- und Ostdeutschland. In Berlin ist eine Mauer dazwischen. Die Hauptstadt heiβt Bonn. Die Hauptstadt von Indonesien heiβt Jakarta. Die Hauptstadt von Amerika Washington. Es gibt 196Millionen Indonesier. Amerika hat 217Millionen. Wieviel Millionen hat Deutschland?“
„Jaa, ähm, so genau …“
„In Indonesien gibt es 300 Sprachen und Dialekte. Die Währung heiβt Rupiah. In Deutschland Mark, in Japan Yen.“
Hombu ist neben Kim, Chai, Soan und Hoa eins der 6 Kinder des Chinesen Kia, auch Papa Kim genannt. Hombus früh verstorbener älterer Bruder Sombeng war noch verrückter, aber auch nicht bösartig. Papa Kim, ein dürres Gestell aus Haut und Knochen, weil er aus Sparsamkeit fast nur Brei aβ, lief immer mit kurzer Schlabberhose und Unterhemd durch die Gegend. Zusammen mit seiner Frau betrieb er einen Laden ein paar Häuser vom Haus der Schwiegereltern entfernt, der heute noch von seiner ältesten Tochter Kim geführt wird. Sein Geld bewahrte Kia unter dem Ehebett in einem ehemaligen Milchdosenkarton auf, getarnt zwischen Abfall und Verpackungsmaterial. Er warf nichts weg, was nicht noch für den Laden gebraucht werden konnte, und so sammelte sich einiges unter dem Bett an. Seiner Frau, die nichts von dem Versteck wuβte, miβfiel das, und eines Tages schmiβ sie den ganzen Plunder ins Feuer.
Als Papa Kim den leeren Platz unter seinem Bett bemerkte, zerriβ ein Schrei die mittägliche Stille der Dorfstraβe.
„Du hast unser ganzes Geld verbrannt!“ kreischte Papa Kim. Dann konnten die Nachbarn beobachten, wie er mit dem peda in der Hand seine ebenfalls kreischende Frau durch das Zuckerrohrfeld hinter ihrem Haus jagte.
Hombus Schwester Hoa betreibt einen Laden gegenüber von Oom Pauls Haus. Einmal schickte ihr Mann einen Jungen nach mir, damit ich die englische Gebrauchsanweisung eines Fahrradreifen-Reparatursets übersetzte, über dessen Benutzung er seinen Kunden keine Auskunft geben konnte.
Früher spielten Hoa, ihr Mann, Tante Ros und Oom Paul nach Geschäftsschluβ, nachdem man sorgfältig die hölzernen Fensterläden eingehängt hatte, im Laden um groβe Summen Geld, das ebenfalls in einem Karton im Lagerhaus aufbewahrt wurde. Eines Nachts stiegen Diebe über die Grenzmauer und stahlen den Karton zusammen mit einigen Stangen Zigaretten. Danach lieβ Hoa die Mauer erhöhen und oben noch zusätzlich Glasscherben und Stacheldraht anbringen. So konnten die Spieler bei ihrer illegalen Tätigkeit auch nicht mehr von Kindern beobachtet werden. Öffentlich sieht man die jungen Männer manchmal mit winzigen Karten mit aufgedruckten roten Punkten eine Art Domino spielen. Den Verlierer des letzten Spiels erkennt man daran, daβ er eine Schachtel Zigaretten oder sogar einen Fisch am Ohr hängen hat.
Hombu spielt nicht, sondern lernt auswendig, und ich beschloβ, einen so gebildeten Mann mit einem kleinen Geschenk zu ehren, indem ich eine Ansichtskarte aus meinem Rucksack holte. Sie zeigte das beflagte Bundestagsgebäude am Rhein. Hombu nahm sie grinsend entgegen:
„Das ist die deutsche Fahne. Schwarz, Rot, Gold. Die indonesische ist rot und weiβ waagrecht gestreift. Die japanische ist weiβ mit einem roten Punkt.“
Da trat Schwiegervater dazwischen, der bis dahin stumm hinter der Tür gesessen und die Szene durch die Öffnung beobachtet hatte:
„Was ist das für eine Karte?“ fragte er seine Tochter.
„Eine Postkarte.“
„Wofür?“
„Zum Angucken.“
„Warum hat er ihm die gegeben?“ beharrte Schwiegervater eifersüchtig.
„Er hat sie ihm einfach geschenkt.“
„Zeig das mal her!“ forderte er den Chinesen auf. Hombu reichte ihm etwas widerwillig, aber weiterhin grinsend die Karte rüber, ohne ihn dabei anzusehen. Schwiegervater starrte auf die Fotografie und brummte:
„Ist das in Deutschland?“
„Bonn!“ erklärte Hombu selbstbewuβt.
„Warum gibt er ihm das?“ bohrte Schwiegervater weiter, ohne Hombu zu beachten.
„Weil er ihn mag. Als Geschenk“, antwortete meine Frau.
„Nur so?“
„Nur so!“
Dies schien Schwiegervater, dem als Klan-Chef mindestens 2 Karten zustanden, wenn Hombu eine bekam, irgendwie nicht einzuleuchten.
Hombu hatte es plötzlich eilig, sein Geschenk in Sicherheit zu bringen, sah auf seine moderne Armbanduhr und bemerkte:
Aaltje, mo pigi lei, ne! Ich geh’ jetzt!” Und mit seinem peda auf das Haus gegenüber weisend: „Bin jeden Tag bei Mama Sui und baue ihr eine Bambusleiter. Papa Sui kann das nicht mehr. Seit ihm falsche Medikamente verschrieben worden sind, ist er taub. Sein Sohn ist Arzt.“
Und weg war er.

(aus „Unter Hundefressern“, II.)

Ein Gedanke zu „Der enzyklopädische Chinese

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